Omars Odys­see

In seiner Heimat ist Omar knapp der Verhaftung entkommen. Nun lebt er in einem Flüchtlingscamp in der algerischen Wüste und organisiert Film- und Kunstfestivals für die Sahrauis.

Als er endlich auf algerischer Seite ankommt, spürt er kaum Erleichterung. Die Öde der Wüste, die Tristesse, die Perspektivlosigkeit – die ersten Tage im Flüchtlingslager sind eher ein Schock als eine Erlösung. Sein altes Leben, erzählt Omar, das hatte in El Aaiún gespielt, der quirligen Hauptstadt der Westsahara. Bis heute ist seine Heimat de facto von Marokko annektiert.

Ihren ursprünglichen Bewohnern, den Sahrauis, blieb nur ein schmaler Streifen entlang der Grenze zu Algerien und Mauretanien, in dem sich ihre Widerstandsarmee, die „Frente Polisario“, behaupten konnte. Die meisten von ihnen sind in die Wüste geflohen, hinüber in die Flüchtlingslager auf algerischer Seite.

Omar, der seinen wahren Namen nicht veröffentlicht sehen will, wählte einen anderen Weg. Er ging nach Marokko und schrieb sich an der Universität von Agadir ein, studierte Anglizistik und englische Literatur. Die Werke von Thomas Hardy und anderen Schriftstellern aus dem England des 19. Jahrhunderts faszinierten ihn. Die europäische Literatur jener Zeit sei geprägt von Heldengeschichten, sagt er. In afrikanischen Romanen spiele eher die Gemeinschaft die Hauptrolle. Zurück in El Aaiún in der Westsahara findet er, wie so viele Sahrauis, zunächst keine Arbeit.

Die marokkanischen Firmen, die mit den Siedlern kamen, stellen nur Marokkaner ein. Sahrauis, erkennt Omar bald, sind in ihrer Heimat längst zu Bürgern zweiter Klasse geworden. Er findet dennoch einen Job, in einer Fischfabrik. Er verschweigt, dass er kein Marokkaner, sondern Sahraui ist. „In einer Fischfabrik zu arbeiten, das ist wie Sklaverei“, erzählt Omar. „Der Arbeitstag beginnt um sechs Uhr morgens und endet um Mitternacht. Zentnerschwere Kisten mit tiefgefrorenem Fisch schleppen, Tag für Tag, auch an den Wochenenden. Wer krank wird oder nachlässt, wird gefeuert.“

Als die Fabrik im Januar 2010 Konkurs anmeldet, entschließt sich Omar zum Protest – gegen die Besatzung seiner Heimat durch Marokko. Gemeinsam mit sahrauischen Widerstandsgruppen schlägt er im Oktober ein Zeltlager südöstlich von El Aaiún auf, in der Nähe des Dorfes Gdeim Izik. „Anfangs waren wir keine vierzig Personen, verteilt auf sechs Zelte“, erinnert sich Omar.

„Eine Woche später waren es schon über tausend.“ Dabei hatten sie das Camp eigentlich nur als ein Experiment gesehen, erinnert er sich. Sie hatten sehen wollen, ob sie es schaffen, ihren Protest trotz aller Drohungen und Übergriffe eine Woche lang aufrechtzuhalten.

„Dass wir damit ein so großes Interesse und so großen Zulauf entfachen, kam für uns sehr überraschend“, sagt Omar. Einen Monat später wird das Lager – mit inzwischen bis zu 22.000 Protestierenden – vom marokkanischen Militär geräumt. Internationale Medien berichten über das Protestcamp bei Gdeim Izik als dem „Camp der Würde“. Die marokkanische Propaganda von der friedlichen Besiedlung der Westsahara erhält einen empfindlichen Kratzer.

Autor

Frank Odenthal

ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Basel.
Omar ist nach der Auflösung des Protestcamps zur Flucht gezwungen, um der Verhaftung durch die marokkanische Polizei zu entgehen. Zusammen mit zwei Mitorganisatoren des Camps flieht er in die Wüste, wo er sich über zwei Wochen nur von Wasserreserven und dem wenigen Proviant, den er mitnehmen kann, ernährt.

Nachts, bei Temperaturen, die sich in der Sahara dem Gefrierpunkt nähern, friert er bitterlich. Als er sich endlich nach fünfzehn Tagen, ausgezehrt und gesundheitlich angeschlagen, zurück nach El Aaiún traut, werden seine beiden Begleiter sofort von marokkanischen Sicherheitsbehörden aufgegriffen. Er selbst entzieht sich in letzter Sekunde dem Zugriff und flieht erneut in die Wüste. Dieses Mal will er sich bis nach Algerien durchschlagen.

Der Teil der Sahara, die Hamada, in der es nichts außer Sand und Geröll gibt, wird auch die „Wüste in der Wüste“ genannt. Wieder ist Omar den lebensfeindlichen Bedingungen schutzlos ausgeliefert, doch diesmal ist er auf sich allein gestellt. Als er vor dem streng bewachten und verminten Grenzwall ankommt, den die Marokkaner aufgeworfen haben, um den von ihnen beanspruchten Teil der Westsahara von jenem Streifen zu trennen, den die Widerstandskämpfer der Frente Polisario behaupten konnten, droht seine Flucht endgültig zu scheitern. Doch der Zufall kommt ihm zu Hilfe – in Gestalt eines entlaufenen Kamels.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

Kommentare

Die Sahraouis werden nicht als Individuen zweiter Klasse betrachtet. Sie sind integraler Bestandteil der marokkanischen Gesellschaft, und sie genießen ihre Rechte wie die übrigen Marokkaner, insbesondere im Rahmen der Autonomie, die Marokko beabsichtigt, in der Region der Sahara anzuwenden und die seitens der internationalen Gemeinschaft als seriös und glaubwürdig qualifiziert wurde.Ein zweiter Punkt ist, dass Marokko nicht die Naturressourcen der Westsahara ausbeutet, auch die Sahraouis selbst profitieren davon. Marokko fördert die Rückkehr der Sahraouis nach Marokko, während die Front Polisario die Sahraouis in den Lagern von Tindouf sequestriert.

Der Text ist eine reine Propaganda zugunsten der Front Polisario und beleuchtet nicht die Frage aus einer anderen Perspektive, nämlich aus der marokkanischen Perspektive, die auch ihr Wort dazu zu sagen hat. Die Tristesse, die Perspektivlosigkeit und der Schock sind das tägliche Los der Sahraouis in den Lagern von Tindouf, die andere Restriktionen kennen, wie die Restriktion der Meinungs-, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.

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