Syrische Flüchtlinge in Jordanien
Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Schwierige Gastfreundschaft

Viele Syrer fliehen vor dem Krieg nach Jordanien. Dort sind die Menschen sehr hilfsbereit. Doch die Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einhei­mischen wachsen.

Die Schulen sind völlig überfüllt. Die Al-Mothanna-Schule in Irbid hatte einmal rund tausend Schüler, heute sind es mehr als doppelt so viele. Sie lernen in zwei Schichten, vormittags und nachmittags. Das ist kein Einzelfall, insgesamt 25 solcher Zwei-Schicht-Schulen gibt es in Irbid. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef übernahm 2013 die Kosten für neue Lehrer und Materialien, in diesem Jahr wird die Europäische Union einspringen.

„Wir geraten noch aus einem anderen Grund unter Druck“, erläutert Nawaf Titi, der Direktor der Al-Mothanna-Schule: Auch für Jordanier sei die wirtschaftliche Situation schwieriger geworden. Viele Eltern müssten ihre Kinder von den Privatschulen nehmen und sie auf öffentliche Schulen schicken. Dort zahlen sie nur ein geringes Schulgeld von umgerechnet etwa 30 Euro pro Kind und Schuljahr.

Dass viele Jordanier kaum über die Runden kommen, liegt nicht in erster Linie an den syrischen Flüchtlingen. Die Arbeitslosenquote beträgt um die 30 Prozent. Zwischen 15 und 30 Prozent der Jordanier müssen mit einem Einkommen von weniger als 300 Euro pro Monat auskommen, was der offiziellen Armutsgrenze entspricht. 2012 hatte König Abdallah II. begonnen, auf Druck des Internationalen Währungsfonds Subventionen auf Güter des täglichen Lebens wie Strom oder Gas zum Kochen und Heizen abzubauen. Jordanien ist hoch verschuldet und nur mit Krediten aus dem Westen und den Golfstaaten überlebensfähig. Nachdem die Regierung die Preiserhöhungen angekündigt hatte, kam es zu heftigen Protesten vor allem im Süden des Landes. Denn die Lebenshaltungskosten in Jordanien sind sehr hoch, in Amman liegen sie auf europäischem Niveau. Wenn der König für die syrischen Flüchtlinge die Schulgebühren bezahlt, die Jordanier jedoch selbst in die Tasche greifen müssen, fühlen sich viele benachteiligt.

Schwierigkeiten in der Schule

Aber kaum jemand gibt zu, dass das Verhältnis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen voller Spannungen ist. In den jordanischen Medien findet man darüber keine Berichte, Konflikte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind tabu. Das liegt daran, dass Jordanien ein fragiles staatliches Konstrukt ohne eine tragfähige nationale Identität ist. Rund 60 Prozent der Jordanier sind Palästinenser, die nach den kriegerischen Auseinandersetzungen in den Jahren 1948 und 1967 aus dem Westjordanland geflüchtet sind. Zwischen ihnen und den alteingesessenen Jordaniern oft beduinischer Abstammung existiert eine sorgfältig austarierte Balance, die auch ohne die Syrer schon prekär ist.

Auch Schuldirektor Nawaf Titi räumt nur zögernd ein, dass nicht nur Gastfreundschaft und Verständnis zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen aus Syrien herrschen. Erst nachdem das Gespräch eigentlich schon beendet ist, sagt er, dass seine Schule große Schwierigkeiten hat. Viele der syrischen Schüler, vor allem die Teenager, reagierten aggressiv auf die Belastungen, die sie erlebt haben. „Sie beschädigen Stühle und Schulbänke oder es kommt zu Rangeleien mit den jordanischen Schülern“, erzählt er widerstrebend. Er versuche dann, mit den Eltern Kontakt aufzunehmen und die Probleme anzusprechen. Aber mehr kann er nicht anbieten, um die schwierige Situation zu bewältigen. Damit bleibt die Schule allein.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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