Afrikas Supermarkt-Revolution

Selbstbedienungsläden verdrängen in vielen afrikanischen Ländern mehr und mehr die kleinen Geschäfte in Familienbesitz. Sie zu beliefern, bietet den Bauern neue Chancen, stellt aber auch höhere Anforderungen an die Qualität ihrer Produkte. Das Einkaufen im Supermarkt verändert außerdem den Umgang mit Essen und mit der Zeit.

Die viel beachtete Handyrevolution in Afrika verstellt den Blick auf eine andere folgenreiche Entwicklung: die Supermarkt-Revolution. Ursprünglich waren Supermärkte exklusiv für wohlhabende Kunden konzipiert. Heute bieten sie Bauern neue Marktchancen, tragen dazu bei, dass sich kulturelle Trends ändern, etwa zum Essen, und fördern Direktinvestitionen aus anderen afrikanischen Ländern. Selbstbedienungsläden gewinnen an Boden gegenüber traditionellen kleinen Läden in Familienbesitz, Straßenhändlern und Bauernmärkten. Laut Schätzungen beträgt der Anteil der Supermärkte am Lebensmitteleinzelhandel in Südafrika bereits mehr als die Hälfte, in Kenia ist es knapp ein Drittel. Lieferanten von Supermärkten müssen eine hohe Qualität und strenge Sicherheitsstandards bei Lebensmitteln erfüllen.

Auf diesem Weg ist in Kenia eine neue landwirtschaftliche Unternehmenskultur entstanden. Die Suche nach Bauern, die zugleich Geschäftsleute sind, spornt junge und gut ausgebildete Leute an, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Der Supermarkt-Boom verändert das Bild in Afrika südlich der Sahara, nach dem kleinbäuerliche Landwirtschaft üblicherweise von Schulabbrechern, Alten und Arbeitslosen betrieben wird.

Autor

James Shikwati

ist Gründer und Leiter des Inter Region Economic Network (IREN) mit Sitz in Kenia und Herausgeber von „The African Executive Online Magazine“.

Supermärkte bieten ihren Lieferanten stabile Preise und eine verlässliche Einkommensquelle. Laut den britischen Agrarwissenschaftlern David Neven und Thomas Reardon sind die Lieferanten der Supermarktketten die kommende Elite im kenianischen Gemüseanbau. In der von ihnen untersuchten Region bezogen Supermärkte die Hälfte ihrer Lebensmittel aus Gründen der Qualitätskontrolle direkt von den Produzenten. Geschätzte 90 Prozent der befragten Landwirte, die Supermarktketten direkt beliefern, hatten Mobiltelefone und eigene Fahrzeuge. Die Kette Nakumatt Holdings, die sich in Privatbesitz befindet, kauft 87 Prozent ihrer landwirtschaftlichen Produkte, darunter Obst, Gemüse, Fleisch und Backwaren, bei kenianischen Bauern. Uchumi Supermarkets, an denen die kenianische Regierung die Mehrheit hält, brüstet sich mit mehr als 2000 lokalen Lieferanten. Die Zulieferer müssen nach kenianischem Recht eingetragene Gesellschaften sein und sind an die Qualitäts- und Sicherheitsstandards gebunden, die von der staatlichen Normierungsstelle, dem Kenya Bureau of Standards, festgeschrieben werden.

Supermärkte treiben besonders in Afrika südlich der Sahara die innerafrikanischen Direktinvestitionen nach oben. Das lässt sich nicht zuletzt an der Expansion der kenianischen Nakumatt-Handelskette in drei ostafrikanische Länder (Tansania, Uganda und Ruanda) und den Investitionen von Uchumi Supermarkets in Uganda und Tansania ablesen. Supermarktketten mit Sitz in Südafrika führen die Liste an– allen voran die dortigen Marktführer Shoprite (Investitionen in 16 afrikanischen Ländern) und Pick’n Pay (in fünf afrikanischen Ländern).

Allerdings spielt sich der Supermarktboom in einem Umfeld ab, in dem die Agrarpolitik die Kleinbauern weitgehend missachtet. Er droht deshalb ländliche Wirtschaftssysteme zu zerstören. Da wissensbasierte Wirtschaftszweige und Industrie fehlen, wird in Afrika wohl auch künftig die Produktion von Rohstoffen von entscheidender Bedeutung sein. Das jahrhundertealte Muster, nach dem afrikanische Rohstoffe in wohlhabende Länder exportiert und im Gegenzug von dort Fertigprodukte importiert werden, könnte von den Supermarktketten aufrechterhalten werden. Denn auch sie verkaufen Produkte mit einem höheren Mehrwert, die andernorts hergestellt wurden.

Kleinbauern in Afrika haben schlechte Chancen, die neuen Erwartungen der Verbraucher und die Vorschriften der Supermärkte zu erfüllen: Die Straßen und Transportwege sind schlecht, oft haben sie zu wenig Geld und minderwertiges Saatgut und ihre technische Ausstattung ist rückständig. Hinzu kommen schlechte Ernten angesichts widriger Wetterbedingungen. In Zeiten, in denen die Mittelschicht zunehmend in Supermärkten einkauft, ist noch offen, welchen Einfluss diese Einkaufszentren auf die Misere der Bauern haben und ob es möglich ist, daraus eine Situation zu machen, von der alle profitieren. Die Supermärkte sind in einer paradoxen Lage: Einerseits bieten sie den Bauern neue Marktchancen, andererseits bedrohen sie durch die höheren Anforderungen ihre Existenz.

Bauernmärkte beherrschen weiterhin den Handel mit Frischwaren

Die kenianische und andere afrikanische Regierungen müssen dringend untersuchen lassen, welche Auswirkungen die Supermarkt-Revolution auf ihre langfristigen Wirtschaftsziele hat. Auf der Grundlage solcher Studien müssen politische Strategien entwickelt werden, um eine wissensbasierte und technologiegestützte Agrarproduktion von Kleinbauern voranzutreiben. Kleinbauern sollten gezielt gefördert werden, etwa indem man sie weiterbildet, ihnen die Gründung von Unternehmen erleichtert und Zugang zu Bankkonten und Krediten verschafft, ähnlich wie bei den Finanzhilfen für kleine und mittlere Firmen. Supermärkte sollten Anreize erhalten, ihre Agrarprodukte auf dem inländischen Markt einzukaufen.

Beim Obst und Gemüse hat der Supermarktboom in Kenia den traditionellen Märkten noch nicht allzu sehr das Wasser abgegraben. Bauernmärkte und Straßenhändler beherrschen nach wie vor den Handel mit Frischwaren. Das deutet darauf hin, dass die Mittelschicht ihr traditionelles Einkaufsverhalten noch nicht vollständig aufgegeben hat. Trotzdem hängt das Wachstum der Supermärkte in gewisser Weise mit dem stetigen Anwachsen der Mittelschicht in Afrika zusammen. Die Afrikanische Entwicklungsbank (ADB) zählt dazu mehr als 311 Millionen Menschen, die zwischen zwei und 20 US-Dollar am Tag ausgeben. In Kenia gehören demnach knapp 45 Prozent der rund 40 Millionen Einwohner zur Mittelschicht, die sich in drei Untergruppen aufteilt: die im Aufstieg begriffene neue Mittelschicht („floating class“), die täglich zwischen zwei und vier US-Dollar ausgibt; die untere Mittelschicht mit täglichen Ausgaben von vier bis zehn US-Dollar und die obere Mittelschicht, deren Ausgaben bei zehn bis 20 US-Dollar am Tag liegen. Der Anteil der beiden letztgenannten Gruppen an der Mittelschicht liegt bei 16,8 Prozent.

In Kenias Supermarktlandschaft spiegelt sich wider, wo diese Menschen wohnen: in Städten und größeren Orten. Schätzungen zufolge haben die mehr als 230 Supermärkte in Kenia bereits über 90.000 kleine Läden in Familienbesitz verdrängt. Die mehr als 15 Mega-Shopping-Malls liegen in den Großstädten Nairobi, Mombasa, Kisumu, Nakuru und Eldoret.

Supermärkte in Kenia und anderen afrikanischen Ländern beeinflussen das Verhalten der Verbraucher und die Kultur. Traditionellerweise wird in Afrika an Verkaufsständen entlang von Autobahnen und Straßen und in Wohnsiedlungen eingekauft. Afrikanische Käufer sind daran gewöhnt, zu feilschen: Je geschickter man verhandelt, umso besser der Preis. Beim Einkaufen geht es immer auch um das Verhandlungsgeschick des Käufers und die Überzeugungskunst des Verkäufers. Die Ausbreitung von Supermärkten wird das ändern. In Westkenia etwa, heißt Heirat „okhutekha“, frei übersetzt „kochen“. Jemanden zu heiraten, bedeutete somit „jemanden zum Kochen zu bringen“. Supermärkte sind die „Köche“unserer Zeit geworden, die den Verbrauchern mundgerechte Fertiggerichte servieren. Geht erst einmal die traditionelle Rolle der warmen Mahlzeit, zubereitet im Kreise der Familie, verloren, wird das sicher einen Einfluss auf die afrikanische Kultur haben.

Die große Produktpalette in Supermärkten stammt aus einer Vielzahl von Kulturen. Unter einem Dach eröffnet sie Menschen mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund Zugang zu diesen Waren. Die Verbraucher können neue Lebensmittel, Möbel, Musik oder Kleidung ausprobieren. In Großstädten wie Nairobi und Mombasa können die Kenianer rund um die Uhr einkaufen gehen; das wirkt sich auf das traditionelle Zeitmanagement aus. Die Supermarkt-Revolution erfordert gut durchdachte staatliche Rahmenbedingungen, um die Interessen der Verbraucher und anderen Wettbewerber zu wahren. Der Verdrängungswettbewerb zwischen Mobilfunkanbietern hat mehr als deutlich gemacht, warum Regierungen als Unparteiische auf dem Spielfeld auftreten müssen. Das gilt auch für den Supermarktboom in Afrika.

Aus dem Englischen von Barbara Kochhan.

erschienen in Ausgabe 3 / 2012: Hunger: Es reicht!

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