Endlicher Reichtum

Mehr als 60 Prozent der weltweiten Ölreserven lagern in fünf Ländern: in Saudi-Arabien, Kuweit, Irak, Iran und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das beschert der politisch instabilen Golfregion eine hohe geostrategische Aufmerksamkeit und ein stabiles Wirtschaftswachstum, das aller Voraussicht nach noch einige Jahre anhalten wird. Doch die Vorbereitungen für die Zeit nach dem Öl laufen schon: Staatsfonds sind eine der neuen Einkommensquellen.

Öl ist der Treibstoff der Weltwirtschaft – und die Staaten am Persischen Golf haben reichlich davon. Direkt oder indirekt wird es für die Produktion von 95 Prozent aller Industriegüter benötigt. Es steckt in Kosmetika, Tabletten, Kleidern und Chemikalien, es treibt Diesel- und Benzinmotoren an und sorgt nicht zuletzt für warme Wohnungen. 2008 deckte Öl gut 33 Prozent des weltweiten Primärenergiebedarfs.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Im folgenden Jahr sank der Verbrauch laut dem Weltenergiebericht von BP zwar infolge der Weltwirtschaftskrise weltweit um 1,7 Prozent. Doch mit der wirtschaftlichen Erholung ist die Nachfrage wieder gestiegen. Dafür sorgen vor allem energiehungrige Schwellenländer wie Indien und China. Saudi-Arabien, Kuwait, Irak, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verfügen über 60 Prozent der weltweiten Ölreserven – allen voran Saudi-Arabien, unter dessen Landesfläche allein 22 Prozent der Reserven lagern, mehr als 35 Milliarden Tonnen. Im vergangenen Jahr wurde das Königreich (Förderung: 459,5 Millionen Tonnen) als weltgrößter Ölproduzent von Russland (Förderung: 494,2 Millionen Tonnen) abgelöst. Das ist aber darauf zurückzuführen, dass die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), der Saudi-Arabien als führendes Mitglied angehört, ihre Förderung gedrosselt hat, um den Preis am Weltmarkt zu erhöhen. Russland ist kein Mitglied der OPEC. Saudi-Arabien bleibt jedoch der weltweit führende Öl-Exporteur. Das Königreich, das 49 bekannte Ölfelder und 28 Gasfelder besitzt, liefert mehr als 16 Prozent des weltweiten Erdöls.

Ihr Ölreichtum macht die politisch instabile Golfregion zu einem Zentrum von geostrategischem Interesse und zu einem wichtigen Handelspartner für Industrie- und Schwellenländer. In absehbarer Zeit wird das so bleiben. Denn trotz aller Bemühungen, die Energie- und Treibstoffversorgung stärker aus Gas, Wind- und Wasserkraft sowie nachwachsenden Rohstoffen zu decken, wird sich die Abhängigkeit vom Öl wohl nicht so schnell beenden lassen. Die Golfstaaten werden weiter gut daran verdienen, auf durchschnittlich 5 Prozent schätzt der Internationale Währungsfonds ihr Wirtschaftswachstum in den kommenden zwei Jahren.

Doch der Reichtum ist endlich. Seit den 1980er Jahren wird mehr Erdöl verbraucht als gefunden; seit Jahren streiten Experten darüber, wie lange die weltweiten Vorräte noch ausreichen. Der BP-Chefökonom Christof Rühl geht davon aus, dass die Ende 2009 vorhandenen globalen Reserven von 1333 Milliarden Barrel beim derzeitigen Verbrauch noch für knapp 46 Jahre reichen werden. Umstritten ist auch der „peak oil“, der Zeitpunkt, an dem die Ölförderung ihren Höhepunkt überschreitet und die weltweiten Vorräte allmählich zurückgehen. Die Internationale Energie-Agentur prognostiziert ihn für das Jahr 2020, andere Fachleute sagen ihn bereits für dieses Jahr voraus. Zwar gab Abdallah S. Jum’ah, der damalige Präsident der saudischen Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco, im November 2008 vor dem Weltenergierat in Rom Entwarnung: Angesichts der enormen Reserven müsse sich die Welt um einen „peak oil“ noch lange keine Sorgen machen. Doch die Golfstaaten bereiten sich schon längst darauf vor, ihre Volkswirtschaften auf eine breitere Basis zu stellen und so die Abhängigkeit von ihrem wertvollsten Rohstoff zu reduzieren.

Laut Eckart Woertz vom Golf-Forschungszentrum in Dubai sind je nach Land mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), mehr als zwei Drittel der Staatseinnahmen und bis zu 90 Prozent der Exporterlöse auf die Produktion und den Handel mit Erdöl zurückzuführen. Damit das nicht so bleibt, investieren diese Länder in den Ausbau der Petrochemie, in Tourismus, Logistik, Dienstleistungen und Handel. Die Staaten des Golfkooperationsrates (GKR) produzierten bereits zehn Prozent der weltweiten petrochemischen Erzeugnisse, schreibt Woertz in einem Beitrag für die 2008 erschienene Publikation „Im Fadenkreuz der Großmächte - Die Geopolitik der Golfregion“ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Bei der Aluminium- und Düngemittelproduktion seien für 2010 ähnliche Marktanteile zu erwarten. Wie schwierig es ist, sich aus der Ölabhängigkeit zu lösen, zeige das Emirat Dubai: Der Rohstoff trage inzwischen nur noch 3 Prozent zu seinem BIP bei, die lokale Aluminiumindustrie sowie der Tourismus seien mit weit höheren Anteilen vertreten, erläutert Woertz. Doch viele Investitionen kommen aus den benachbarten ölexportierenden Ländern und aus Russland. Zugleich verbraucht Dubai viel Energie und ist künftig auf günstige Ölimporte angewiesen – eine indirekte Abhängigkeit bleibt.

Ihre hohen Öleinkünfte legen die Golfstaaten in Staatsfonds an, die sich mehr und mehr zu einer wichtigen Einkommensquelle entwickeln. Die Fonds gehören zu den größten institutionellen Anlegern der Welt. Das Internationale Finanzinstitut (IFF) in Washington erwartet, dass der Wert des Auslandsvermögens der GKR-Staaten um rund 30 Prozent von 1049 Milliarden US-Dollar Ende 2009 auf 1340 Milliarden US-Dollar Ende 2011 steigen wird. Dazu zählen etwa die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), dem das IFF bis Ende 2010 ein Wachstum seines Vermögens auf 390 Milliarden US-Dollar voraussagt, oder die Kuwait Investment Authority (KIA), deren Vermögen laut Experten 300 Milliarden US-Dollar betragen soll. Sie investieren vor allem in den USA und in Europa, etwa in den europäischen Luftfahrtkonzern EADS und in Daimler. Das Emirat Katar ist seit dem vergangenen Jahr Großaktionär beim deutschen Autobauer Volkswagen.

Die Nahost-Experten Sven Behrendt und Joseph Helou von der US-amerikanischen Carnegie-Stiftung sehen die Golfstaaten im Übergang von der Öl- zur Finanzwirtschaft. Damit einher gehe eine zunehmend aktivere Rolle in verschiedenen globalen Politikfeldern, schreiben die Wissenschaftler in der Juli-Ausgabe des Journal of Energy Security. So hat sich Abu Dhabi im Wettstreit um den Sitz der internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) gegen Bonn durchgesetzt und macht sich nun stark für deren Ziele. Katar hat sich inzwischen einen respektablen Ruf als Mediator in regionalen Konflikten erworben, zuletzt bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes zwischen der Regierung des Jemen und den Huthi-Rebellen. Saudi-Arabien ist zum Mitglied der G20 avanciert, dem Zusammenschluss der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Befürchtungen, die Golfstaaten setzten Öl oder ihre finanziellen Investitionen gezielt für die Erreichung außenpolitischer Ziele ein, halten Behrendt und Helou jedoch für übertrieben.

Doch wie decken die Staaten am Persischen Golf angesichts begrenzter Ölvorräte ihren eigenen Energiebedarf? Laut Eckart Woertz vom Golf-Forschungszentrum steigt ihr Ölkonsum jährlich um rund 5 Prozent, bei Gas und Strom sind die Zuwachsraten bis zu doppelt so hoch. Dafür verantwortlich sind die wachsende Bevölkerung, eine schlechte Energieeffizienz sowie ein hoher Energiebedarf bei der Entsalzung von Meerwasser für die Trinkwassergewinnung, die Kühlung von Gebäuden und die Ausweitung der Industrie. Interessenskonflikte zwischen den Erfordernissen des Exports und dem wachsenden heimischen Bedarf seien absehbar, meint Woertz. Verschiedene GKR-Staaten planten deshalb den Aufbau einer Atomindustrie.

Die Vereinigten Arabischen Emirate gehen versuchsweise einen anderen Weg: 30 Kilometer östlich von Abu Dhabi hat im Februar 2008 der Bau von Masdar City begonnen, einer Ökostadt, die vollständig aus erneuerbaren Energien versorgt werden soll. Die Meerwasserentsalzung etwa soll mit Sonnenergie bewerkstelligt werden, ein ausgeklügeltes öffentliches Verkehrsnetz ist geplant. Die Stadt soll künftig 50.000 Menschen ein Zuhause bieten, eine Universität und Firmen aus dem Umweltbereich sollen dort angesiedelt werden. Im Frühjahr wurde allerdings von finanziellen Problemen berichtet, statt 2016 wird nun 2020 als Einweihungstermin genannt.

Saudi-Arabien wiederum will seinen wertvollsten Rohstoff noch etwas aufsparen und hat die Erkundung neuer Ölfelder vorerst gestoppt. Man wolle den Wohlstand auch an künftige Generationen weitergeben, wie König Abdullah im Juli betonte.

 

erschienen in Ausgabe 11 / 2010: Arabische Welt: Umworben und umkämpft

Neuen Kommentar schreiben