Syrische Flüchtlinge in Jordanien
Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Schwierige Gastfreundschaft

Viele Syrer fliehen vor dem Krieg nach Jordanien. Dort sind die Menschen sehr hilfsbereit. Doch die Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einhei­mischen wachsen.

„Ja, es gibt Spannungen vor allem im Norden“, bestätigt Michele Servadei, stellvertretender Leiter von Unicef in Jordanien. „Es ist sehr positiv, dass sie bisher nicht eskaliert sind. Damit das so bleibt, müssen wir auf jeden Fall mehr für bedürftige Jordanier tun.“ Laut einer neuen Verfügung des Ministeriums für Planung und internationale Kooperation müssen bei Hilfsprojekten für die syrischen Flüchtlinge mindestens 20 Prozent der Projektsumme Jordaniern zugutekommen.

Zu den wenigen Studien zum Thema gehört eine Umfrage des Center for Strategic Studies an der Universität von Jordanien in Amman. Dazu wurden 2012 die Einwohner von Mafraq, einem Ort etwa 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt befragt, in dem inzwischen mehr Syrer als Jordanier leben sollen. In Mafraq häufen sich Strom- und Wasserausfälle, Müllabfuhr und Straßenreinigung kommen mit den steigenden Anforderungen nicht zurecht. 80 Prozent der Befragten in Mafraq würden die Syrer lieber in Flüchtlingslagern sehen. Dort sollten sie von Hilfsorganisationen versorgt werden, ohne mit den Jordaniern um Wohnungen und Jobs zu konkurrieren.

Nach Angaben der Studie sind die durchschnittlichen Ausgaben einer jordanischen Familie für Wohnraum in Mafraq von rund 50 Euro auf 150 bis 200 Euro im Monat gestiegen. Das schafft eine Menge Frustration, weil junge Erwachsene erst dann heiraten können, wenn sie eine eigene Wohnung mieten können. Für die Hauptstadt Amman gilt ähnliches, aber hier liegen keine verlässlichen Zahlen vor.

Hausbesitzer profitieren von der Situation, indem sie einheimischen Mietern kündigen und von den Flüchtlingen völlig überzogene Mieten verlangen. Sowohl Einwohner von Mafraq als auch Behördenvertreter befürchten, dass es zu Auseinandersetzungen kommen könnte, wenn es nicht gelingt, die unterschwelligen Spannungen abzubauen. Bisher gab es nur kleinere Zwischenfälle bei der Verteilung von Hilfsgütern, und bei Hilfsorganisationen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen.

Auf dem Arbeitsmarkt findet bei den wenig qualifizierten Jobs ein Verdrängungswettbewerb statt. Offiziell dürfen Syrer nicht arbeiten, doch die Behörden drücken die Augen zu. In der Gastronomie, im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft sind viele Flüchtlinge beschäftigt – oft zu wesentlich schlechteren Bedingungen als die Einheimischen. Viele sind gezwungen, Hungerlöhne unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 115 jordanischen Dinar pro Monat (etwa 110 Euro) zu akzeptieren, um mit ihren Familien zu überleben. Weil sie illegal arbeiten, können sie sich nicht gegen Ausbeutung wehren; manche Arbeitgeber nutzen ihre Notlage aus. Aber es trifft auch die ärmeren Jordanier. Denn warum sollten die Arbeitgeber sie zum normalen Gehalt einstellen, wenn die Syrer für weniger Geld arbeiten? Das schafft eine Menge Unmut.

Auch das Schicksal Jordaniens steht auf dem Spiel

„Offiziell existieren solche Konflikte nicht“, sagt Michaela Liess von der britischen Hilfsorganisation Human Relief in Amman, „dabei brodelt es unter der Oberfläche.“ Human Relief hat deshalb ein Trainingsprogramm für nichtstaatliche jordanische Organisationen entwickelt, um sie für den konstruktiven Umgang mit Konflikten zu schulen. Dazu gehört es zum Beispiel, Syrer und Jordanier an einen Tisch zu bringen, damit jede Seite ihre Perspektive eines Konflikts schildern kann. Diese Art von Konfliktbewältigung genießt allerdings weder bei den jordanischen Behörden noch bei den großen internationalen Hilfsorganisationen derzeit Priorität. Zu sehr kämpfen beide mit den logistischen und administrativen Problemen der täglichen Versorgung von Flüchtlingen. Aber das wird auf Dauer nicht ausreichen. Verschlechtert sich die humanitäre Lage in Syrien weiter, steht auch das Schicksal Jordaniens auf dem Spiel.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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