Joseph Kony in Echtzeit auf der Spur

Sie zerhacken ihre Opfer mit Äxten, schlachten sie mit Macheten und knüppeln sie zu Tode. Seit drei Jahrzehnten terrorisieren die Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) Zentralafrika. Ihr Anführer Joseph Kony sieht sich als spirituelles Medium, das seinen Auftrag, aus Uganda einen Gottesstaat zu formen, von Gott erhalten haben will. Im vergangenen Jahr forderte Konys „heiliger Krieg“ 132 Todesopfer und knapp 500 Zivilisten wurden entführt. Die ugandische Armee konnte die Miliz von ihrem Territorium vertreiben, doch die Armeen der Demokratischen Republik Kongo, des Südsudans und der Zentralafrikanischen Republik scheinen machtlos gegen die Guerillas.

Die US-amerikanische Organisation „Invisible Children“ hat sich vorgenommen, dem Treiben der LRA ein Ende zu machen – mit Hilfe des Internet und Social-Media-Kanälen wie YouTube und Facebook. Höhepunkt der Kampagne ist das halbstündige YouTube-Video „Kony2012“, das die Macher von „Invisible Children“ Anfang März online gestellt haben. In nur vier Wochen verzeichnete es 80 Millionen Zuschauer. Der Film verfolgt das Ziel, LRA-Chef Kony weltberühmt zu machen, um so gegen ihn zu mobilisieren.

Die Aufregung um den Film, der weltweit Zustimmung, aber auch heftige Kritik erfuhr, hat ein anderes Projekt im Rahmen der Kampagne in den Hintergrund gedrängt: den LRA Crisis Tracker (www.lracrisistracker.com), den „Invisible Children“ gemeinsam mit der Friedensorganisation Resolve im Oktober 2011 online gestellt hat. Das Webportal sammelt tagesaktuell die Attacken der LRA und spiegelt sie für seine Besucher auf einer interaktiven Oberfläche wider. Benutzer können auf der Landkarte den Ort wechseln und die Attacken von einzelnen Tagen, Wochen oder beliebigen Zeiträumen einsehen. Die Markierung variiert mit dem Verbrechen: Tod eines Zivilisten, Verletzung, Entführung, Flüchtlinge, Zusammenstoß zwischen LRA und Schutztrupps oder Flucht eines LRA-Entführten.

Infos aus dem Radio-Netzwerk

Den Bedarf für den Crisis Tracker erkannten die Organisationen im Dezember 2009, als die LRA in Makombo im Nordosten der DR Kongo 321 Zivilisten massakrierte. Die Welt erfuhr erst drei Monate später davon aus einem Bericht der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“. Vier von fünf Verbrechen der LRA bleiben unentdeckt.

Als Quelle greift die Website auf lokale NGOs zurück sowie auf Zeitungen und Radio, die Datenbanken der Vereinten Nationen, der USA und afrikanischer Behörden. Das Fundament bleibt jedoch das von „Invisible Children“ installierte Radio-Netzwerk, mit dem die Dörfer ohne Strom- und Internetanschluss einander warnen können. Derzeit besitzen 25 Kommunen diese Funkstationen und zwölf Neuzugänge sind geplant. Das Ergebnis ist die erste Datenbank für LRA-Verbrechen überhaupt. Seit ihrem Entstehen sind 2000 Meldungen eingegangen und täglich kommen zwei bis drei hinzu.

Bangadi in der DR Kongo, nahe der Grenze zum Südsudan: Am Morgen des 20. Februars wird eine Gruppe auf ihrem Weg zur Arbeit von LRA-Rebellen überfallen. Ein Terrorist stirbt, seine Kumpane schneiden einem Baby zwei Finger ab, stoßen ihre Geiseln zu Boden, treten sie bewusstlos und fliehen. Eine Stunde später informieren Dorfbewohner den Bürgermeister von dem Vorfall, der warnt die anderen Siedlungen über Funk und gibt der „Invisible Children“-Station in Dungu die Information durch. Das Team schreibt den Vorfall in die Datenbank, wo ihn die Webmaster in San Diego, USA, analysieren. War tatsächlich die LRA beteiligt, wie glaubhaft ist der Bericht und von wem stammt er? Die Analyse folgt einem strengen Handbuch. Rastafari-Look, bewaffnete Kinder und Acholi-Sprache sind Indikatoren für die LRA. Die Quelle ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit. Je nach Verlässlichkeit wird der Bericht auf einer Skala von 2 bis 5 eingestuft und online gestellt. Lässt sich ein Bericht nicht ausreichend verifizieren, wird er in Kategorie 1 eingestuft und nicht veröffentlicht. Den Vorfall am 20. Februar stellten die Webmaster mit Stufe 3 auf die Website.

Kein gutes Frühwarnsystem

Der Leiter der Station in Dungu, Sean Poole, erklärt gegenüber „welt-sichten“, der Crisis Tracker richte sich vor allem an Entscheidungsträger, beispielsweise an die Armeen der drei Länder oder humanitäre Organisationen. Anhand der Berichte sollen sie erkennen, was die Menschen vor Ort benötigen. Aber der Crisis Tracker ruft auch Kritiker auf den Plan. Koen Vlassenroot, Politologe an der Universität Gent in Belgien, sagt: „Die Daten werden uns als Lösung des Problems präsentiert. Manche Regionen sind aber abgelegener als andere, sodass die Gefahr besteht, dass Attacken nur verzögert oder sogar gar nicht gemeldet werden.“ Der Crisis Tracker funktioniere nicht als Frühwarnsystem.

Hinzu kommen grundlegende Einwände an der Kampagne von „Invisible Children“, die vor allem im Zusammenhang mit dem „Kony2012“-Video geäußert wurden. Die Organisation trommelt seit langem für ein stärkeres militärisches Engagement der USA in Zentralafrika. Ende 2011 feierte sie die Entsendung von 100 US-Elitesoldaten in die Region für die Jagd auf Joseph Kony. Auch der Crisis Tracker soll helfen, die LRA-Terroristen aufzuspüren und zu fangen. Das ist zwar wünschenswert, doch Kenner der Region warnen davor, allein auf eine militärische Lösung des Problems zu setzen. Im Dezember 2008 endete eine von den USA unterstützte Militäraktion gegen Kony im Kongo im Fiasko. Die LRA schlug grausam zurück und tötete mehr als hundert Zivilisten.

Markus Schönherr

erschienen in Ausgabe 5 / 2012: Digitale Medien: Das Versprechen der Technik

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