Rendite machen mit A rznei

Die Pharmaindustrie gilt als undurchsichtig und ausbeuterisch. Dabei folgt ihr Geschäft ganz klaren Regeln, diktiert von den Zulassungsbehörden. Es ist langwierig, teuer – und lückenhaft. Geforscht wird dort, wo es sich am meisten lohnt.
Mit Sicherheit habe er nicht geplant, die Medizin durch die Entdeckung des ersten Antibiotikums zu revolutionieren, gab der britische Wissenschaftler Alexander Fleming stets unumwunden zu. Der Fund von Penicillin im Jahr 1928 war ein reiner Zufall. Trotzdem wusste Fleming sofort, was er vor sich hatte, als seine über den Sommerurlaub vergessenen Bakterienkulturen von einem Schimmelpilz zerstört worden waren: den Grundstoff für ein bedeutendes neues Medikament.
 

Autorin

Julia Groß

ist freie Journalistin in München. Die Biochemikerin schreibt vor allem über Medizin- und Umweltthemen.

So tief hängen die Früchte heute nicht mehr. Die wenigsten Arzneimittel werden heute noch zufällig entdeckt. Und während Fleming ein Einzelkämpfer war – er arbeitete als Bakteriologe in einem Londoner Krankenhaus –, liegt das Arzneimittelgeschäft heute fast ausschließlich in der Hand internationaler Pharmaunternehmen. Diese Branche funktioniert nach ganz eigenen Regeln, die mit kaum einem anderen Sektor vergleichbar sind.

Dazu kommt: Vieles von dem, was in den Labors der Firmen passiert, dringt aus Sorge vor Wettbewerbern nie an die Öffentlichkeit. Von außen betrachtet erscheint die Medikamentenentwicklung deshalb häufig nicht nur unverständlich, sondern auch ungerecht.

Dabei wird die Industrie eigentlich nur von wenigen Faktoren bestimmt. Die strengen Vorgaben der Zulassungsbehörden, die ein neues Medikament erfüllen muss, prägen den gesamten Markt. Drei verschiedene Phasen von klinischen Studien, also Tests mit gesunden Probanden sowie mit Patientinnen und Patienten, muss ein neues Therapeutikum erfolgreich durchlaufen, bevor eine Vertriebserlaubnis beantragt werden darf. „Dieser gesamte Prozess dauert im Durchschnitt mehr als 13 Jahre“, heißt es vonseiten des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa).

Hohe Ausfallquote

Neben der langen Entwicklungsdauer müssen die Unternehmen zudem mit einer hohen Ausfallquote rechnen. „Nur etwa einer von zehn Wirkstoffen, mit denen klinische Tests begonnen wurden, wird am Ende zugelassen“, erklärt Michael Hay vom amerikanischen Brancheninformationsdienst Sagient Research, der Anfang Januar eine der bisher umfassendsten Analysen zur Erfolgsquote der Medikamentenentwicklung veröffentlicht hat. Mal zeigen sich schwere Nebenwirkungen, mal erweist sich das Mittel als nicht oder nicht ausreichend wirksam: „In Phase eins scheitern durchschnittlich 30 Prozent der Produktkandidaten, in Phase zwei sogar 60 Prozent, in der dritten Phase ein gutes Drittel“, sagt Hay. „Und bei der Zulassungsbehörde fallen dann noch einmal bis zu zehn Prozent der Projekte durch, die alle klinischen Tests erfolgreich absolviert haben.“

Dauer und Ausfallraten treiben die Kosten der Entwicklung hoch. Wie hoch, ist seit Jahren ein Streitpunkt zwischen der Industrie und ihren Kritikern. Pharmaunternehmen und Lobbyverbände argumentieren häufig mit einer Berechnung von Joseph DiMasi von der Bostoner Tufts-Universität, der auf rund 800 Millionen US-Dollar pro zugelassenem Medikament kommt. Der Ökonom ging ursprünglich von gut 400 Millionen US-Dollar reinen Entwicklungskosten aus, auf die er die Ausfälle anderer Produktkandidaten und die Opportunitätskosten aufschlug – damit ist der Gewinn gemeint, den man  mit dem eingesetzten Kapital in der langen Entwicklungszeit zum Beispiel am Aktienmarkt hätte erzielen können.

Da DiMasis Studie bereits elf Jahre alt ist, ist der oft zitierte Betrag inzwischen – aufgrund von steigenden Kosten und Inflation – auf über eine Milliarde US-Dollar geklettert. Kritiker wie die US-amerikanischen Gesundheitsökonomen Donald Light und Rebecca Warburton wiesen DiMasi aber eine ganze Reihe von übertriebenen Schätzungen und Annahmen in seiner Rechnung nach. Sie kommen auf Beträge in der Größenordnung von 43 bis hin zu wenigen hundert Millionen US-Dollar pro Medikament.

Produktentwicklung:
Vom Wirkstoff zum Medikament

Am Anfang steht die Suche nach einem geeigneten molekularen Ansatzpunkt zur Bekämpfung einer Krankheit. Das kann zum Beispiel ein „Ersatz“ für ein defektes Molekül oder nicht vorhandenes…

Eine ganz andere Rechnung macht der amerikanische Branchenexperte Bernard Munos auf: Er teilte schlicht den bekannten Forschungsetat von Pharmafirmen in einem Jahrzehnt durch die Zahl der Zulassungen, die die Unternehmen in diesem Zeitraum erhalten hatten. Munos wirft der Industrie vor, sie bringe zu wenig neue Medikamente auf den Markt und kritisiert außerdem, dass die Ausfallraten zunehmen. Er kommt je nach Unternehmen auf Beträge zwischen 350 Millionen und erschreckenden fünf Milliarden US-Dollar pro Arzneimittel.
 

Der Aufwand soll sich finanziell lohnen

Egal, wer nun der Wahrheit am nächsten kommt: Die Pharmaindustrie ist der Wirtschaftszweig mit den höchsten Forschungsinvestitionen. Diese Kosten müssen die Unternehmen wieder hereinholen. Die Zeit dafür ist begrenzt: Meist in den ersten Entwicklungsjahren lassen die Firmen neue Wirkstoffe patentieren, ein Patent gilt üblicherweise 20 Jahre lang. Sobald es abgelaufen ist, dürfen Generikahersteller das Produkt ebenfalls auf den Markt bringen, der Preis schrumpft durch die Konkurrenz um bis zu 80 Prozent.

Daraus ergibt sich, dass die Industrie dort forscht, wo die Firmen eine realistische Chance sehen, dass sich der Aufwand finanziell lohnt. Das ist ein Grund dafür, warum die Forschung nach Diagnose- und Behandlungsverfahren für seltenere Tropenkrankheiten erst seit dem hohen finanziellen Engagement von Stiftungen und öffentlichen Geldgebern einen Aufschwung erfährt.

Von diesem Spezialfall abgesehen existiert eine Vielfalt an Kalkulationsstrategien. So versprechen Herz-Kreislauferkrankungen und chronische Krankheiten wie Diabetes sehr viele Patienten, die entsprechende Medikamente über lange Zeit kontinuierlich einnehmen. Cholesterinsenker zählten etwa jahrelang zu den Medikamenten mit den höchsten Umsätzen. Auf der anderen Seite fordern die Zulassungsbehörden aufgrund der hohen Patientenzahl besonders große, kostenintensive Studien und sind besonders pingelig, was Nebenwirkungen angeht.

Krebserkrankungen zählen zu den am intensivsten erforschten Indikationen, weil es nach wie vor für viele Tumoren keine oder nur sehr geringe Heilungschancen gibt. Hier sind die klinischen Studien für die Zulassung häufig kleiner, und für eine Therapie, die eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur bisherigen Behandlung bedeutet, können hohe Preise verlangt werden. Aus der Forschung rund um psychische Erkrankungen und Demenz sind viele Unternehmen aufgrund von Misserfolgen ausgestiegen. Gerade große Pharmakonzerne unterhalten jedoch weiter beispielsweise eine Handvoll Alzheimer-Programme, auch wenn die Erfolgschancen sehr klein sind: Da es hier bisher überhaupt keine wirksame Therapie gibt, wären die potenziellen Einnahmen enorm hoch.

Seltene Erkrankungen

Erstaunlicherweise ist die Entwicklung von Therapien gegen sehr seltene Erkrankungen, die sogenannten Orphan Diseases, in den vergangenen Jahren zunehmend beliebt geworden. Von solchen Krankheiten sind nach europäischer Definition weniger als fünf von 10.000 Einwohnern eines Landes betroffen. Sowohl die US-amerikanische als auch die europäische Zulassungsbehörde fördern die Medikamentenentwicklung in solchen Fällen mit dem „Orphan Drug Status“, der den Entwicklern ein beschleunigtes Zulassungsverfahren, den Erlass von Gebühren und darüber hinaus – bei erfolgreicher Zulassung – zehn Jahre exklusive Vermarktungsrechte garantiert.

Doch erst als einzelne Unternehmen bewiesen, dass sie in dieser Nische Geld verdienen konnten, weil die Vertriebskosten niedrig sind und sie für solche Therapien extrem hohe Preise verlangen konnten, sprangen zahlreiche Firmen auf den Zug auf. So ist das teuerste Medikament der Welt aktuell Soliris, ein Mittel gegen die sogenannte paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie. Diese erbliche Erkrankung der Blutstammzellen betrifft etwa einen von einer Million Menschen. Vor Soliris überlebten die Patienten die Diagnose in den seltensten Fällen  um mehr als 15 Jahre. Mit Soliris sind sie in der Lage, ein normales Leben zu führen – zum Preis von 400.000 US-Dollar pro Jahr.

Politische Anreize

Seit Beginn des Orphan-Drug-Programms der amerikanischen Federal Drugs Administration (FDA) 1983 wurden dort mehr als 400 Produkte zugelassen. Im Jahrzehnt zuvor waren es lediglich zehn. Orphan Drugs sind deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass politische Anreize die Pharmaforschung in eine bestimmte Richtung lenken können. Denn das System ist – nicht nur aus Sicht von Patientenorganisationen und NGOs – bei weitem nicht perfekt.

Auch die Pharmaunternehmen selbst suchen seit einigen Jahren verstärkt nach neuen Wegen der Zusammenarbeit, vor allem, um das ungesunde Kosten-Risiko-Verhältnis zu verändern. Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen, auch mit Start-Ups und akademischen Forschungsinstitutionen, sind bereits seit längerem eine gängige Praxis, weil die großen Pharmafirmen selbst nicht genug neue Wirkstoffkandidaten hervorbringen. Kleinen Unternehmen und Universitäten mangelt es dagegen an der Finanzkraft und dem Personal, das nötig ist, um die klinischen Studien durchzuführen.

An dem grundsätzlichen Problem ändert das jedoch wenig: Manche Bereiche der Gesundheitsforschung sind für die Industrie im jetzigen System wenig attraktiv. Gleichzeitig verschwendet die Branche enorme Mittel, weil konkurrierende Forschungslabore häufig an sehr ähnlichen Wirkstoffen forschen, ihre Ergebnisse aber nicht teilen. Viele Konzerne tendieren dazu, gar nicht nach dem großen Durchbruch bei bisher nur schlecht behandelbaren Krankheiten zu suchen. Sie setzen lieber auf kleine Verbesserungen bekannter Arzneien mit hohem Umsatz. Diese sogenannte „me too“-Strategie erinnert an die großen Filmstudios, die aus Risikoscheu nur noch Fortsetzungen von Action-Blockbustern produzieren.

Finanzierungsmodelle

Hier versuchen verschiedene Staaten dadurch gegenzusteuern, dass sie nur deutliche Verbesserungen der bisherigen Therapie für erstattungsfähig erklären. So müssen Pharmaunternehmen in Deutschland seit 2011 einen Zusatznutzen bei neuen Arzneimitteln nachweisen. Auf der Basis dieser Daten können sie mit den Krankenkassen einen Preis für das Medikament vereinbaren. In Großbritannien übernimmt das staatliche Gesundheitssystem die kompletten Kosten von Therapien nur, wenn sie vom NICE, dem National Institute for Health and Care Excellence empfohlen wurden. Das NICE bewertet neue Medikamente nach ihrem klinischen Nutzen und nach ihrer Kosteneffizienz.

Klinische Studien – kritisch betrachtet

Klinische Studien, vor allem die späteren Phasen mit vielen Patienten, werden häufig „multizentrisch“ durchgeführt. Das heißt: mit Patientengruppen an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt, häufig auch…

Neue Finanzierungsmodelle, die dem Markt eine andere Richtung geben würden, haben sich bislang noch nicht etabliert. „Man ist da immer noch am Ausprobieren, was funktionieren könnte“, sagt Christian Wagner-Ahlfs von der BUKO Pharma-Kampagne. Die sogenannten Produktentwicklungspartnerschaften, bei denen sich Unternehmen mit Stiftungen wie der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und öffentlichen Institutionen zusammenschließen, funktionieren nach Meinung von Wagner-Ahlfs bisher nur bei vernachlässigten Krankheiten.

Ein grundsätzlicher, radikalerer Ansatz lautet, Patente durch Prämien für die Entwicklung bestimmter Arzneimittel zu ersetzen. Während die Pharmaindustrie das ablehnt, haben auf anderen Gebieten verschiedene US-Institutionen wie die NASA mit Prämienauslobungen zum Beispiel für die Konstruktion eines neuen Raumtransporters gute Erfahrungen gesammelt.

Aufgrund der langen Entwicklungszeiten wird es in jedem Fall dauern, bis klar ist, ob und welche Maßnahmen wirklich nachhaltige Veränderungen einleiten können. Das musste im Übrigen auch schon der Penicillin-Entdecker Fleming erfahren: Er wartete über zehn Jahre darauf, dass das Antibiotikum in Massenproduktion ging. 

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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