Christenverfolgung: In der Hand der Muslime

(16.10.2014) Der Westen kann die Christen im Nahen Osten nur bedingt schützen. Dies wurde auf einer internationalen Konferenz der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen im Nahen Osten (FMEEC) deutlich. Entscheidend wird sein, wie sich die muslimische Mehrheit zu den religiösen Minderheiten stellt.

Neu ist die Frage nach der Zukunft der Christen im Nahen Osten nicht. Seit vielen Jahren beklagen Kirchenführer, dass immer mehr Christen die Region verlassen, um sich anderswo eine Existenz aufzubauen. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und spätestens, seit die Terrormiliz Islamischer Staat brutal gegen religiöse Minderheiten in Syrien und im Irak vorgeht, mischt sich in die Hilferufe der nahöstlichen Christen immer öfter der Vorwurf, von den westlichen Partnern im Stich gelassen zu werden. „Wenn der Koran verbrannt wird, gibt es Demonstrationen auf der ganzen Welt. Wenn aber Tausende von Christen umgebracht werden, steht niemand auf“, sagte Habib Ephrem, Vorsitzender der Christlich-Syrischen Gemeinschaft im Libanon.

Den Vorwurf konnten die Kirchenvertreter, die Mitte September aus Amerika, Schweden, Dänemark, Holland, Frankreich, Deutschland und der Schweiz nach Kairo gereist waren, nicht entkräften. In Dänemark interessierten sich nur wenige für die Christen im Nahen Osten, sagte Mogens Kjaer von Danmission. Nach den Vorfällen in Mossul im vergangenen Juli hätten die Medien vor allem über die Jesiden berichtet, das Schicksal der Christen sei nur wenig thematisiert worden. Diesen Eindruck bestätigte Albert Huber von Action Chrétienne en Orient, einer französischen Hilfsorganisation. In Frankreich stelle etwa die starke Lobbyarbeit für Israel viele andere Brennpunkte in den Schatten. Für die Belange der Christen gebe es nur wenig Verständnis.

126 islamische Gelehrte aus aller Welt haben Ende September einen offenen Brief an Abu Bakr Al-Baghdadi, den Anführer der dschihadistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS), veröffentlicht. Das…

Die evangelischen Christen in der Region suchen indessen den Schulterschluss mit den moderaten Muslimen in ihren Ländern. Denn künftig wird es vor allem darum gehen, wie sich die muslimische Mehrheit zu den religiösen Minderheiten stellt. Die FMEEC hatte deshalb auch zahlreiche muslimische Würdenträger und Intellektuelle aus dem Libanon, Tunesien, Sudan und Ägypten zur Konferenz eingeladen. Sie machten deutlich, dass der Koran einer rechtlichen Gleichstellung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen nicht im Wege steht.

Die breite Masse der Muslime kennt diese Erklärungsansätze allerdings nicht. Al Sadiq Abdallah Al Faqeeh vom Arab Thought Forum in Amman mahnte, nicht bei der Theorie zu bleiben, sondern zu handeln. Prediger dürften nicht länger gegen Christen hetzen. Sie sollten den Menschen nahebringen, dass die arabischen Christen bereits vor dem Entstehen des Islam die Region besiedelten und in der Medizin, der Philosophie und in den Wissenschaften Vorreiter waren.

Auch für Scheich Muhiy Eddine Al Afeefi vom Rat für Islamische Studien an der Al-Azhar, der höchsten Lehrinstitution im sunnitischen Islam, ist das Erstarken des Extremismus ein Ausdruck mangelnder Bildung. „Wir müssen zu den Menschen gehen und ihnen erklären, warum die Dschihadisten ein falsches Bild vom Islam zeichnen. Sie müssen lernen, dass der Islam moderat ist“, sagte er und setzte mit Blick auf die Christen im Nahen Osten hinzu: „Dabei brauchen wir Ihre Hilfe.“

Der lutherische Bischof aus Jerusalem, Munib Younan, griff den Ball auf und unterstrich, dass Christen im Nahen Osten nur eine Chance haben, wenn man gemeinsam in die Bildung investiere und radikale Denkmuster ausschalte. Er verwies auf die vielen christlichen Schulen in der Region, in denen Christen und Muslime Toleranz und Respekt lernten. Habib Badr von der Nationalen Evangelischen Kirche in Beirut ergänzte, dass vor allem Gebildete moderate Ideen vertreten. Der Westen habe an der Bildungsfrage im Nahen Osten kein großes Interesse mehr, kritisierte er.

Bildung allein reicht aber nicht aus. Genauso wichtig ist, dass die Menschen zusammenkommen und sich kennenlernen. Der Dialog zwischen Christen und Muslimen ist deshalb unabdingbar. Allerdings dürfe er nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden, sagte Munir Anis, Bischof der anglikanischen Diözese Nordafrika und vom Horn von Afrika. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten die Anglikanische Kirche und die Al-Azhar ein Dialogprogramm begonnen, das jährlich die Würdenträger beider Institutionen zusammenbrachte. Das Programm habe nicht viel bewirkt, sagte Anis selbstkritisch. „Es herrscht heute mehr Gewalt als je zuvor in unserer Region. Wir müssen aus dem traditionellen Dialog der Religionsführer rauskommen und die Leute erreichen.“

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

Neuen Kommentar schreiben