Neue Freunde für die Armen?

Die Mittelschichten in Schwellenländern sollen stärker in den Kampf gegen Armut eingebunden werden. Das geht in manchen Ländern einfacher als in anderen.

Von diesem Geschäft profitieren alle: Die Bauern verkaufen ihr Gemüse, ihre Eier und ihr Fleisch und haben mehr Geld zum Leben. Und die Einwohner der nahe gelegenen Großstadt bekommen gesunde Lebensmittel zu einem erschwinglichen Preis. Bei Besuchen auf dem Land erfahren sie, was es heißt, in Armut zu leben. Und sie übernehmen Verantwortung für Menschen, die in Not geraten sind. So hat es zumindest Zhao Laisheng erlebt. Der 71-Jährige besitzt im Dorf Sanggang einen kleinen Obstgarten, einige Ziegen, Schweine und Hühner. Kunden aus Peking besuchen ihn, sie lernen sich besser kennen. Als Zhao Laishengs Frau an Krebs erkrankt, spenden sie Geld für Arztbesuche und Medikamente. Und sie bleiben treue Abnehmer seiner Produkte.

Das Projekt „Nested Market“, das die evangelische Hilfsorganisation Brot für die Welt in China unterstützt, bringt arme Menschen und Angehörige der Mittelschicht zusammen. So soll unter anderem das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und die umweltfreundliche Produktion von Nahrungsmitteln gestärkt werden. Noch ist die Reichweite begrenzt, doch die Initiative soll auf weitere Orte in China ausgedehnt werden. Sie greift einen gesellschaftlichen Wandel auf, der sich vor allem in der Volksrepublik, aber auch in Indien und Brasilien in den vergangenen 15 Jahren vollzogen hat und sich fortsetzen wird.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Die Zahl der Menschen, die sich einen – zum Teil noch bescheidenen – Wohlstand erarbeitet und so den Übergang aus der Armut in die Mittelklasse geschafft haben, wird laut Schätzungen im Jahr 2030 knapp fünf Milliarden betragen. Zwei Drittel von ihnen werden in Schwellenländern leben, vor allem in Asien. Ohne Zweifel werde die neue Mittelklasse die Welt verändern, erklärt Alan Murray. Der Präsident der US-amerikanischen Forschungseinrichtung Pew-Center hat sich ausführlich mit ihren Einstellungen, Hoffnungen und Wünschen beschäftigt. Doch in welche Richtung die Veränderung gehen wird, kann auch er nicht sagen.

2009 kam eine Untersuchung seiner Einrichtung in 13 Ländern mit mittleren Einkommen, darunter Venezuela, Südafrika, Mexiko und Indien, zu optimistischen Ergebnissen: Die Mittelkasse lege mehr Wert auf demokratische Institutionen und sorge sich mehr um die Umwelt als ärmere Menschen, hieß es damals. Klar ist: Mit steigenden Einkommen steigen auch die Ansprüche – auf bessere Bildung, bessere Gesundheitsversorgung, schönere Wohnungen und größere Autos. Doch übernehmen die „neuen Mittelschichten“ damit auch eine größere Verantwortung für die Verhältnisse im eigenen Land oder gar für globale Zukunftsfragen?

Die indische Mittelschicht ist von den Idealen Gandhis weit entfernt

Sie könnten sich als Wegbereiter eines sozialen und ökologischen Wandels entpuppen. Genauso gut könnten sie sich diesem aber auch vehement entgegenstemmen, weil sie das bewahren möchten, was sie erreicht haben. Oder sie können sich gar keinen Blick über den eigenen Tellerrand leisten, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, nicht wieder in die Armut abzurutschen – denn je nach Definition ist der Abstand zwischen der Mittelschicht und den ärmeren Bevölkerungsgruppen äußerst gering (siehe Beitrag auf Seite 29).

Alejandro Guarín vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) will keine generelle Prognose wagen. Das unterscheide sich von Land zu Land, meint er. In China etwa sei die Mittelklasse eher konservativ und lege Wert auf Stabilität und Sicherheit. Die besser situierten Brasilianer dagegen verliehen ihrer Kritik an den Versäumnissen des Staates in puncto Bildung und Gesundheitsversorgung lautstark Ausdruck – wie sich bei den Protesten vor der Fußballweltmeisterschaft im Sommer gezeigt hat. Auch in Ägypten seien vor allem Angehörige der Mittelschicht für mehr Demokratie auf die Straße gegangen. Die Solidarität der Wohlhabenderen mit den Armen beurteilt er eher skeptisch. „Automatisch“ sei sie jedenfalls nicht vorhanden, sagt er und verweist auf die indische Mittelkasse, die sich von den Idealen Mahatma Gandhis, den Unterdrückten zu helfen, weit entfernt habe.

Bei aller Unsicherheit über die Werte und das Verhalten der Mittelschicht sind sich Entwicklungsexperten einig: Man muss mit ihnen rechnen. Der Lebensstil der Mittelklasse wirke sich enorm auf die Entwicklungschancen der Armen und auf die Umwelt aus, sagt der Leiter der Abteilung Politik und Kampagnen bei Brot für die Welt, Klaus Seitz. „Ohne sie wird es nicht gelingen, die globale Armut zu überwinden. Wir müssen sie stärker ins Boot holen.“ Viele Partnerorganisationen werden ohnehin von Angehörigen der Mittelschicht geleitet – sie leisten somit bereits einen Beitrag, in ihrem Land Not und Hunger zu bekämpfen und arme Menschen für ihre Rechte zu sensibilisieren. Seit einiger Zeit werden Partner in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien auch dabei unterstützt, für ihre Arbeit selbst Spenden zu sammeln. Damit werden sie unabhängiger von ihren Gebern aus dem Norden, tragen ihre Anliegen stärker in die eigene Gesellschaft hinein und können bewusstseinsbildend wirken.

Die Kirchen könnten mehr für den Dialog tun

Auf diesen Effekt setzt auch das bischöfliche Hilfswerk Misereor. „Die Mittelschicht muss erkennen, dass sie Verantwortung trägt. Sie wird zur entscheidenden politischen Kraft und wir müssen mit ihr ins Gespräch kommen“, meint der Leiter der Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen, Bernd Bornhorst. Aufgabe der Partner sei es, den nötigen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen, das Interesse zu wecken an sozialer Gerechtigkeit, der Einhaltung von Menschenrechten und funktionierenden Institutionen.

Die Mittelschicht sei mit ihrem Lebensstil das Vorbild der Armen. „Wir müssen zu einem gemeinsamen Verständnis zwischen wohlhabenderen und ärmeren Schichten darüber kommen, welche Formen von Wohlstand und Konsum wir anstreben können und wann Schluss ist“, sagt Bornhorst. Diesen Dialog könnten etwa in Lateinamerika verstärkt die Kirchen führen. Auch seien andere Formen der Zusammenarbeit mit Partnern nötig – beispielsweise, indem politische Forderungen nach einem besseren Bildungs- und Gesundheitssystem noch stärker unterstützt werden.

Kirchliche Entwicklungswerke könnten viel zum gesellschaftspolitischen Wandel in den Schwellenländern beitragen, meint auch die stellvertretende Direktorin des DIE, Imme Scholz. „Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit steht hier nicht an erster Stelle“ – zumal sie in den aufstrebenden Staaten an Bedeutung verliert. Diese müssten sich mit denselben Fragen beschäftigen wie die Industrieländer – etwa damit, wie sie klimaverträglich wirtschaften. Ihr Kollege Alejandro Guarín plädiert vor allem für Hilfen beim Aufbau von Steuersystemen, um den Wohlstand umzuverteilen und mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen.

Die junge Generation nimmt die Dinge selbst in die Hand

Imme Scholz sieht in erster Linie die nationalen Regierungen und Parlamente in der Pflicht. Sie müssten etwa mit ihrer Sozial- und Bildungspolitik dafür sorgen, dass Angehörige der Mittelschicht nicht zu Verlierern werden, und dazu bereit sind, sich an solidarischen Finanzierungsmodellen zu beteiligen. Klaus Seitz von Brot für die Welt hebt die Bedeutung einer sozialen Grundsicherung hervor, die allen Bedürftigen zugutekommt, das Risiko für die untere Mittelschicht verringert, wieder in die Armut abzustürzen, und den Wohlhabenden einen Solidarbeitrag abverlangt. Eine Aufgabe für die Bessergestellten wäre es dann, die Verwendung staatlicher Mittel stärker zu kontrollieren. Imme Scholz beobachtet das in zunehmendem Maße. „Sie übernehmen selbst Verantwortung und starten eigene Initiativen.“

Da ist zum Beispiel die „Enough-is-Enough“-Koalition in Nigeria. Junge Leute gründeten die Organisation vor zwei Jahren, um ihrer Regierung auf die Finger zu schauen. Sie setzen sich für gute Regierungsführung, mehr Transparenz bei den öffentlichen Ausgaben und zivilgesellschaftliches Engagement ein. Im kommenden Februar wollen sie mit dazu beitragen, dass die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen fair und frei ablaufen.

Das wollen auch die „Global Shapers“ im nordnigerianischen Kano, die zur Vorbereitung der Wahlen unter anderem eine wöchentliche Radiosendung gestartet haben. Sie gehören zu einem weltweiten Jugendnetzwerk, dessen gut ausgebildete Mitglieder sich für bessere Lebensumstände in ihren Ländern engagieren. Gegenwärtig sind fast 4200 junge Männer und Frauen in knapp 360 Gruppen engagiert. Ins Leben gerufen hat das Ganze allerdings keine Entwicklungsorganisation – sondern das Weltwirtschafts­forum in Davos.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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