Islamistischer Terror

Nach den Terroranschlägen: Soldaten patrouillieren unter dem Eiffelturm in Paris.

Islamistischer Terror

Neuer Terror, alte Dummheiten

Die Anschläge in Paris waren im Vergleich zu den Anschlägen vom 11. September 2001 amateurhaft. Als Reaktion darauf rufen nun westliche Politiker zum Krieg gegen den IS – und machen damit das Problem nur noch schlimmer.

Die Terroristen von Paris waren ungebildete Männer, überwiegend aus Frankreich und Belgien, die zum Training nach Syrien gegangen waren – ganz anders als die Akademiker aus der Mittelschicht, die 2001 die Flugzeuge nach New York und Washington steuerten. Sie benutzten Kalaschnikows und Sprengstoffgürtel, die einfachen Waffen der Ausgegrenzten. Die Anschläge vom 11. September zielten auf die Zentren von Geld und Macht; in Paris zielten sie auf den Spaß – Sport, Musik, Essen und Trinken.

So amateurhaft der Terror war, so unzeitgemäß und kurzsichtig ist die Reaktion. Frankreich befinde sich im Krieg, erklärte Präsident François Hollande. Am 14. November, dem Tag nach den Anschlägen, bombardierte Frankreich Rakka. Die Stadt in Syrien gilt als Hochburg des IS. Hollande forderte zudem eine internationale Koalition für den Kampf gegen die Terrormiliz. Seine kämpferischen Worte stießen im gesamten politischen Spektrum Frankreichs auf Zustimmung, genau wie in Großbritannien.

Haben wir aus den vergangenen 14 Jahren nichts gelernt? US-Präsident George W. Bush rief nach dem 11. September 2001 den Krieg gegen den Terror aus. Es folgten der Einmarsch in Afghanistan und im Irak sowie das Gefangenenlager Guantánamo. Aber Krieg gegen den Terror macht das Problem schlimmer. Den IS gab es vor dem 11. September nicht; er ist das Ergebnis dieser Entwicklungen, besonders der Invasion des Irak. Viele haben damals argumentiert, man solle die Anschläge nicht als Krieg, sondern als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnen und sich bei der Reaktion auf Geheimdienste und die Polizei konzentrieren – und auf die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Probleme, die den Nährboden für Extremismus schaffen.

Widerstreitende Interessen im Nahen Osten

Man muss bezweifeln, dass es Hollande gelingt, eine internationale Koalition gegen den IS zu schmieden. Alle Beteiligten im Nahen Osten haben andere Interessen: Baschar al-Assad will die Rebellen schlagen, Saudi Arabien starrt auf den Iran, die Kurden wollen kurdisches Gebiet sichern und die Türken in erster Linie die Kurden bekämpfen. Die westlichen Länder haben zudem nach Irak und Afghanistan wenig Lust auf einen Bodenkrieg. Eine militärische Koalition ist also nur denkbar, wenn der Westen die Forderung, dass Assad geht, fallenließe und dem syrischen Regime sowie Russland den Beitritt erlaubte. Aber was wäre damit erreicht?

Der IS ist ein Symptom für das Fehlen legitimer Regierungen im Irak und in Syrien. Al-Qaida im Irak wurde 2007 besiegt, als sich US-General David Petraeus dort mit sunnitischen Stämmen verbündete. Doch dann wurde versäumt, diesen Weg politisch weiterzugehen; die irakische Regierung spaltete die Bevölkerung und schloss die Sunniten aus. Das machte den Aufstieg des IS durch ein Bündnis mit genau jenen sunnitischen Stämmen erst möglich. Und in Syrien tötet das Assad-Regime mit Fassbomben und Folter viel mehr Menschen als der IS; der setzt sich in Gebieten fest, wo es keine wirksame Regierung und kaum Widerstand gibt. Selbst wenn der IS militärisch besiegen würde: Ähnliche Gruppen würden wieder auftreten, bis die zugrunde liegenden Probleme angegangen werden.

Aber vor allem ist der IS ein Symptom dafür, dass wir gegen unsere eigenen Werte handeln. Wenn wir auf Terroranschläge mit Luftangriffen und Tötungen per Drohne reagieren, dann blenden wir den Terror aus, für den wir selbst damit verantwortlich sind. Wenn wir ertrinkende Flüchtlinge im Stich lassen oder das Morden unter Assad zulassen, schaffen wir neuen Raum für den IS. Natürlich müssen wir mit Assad und Putin darüber reden, wie man den Krieg beendet, genau wie mit dem Iran. Aber sich mit ihnen in einem neuen „Krieg gegen den Terror“ zu verbünden, würde unseren moralischen Bankrott besiegeln.

Lösungen brauchen Zeit und Geduld

Die einzige Lösung ist Frieden im Nahen Osten und in den Vorstädten in Europa. Das erfordert die Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei in ganz Europa sowie Schritte gegen die Arbeitslosigkeit und andere soziale Probleme. Vor allem aber muss man eine Lösung für den Syrienkonflikt finden und beim Aufbau legitimer Regierungen dort und im Irak helfen. Das ist schwierig, und nur mit geduldigen, langfristigen und von der Basis ausgehenden Ansätzen zu lösen – im Nahen Osten wie in Europa.

Doch mit schwierigen Antworten sind heute, in der Flüchtlingskrise und beim Aufstieg populistischer Parteien, in Europa keine Wahlen zu gewinnen. So wird es wahrscheinlich weitere amateurhafte Anschläge und weitere anachronistische militärische Reaktionen geben, die sich gegenseitig verstärken und zu fortgesetzter Gewalt auswachsen. Vielleicht das Bedrückendste, das die Tragödie in Paris zeigt, ist: Es fehlt an öffentlicher Vernunft. Wir versäumen, ernsthaft und ehrlich über unsere Lage nachzudenken.

Der Text ist im Original in "The Nation" erschienen. Aus dem Englischen von Hanna Pütz.

erschienen in Ausgabe 12 / 2015: Agrarindustrie: Vitamine aus der Tüte

Kommentare

Man muss den Scharfsinn von Frau Kaldor bewundern. Es ist in der Tat schon ein Unterschied, ob ich von Akademikern aus der Mittelschicht umgebracht werde oder von ungebildeten, arbeitslosen Amateuren aus den Problemzonen der großen Städte. Wie die meisten Artikel zum Thema vermeidet auch dieser den scharfen Blick auf eine unübersehbare Tatsache: Die Mörder sind Muslime. Willkürlich angefangen bei Lockerbie über nine/eleven über unzählige Anschläge auf Moscheen von Sunniten/Schiiten, wobei die eigenen Glaubensbrüder zerfetzt werden, bis zum aktuellen Verbrechen- die Mörder sind Muslime. Es ist daher suboptimal, auf Entscheidungen von Holland, Assad oder Putin zu warten. Die Vorbereitungen zu allen Attentaten beginnen in unserer Nachbarschaft. Daher ermöglichen erst Schweigen und Wegschauen Untaten wie diese. Zu viele Mitbürger wollten Multikulti, jetzt wird manch einer zu Besinnung kommen. Gleichgesinnte töten sich nicht.

Es ist nicht zu erwarten, dass Ihre Postille meine Meinung veröffentlicht, die Schere höre ich schon klappern. Gespannt darf man sein, was welt-sichten schreibt, wenn demnächst Deutsche in großer Zahl von Moslems ermordet werden.

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