Drei Seelen in der Brust

Journalistin, Universitätsdozentin und Beraterin eines Hilfswerkes: Das führt immer wieder zu Interessenkonflikten – gerade wenn es um die entwicklungspolitische Lobby- und Anwaltschaftsarbeit geht.

Deshalb muss der Sponsor einer Reportage als solcher genannt werden – das gilt unterschiedslos für multinationale Konzerne wie private und staatliche Hilfsorganisationen. Leider ist dies noch nicht bei allen Medien und Journalisten Usus. Ich halte es für sehr bedenklich, wie sich die PR-Abteilungen der Hilfsindustrie die unsichere Lage vieler Journalisten zunutze machen.

An anderen Stellen kann es wiederum von Vorteil sein, wenn die Grenzen zwischen Advocacy-Organisationen und Journalismus verschwimmen. Im April hat der Sprecher der entwicklungspolitischen Schweizer Lobbyorganisation „Erklärung von Bern“, Oliver Classen, einen der bekanntesten Journalistenpreise der Schweiz bekommen. Das Erstaunen in der Branche war groß. Classen erhielt den Preis, weil er und seine Kollegen das gemacht hatten, wofür die großen Schweizer Medien keine Zeit, keine Mittel oder einfach kein Interesse hatten: Sie hatten über die Rohstoffdrehscheibe Schweiz nach allen Regeln der journalistischen Zunft recherchiert, ein Buch veröffentlicht und eine öffentliche Debatte angestoßen. Immer mehr wird investigativer Journalismus zur Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände nicht von den Medien, sondern von Stiftungen, Vereinen und NGOs finanziert.

Was früher der Rundbrief war, nennt sich heute Crowdfunding

Oder von den Leserinnen und Lesern: Crowdfunding nennt sich das heute. Bei den Missionaren hieß das noch Rundbrief. Als ich vor 15 Jahren als Laienmissionarin nach Peru geschickt wurde, informierte ich meine Familie, Freunde und Bekannten über meine Arbeit. Mein Appell: Wenn Ihr das gut findet, dann spendet. Sonst kann ich diese Arbeit nicht fortsetzen. Das Konzept war erfolgreich: Die Leute öffneten ihre Geldbörsen. Sicher auch, weil sie in mir jemanden sahen, die, aus einem reichen Land kommend, in einem armen Land Gutes tut. 

Ich bin immer weniger davon überzeugt, dass dies so einfach ist. Doch als Journalistin lasse ich mich weiter von der Wirklichkeit überraschen – und versuche, Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden. Darf es sein, dass ein Kaffee-Multi seine Arbeiter besser behandelt als der kleine Genossenschaftsbauer? Darf ich es publik machen, wenn es Korruption in einer NGO gibt oder wenn sich der bekannte Umweltschützer in parteipolitische Scharmützel begibt? 

Früher haben mich Spenderinnen und Spender für mein Entwicklungsengagement unterstützt. Warum sollten heute nicht Freunde und Bekannte Journalisten dabei helfen, einen unabhängigen Blick gerade auch auf Entwicklungsprojekte zu werfen? Einen Blick, der auch die Eigeninteressen der Hilfsindustrie transparent macht, ohne das Anliegen der Solidarität zu verraten?

Dank des Internet und einer guten Social-Media-Strategie muss niemand mehr für die Verbreitung auf die großen Medienhäuser setzen. Und schon gar nicht mehr Rundbriefe kopieren, eintüten und mit einer schönen, möglichst spenderfreundlichen Briefmarke versehen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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