Genossenschaft in Venezuela
Seltener Anblick in Venezuela: Die Marktstände der Genossenschaft Cecosesola in Barquisimeto sind gut gefüllt.
Genossenschaft in Venezuela

Vertrauen heißt das Zauberwort

Kein Chef, ein Einheitslohn und ständig wechselnde Arbeitsplätze: Seit 50 Jahren wirtschaften die Genossenschafter von Cecosesola erfolgreich im krisengeschüttelten Venezuela. Und die Schlangen vor ihren Lebensmittelmärkten werden immer länger.

Die „Feria“, der Markt des Genossenschaftsverbandes Cecosesola in Barquisimeto, ähnelt einer Maschinenhalle. Doch statt schweren Geräten stehen hier große Metallkörbe mit Tomaten, Zitronen, Kochbananen und Karotten. Keine Werbung, keine Dekoration und keine Auslagen animieren zum Einkauf. Trotzdem stehen die Menschen vor dem Zaun geduldig Schlange, bis sie eintreten dürfen.

Maribel Pérez kommt jedes Wochenende hierher: „Vor allem Gemüse und Grundnahrungsmittel bekomme ich hier billiger“, sagt die Mutter von vier Kindern. „Das ist so wichtig in dieser der Krise.“ Hyperinflation und wenige Nahrungsmittel – damit kämpfen die Venezolanerinnen und Venezolaner jeden Tag. Und wenn es Lebensmittel gibt, dann reicht meist das Geld nicht, um sie zu kaufen. Der Mindestlohn ist inzwischen bei 800.000 Bolivares angelangt, das sind umgerechnet nicht einmal vier US-Dollar pro Monat.

Der Staat verteilt zwar subventionierte Lebensmittel, jedoch viel zu selten und nicht genug – und wer sich offen gegen die Regierung stellt, bekommt nicht einmal die. Die großen Lebensmittelmärkte des Genossenschaftsverbandes „Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara“, kurz Cecosesola, sind deshalb überlebenswichtig für die knapp eine Million Einwohnerinnen und Einwohner von Barquisimeto, der viertgrößten Stadt Venezuelas.

Maribel Pérez hat ihre große Plastiktasche mitgebracht: Sie packt Tomaten, Zitronen, Paprikaschoten und Karotten ein. Das Wiegen der Ware an der Kasse geht schnell. Es gibt nur zwei Preisklassen bei Cecosesola, je eine für Gemüse und Obst, abgerechnet wird nach dem Gewicht.An der Kasse sitzt Jennifer Escalona. „Zwei Jahre bin ich schon hier und lerne immer noch dazu“, sagt die junge Frau und lächelt. Wie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Genossenschaft wechselt sie regelmäßig den Arbeitsplatz, nächste Woche wird sie vielleicht den Einkauf machen oder die Toilette putzen. Sie erhält denselben Lohn wie langjährige Mitarbeiter mit Universitätsabschluss und kann genauso mitreden wie alle anderen 1400 Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Denn einen Geschäftsführer oder Chef gibt es hier nicht.

Jeder Genossenschafter lernt jeden Betrieb kennen

Der selbstverwaltete Genossenschaftsverband Cecosesola unterhält in Barquisimeto 22 Verkaufsstellen für Gemüse und Grundnahrungsmittel, außerdem sechs Gesundheitszentren, eine Putzmittelfabrik und ein Bestattungsunternehmen. Außer den Ärztinnen und Ärzten in den Gesundheitszentren rotieren die Beschäftigten innerhalb der verschiedenen Betriebe. So sollen alle Arbeiten wertgeschätzt werden, und die Genossenschafter erhalten einen besseren Einblick in den Gesamtbetrieb. Der Verband existiert bereits seit 50 Jahren – und hält an seinen Idealen fest, obwohl er ebenfalls unter der schweren Wirtschaftskrise leidet, die Venezuela seit Jahren fest im Griff hat.

Am Mikrofon in der großen Markthalle wirbt Gustavo Salas für die Lotterie: Zum 50-jährigen Jubiläum der Genossenschaft kann man sich mit einem Los die Gewinnchance auf eine Bettgarnitur kaufen. Der groß gewachsene, schlaksige Mann mit den weißen Haaren übernimmt wie alle Mitglieder wechselnde Aufgaben. Der 76-jährige Betriebswirt hat die Geschichte von Cecosesola fast von Beginn an mitgeschrieben.

Jesuiten, die von der Befreiungstheologie inspiriert waren, gründeten Cecosesola 1967 als Verband von Spargenossenschaften – zu Beginn mit dem Ziel, einen bezahlbaren Beerdigungsservice für die Genossenschafter anzubieten. Kurz darauf engagierten sie Salas und weitere junge Leute als Berater. „Schon fünf Jahre nach der Gründung war Cecosesola wie irgendein Betrieb“, erinnert sich Salas. „Der Präsident war kein ehrenamtlicher Idealist mehr, sondern der Vorsitzende der Handelskammer. Die Geschäftsführung tagte hinter verschlossenen Türen.“

Der Betriebswirt Gustavo Salas hat mit dem Genossenschaftsverband schon viele Krisen erlebt. Ihn kann auch die derzeitige nicht schrecken.Hildegard Willer
Wie zum Beweis zeigt er auf das Türschild „Sala de Gerentes“ (Zimmer des Geschäftsführers). Es ist heute eine Erinnerung und Mahnung daran, was Cecosesola nicht sein will: ein Betrieb mit festgelegter Struktur, Hierarchien und festen Planungsvorgaben. Was der Verband sein möchte, ist hingegen nicht so leicht zu definieren, wie Gustavo Salas erläutert. Am ehesten treffe wohl die Beschreibung „selbstverwalteter Gemeinschaftsbetrieb“ zu. „Wir nennen uns einen offenen Bildungsprozess, der auf Gleichheit, Transparenz und Vertrauen aufbaut“, sagt er.

Der Weg dorthin war schwierig, wie Gustavo Salas erzählt: Anfang der 1970er Jahre hätten sie sich von den Jesuiten getrennt, weil sie zu den ursprünglichen Genossenschaftsidealen zurückkehren wollten. Als Erstes schafften sie das hierarchische Gefälle ab zwischen Beratern, die sagten, wo es langgeht, und denen, die ausführen sollten. Aus den Beratern wurden Genossenschaftsmitglieder, und das Lernen wurde zu einer gemeinsamen Aufgabe. „Nicht mehr das Fischen beibringen, sondern gemeinsam fischen“, sagt Gustavo Salas in Anspielung auf ein altes Sprichwort.

Die Feuerprobe kam 1980. Cecosesola wollte in den städtischen Nahverkehr einsteigen: Mit einem Regierungskredit kaufte die Genossenschaft 127 Busse und gründete eine Transportkooperative, um billigere Fahrpreise anzubieten. Doch die Genossenschafter gerieten in Streit mit den städtischen Behörden. Unter dem Vorwand, Cecosesola würde verbotene Hamsterkäufe tätigen, beschlagnahmte die Aufsichtsbehörde für Verbraucherschutz die meisten Busse. Am Ende verlor Cecosesola fast die Hälfte seiner Mitglieder und hatte Schulden in der 60-fachen Höhe des Eigenkapitals.
Doch aus der Not entstand eine neue Geschäftsidee: 1984 entfernten die verbliebenen Genossenschafter die Sitze aus einem der Busse und verkauften darin Gemüse in den armen Randbezirken von Barquisimeto. Die Nachfrage war groß, zwei Jahre später belieferte Cecosesola bereits 15 Stadtteile und führte drei feste Märkte.

Bauern und Händler legen gemeinsam die Preise fest

Bis heute funktioniert die Selbstverwaltung, weil Cecosesola auf Gespräche und Entscheidungen im Konsens setzt. Drei Tage in der Woche treffen sich alle Genossenschafter in verschiedenen Gruppen und besprechen die anfallenden Themen. Die angeschlossenen Agrarkooperativen vom Land und die Verkaufskooperative setzen sich jeden Monat zusammen und einigen sich auf einen gemeinsamen Preis für den Verkauf. „Das Wichtige ist nicht das Geschäft, sondern das Vertrauen, das wir untereinander aufbauen“, sagt Salas. „Wenn das Vertrauen stimmt, dann lösen sich die wirtschaftlichen Probleme von alleine.“

Ihre Gemeinschaft und ihre Arbeit sehen die Genossenschafter als „offenen Prozess“. „Wir wissen nicht immer, wohin wir gehen, aber wir sind nicht orientierungslos“, sagt Crismar Escobar, die seit 27 Jahren dabei ist und derzeit in der internen Schulung  arbeitet. Der Genossenschaftsverband bietet für seine Mitglieder Weiterbildungskurse unter anderem in Krankenpflege oder Radiologie an, aber auch zur Gesundheitsprävention wie Yoga oder Geburtsvorbereitung.

„Genossenschafterin bei Cecosesola zu sein ist nicht irgendein Job. Es gibt dem Leben einen Sinn“, sagt die 46-Jährige. „Wir setzen uns keine festen Ziele und sehen uns nicht in der westlichen Kultur verankert, in der alles geplant wird. Wenn wir heute trotz der Krise überleben, dann, weil wir so flexibel sind.“ Mitglied werden kann man nur auf Empfehlung – nachdem die Genossenschaftsversammlung vorher einen zusätzlichen Arbeitsplatz beschlossen hat. „Derjenige, der jemanden vorschlägt, ist verantwortlich für seinen Schützling und haftet für ihn“, erklärt Crismar Escobar.

Von der Regierung wollen die Genossen kein Geld

„Die Leute von Cecosesola sind zu bescheiden“, sagt Nelson Freítez. Er ist Soziologieprofessor an der Universität in Barquisimeto und hat seine Doktorarbeit über die Genossenschaftsbewegung geschrieben. „Die Gruppe ist ein Lebensprojekt“, fügt er hinzu und unterstreicht, dass Gewinnstreben dort keine Rolle spiele. Als einen Nachteil sieht er, dass die Mitglieder ihre Erfahrungen mit dem selbstverwalteten Großbetrieb für sich behalten und sich sehr nach innen richten. Zugleich räumt er ein: „Nur mit dem großen Aufwand an Gesprächen und Konsensfindung innerhalb der Genossenschaft ist dieses Modell der Selbstverwaltung überhaupt aufrechtzuerhalten.“

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
Mit seiner offenen Fehlerkultur verhindert Cecosesola zudem korrupte Praktiken – in einem Land, das für seinen hohen Grad an Korruption bekannt ist. Seit 1999 regieren in Venezuela linke Regierungen, die das Genossenschaftswesen stark fördern. Cecosesola hält jedoch freundliche Distanz zu den Regierenden und nimmt keine staatlichen Gelder an. „Als ich Hugo Chávez zum ersten Mal reden hörte, kam mir das bevormundend und manipulierend vor“, sagt Salas. „Wir sind des Paternalismus müde und wollen die Dinge nicht geschenkt bekommen.“

Venezuela zerfällt in diesen Tagen immer mehr, und die Aussichten auf einen politischen Wechsel sind gering. Viele Venezolaner suchen ihr Glück deshalb im Ausland. Auch 20 Mitglieder der Kooperative haben Anfang des Jahres mitgeteilt, dass sie das Land verlassen werden. Verzweiflung und Enttäuschung machen auch vor Cecosesola nicht halt. Als der Staat vor Weihnachten eine neue Abgabe verlangte, ging den Genossenschaftern beinahe das Geld aus. Im Dezember betrug die monatliche Inflation 100 Prozent, ihr Lohn reicht nicht mehr aus, um die Familien zu ernähren.

Die Bauern auf dem Land haben kein Saatgut mehr, ihre Produktionskosten steigen. Die Lebensmittel für die Bevölkerung werden immer knapper und die Schlangen vor den Toren von Cecosesola immer länger. „Es ist, als wenn du eine riesige Welle surfst, gerade hast du die eine genommen, kommt schon die nächste“, beschreibt Salas die Situation. Die größte Anforderung sei es, das gegenseitige Vertrauen nicht zu verlieren und die knappen Lebensmittel solidarisch und gerecht zu teilen. Selbst in dieser Krise liege eine Chance, davon ist Salas überzeugt: „Die Geschichte von Cecosesola ist voller Krisen, und aus jeder Krise sind wir stärker hervorgegangen. Wir haben schon Schlimmeres erlebt.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2018: Kunst und Politik: Vom Atelier auf die Straße

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