Innovationen
Parabolspiegel machen es möglich: In dieser Reismühle in Burkina Faso wird der Dampf für die Reisverarbeitung mit Sonnenenergie erzeugt.  
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Der Charme der Technik

Innovation ist das neue Schlagwort in der Entwicklungszusammenarbeit. Nicht alles, was darunter fällt, ist wirklich neu.

Der Ort passt. In den unteren Geschossen des Fabrikgebäudes in einem Hinterhof in der Münchner Innenstadt produziert eine Großbäckerei Brot, Brezeln und Brötchen. Im Stockwerk da­rüber hat sich eine kleine Start-Up-Firma eingemietet, die Software für das Personalmanagement in Unternehmen herstellt. Und unter dem Dach kommt beides zusammen: Alt und Neu, Lebensmittel und Hightech. Hier residiert seit zwei Jahren der sogenannte Innovation Accelerator des UN-Welternährungsprogramms WFP.

Rund ein Dutzend junge Männer und Frauen aus aller Herren Länder sitzen in lichtdurchfluteten gläsernen Büros an ihren Computern oder in Besprechungen. Sie suchen auf der ganzen Welt nach ­Ideen, wie mit Hilfe neuer Technologien die humanitäre Hilfe und der Kampf gegen den Hunger besser und effizienter gemacht werden können. Es geht um unbemannte, selbstfahrende Lastwagen, die in Ostafrika Nothilfe in schwer erreichbare oder gefährliche Gebiete bringen können. Oder um die sogenannte Blockchain-Technologie, mit der das WFP Bargeldhilfe für Flüchtlinge in Pakistan und Jordanien leichter und kostengünstiger verwalten kann. Oder um den Anbau von Tierfutter mit Hilfe von Hydrokultur in Flüchtlingslagern in Algerien. Firmen oder Organisationen, die solche Projekte anbieten, können sich beim WFP bewerben, eine kleine Auswahl wird nach München eingeladen, wo die Ideen auf Herz und Nieren geprüft werden. Wer dieses einwöchige „Boot Camp“ übersteht, wird mehrere Monate lang unterstützt und erhält bis zu 100.000 US-Dollar Fördergeld.

Auch in einem alten Klinkerbau am Spreeufer in Berlin-Kreuzberg werden Ideen gesucht, wie mit digitalen Technologien die Welt lebenswerter gemacht werden kann. Früher wurden in dem Gebäude Schellack-Schallplatten gepresst, heute sind hier die Denkfabrik betterplace lab und die Onlinespendenplattform betterplace.org zu Hause. Hier geht es ähnlich zu wie im WFP Innovation Accelerator in München. Auf betterplace.org kann seit rund zehn Jahren jeder für gute Zwecke Geld sammeln, auch für Entwicklungsprojekte. Das betterplace lab forscht, wie darüber hinaus Smartphone, Computer und Co. genutzt werden können, um Armut zu lindern und Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

Nothilfe mit moderner ­Technik – mit einem Iris-Scan ­können Flüchtlinge an einem Geldautomaten in Amman (Jordanien) innerhalb von 30 Sekunden Geld abheben. Mazraawi/AFP/Getty Images
Innovation ist in, seit einigen Jahren zunehmend auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Und das nicht nur bei noch relativ jungen Initiativen, sondern auch bei altgedienten Entwicklungsorganisationen. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat seit zwei Jahren eine Mitarbeiterin für Innovationsmanagement und betreibt außerdem eine Innovationswerkstatt. Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP hat 2014 eine Innovation Facility eingerichtet, mit der es ähnlich wie das WFP aus seiner Sicht zukunftsweisende Projekte fördert. Und auch das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt befasst sich „behutsam“ mit dem Thema Innovation, wie es der Leiter des Stabsreferats Strategisches Management, Harald Keuchel, ausdrückt. Woher kommt das Bedürfnis, innovativ zu sein? Was ist das Neue an der innovativen Entwicklungshilfe? Und: Wie verändert die Karriere des Begriffs Innovation die Entwicklungszusammenarbeit?

Aufholen durch Nachahmen

Arme Länder werden zunächst wohlhabender, indem sie vorhandene Technik nachahmen. Das ist nicht neu, doch das Zentrum für internationale Entwicklung an der

Reimer Gronemeyer kann mit dem Streben nach dem immer Neuen nicht viel anfangen. „Wir leben in einer innovationssüchtigen Zeit“, sagt der Soziologe, der an der Universität Gießen lehrt. Das Wort Innovation sei in allen Sprachen verständlich, sage aber letztlich nicht mehr als: „Macht was Neues, sonst geht es euch dreckig.“ Gronemeyer, Jahrgang 1939, hat gerade ein Buch mit dem Titel „Die Weisheit der Alten“ vorgelegt, in dem er dafür plädiert, nicht immer nur nach vorne, sondern wieder mehr zurückzublicken, um für eine bessere Zukunft von den Erfahrungen und dem Wissen der älteren Generation zu lernen.

Adolf Kloke-Lesch arbeitet seit 40 Jahren in der Entwicklungspolitik, die längste Zeit davon auf verschiedenen Posten im Bundesentwicklungsministerium. Seit 2014 ist er Deutschland-Geschäftsführer des internationalen Sustainable Development Solutions Network, das nach innovativen Wegen sucht, den UN-Nachhaltigkeitszielen näherzukommen. „Innovation ist en vogue“, sagt er: „Auch die Entwicklungspolitik will sich damit schmücken.“ Hinzu komme eine gewisse Faszination gegenüber Start-Up-Unternehmen und der Dynamik, die von ihnen ausgeht.

Scheinbar ungeahnte und unerschöpfliche Möglichkeiten

Aber das ist nicht alles. Wie in anderen Politikfeldern macht sich auch in der Entwicklungspolitik das Gefühl breit, dass die Probleme unberechenbarer, vielschichtiger und drängender werden und nach neuen Lösungen gesucht werden muss. Zugleich eröffnen neue Technologien scheinbar ungeahnte und unerschöpfliche Möglichkeiten, Entwicklungsprobleme anzugehen. Zumindest bei großen Geldgebern wie der Europäischen Union oder privaten Stiftungen erhalte man heute kaum noch Fördermittel, wenn im Projektantrag nicht irgendwo das Wort „Digitalisierung“ auftauche, sagt Harald Keuchel von Brot für die Welt. Das Gefühl, dass es schneller gehen muss, hat auch mit den UN-Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) zu tun. Bis zum Jahr 2030 soll die schlimmste Armut beseitigt sein, so haben es die Mitglieder der Vereinten Nationen vor drei Jahren beschlossen. „Aber wenn wir in dem bisherigen Tempo weitermachen, dann hungern 2030 immer noch etwa 500 Millionen Menschen“, sagt Bernhard Kowatsch, der Chef des WFP Innovation Accelerator.

Henrik Skovby in Kopenhagen sieht es ähnlich: Es gebe noch nicht die richtigen Lösungen, um die SDGs zu erreichen, sonst würden sie ja schon finanziert und umgesetzt. Skovby ist Gründer und Präsident der dänischen Firma Dalberg, die profitorientiert Entwicklungszusammenarbeit macht. Vor zwei Jahren startete er die Innovationsinitiative UNLEASH, die ähnlich funktioniert wie die Talentsuche des WFP, nur nicht beschränkt auf die Hungerbekämpfung: Leute aus aller Welt mit guten Ideen können sich bei UNLEASH bewerben oder werden von Mitarbeitern der Initiative selbst gesucht.

Vielversprechende Talente mit interessanten Geschäftsmodellen werden zum jährlichen Innovation Lab eingeladen, das dieses Jahr in Singapur stattfindet. Zu den tausend Teilnehmern und Teilnehmerinnen im vergangenen Jahr gehörten etwa eine junge IT-Unternehmerin aus Syrien, die einen Onlinekurs für arabischsprachige Studenten programmiert, und ein Ingenieur aus Südafrika, der ein neues Verfahren zum Recycling von nicht verbrauchtem Zement auf Baustellen entwickelt hat.

Das Innovationszentrum i-Hub in Kenias Hauptstadt Nairobi. Hier haben junge Köpfe unter anderem die Software Ushahidi entwickelt, die Hilfe in Kriegs- und Katastrophengebieten erleichtert. Waldo Swiegers/Bloomberg via Getty Images
Während der Innovation Labs werden die jungen Erfinder mit Unternehmen in Kontakt gebracht, die an ihren Ideen interessiert sind. Sie können sich zudem mit Gleichgesinnten austauschen und Kontakte knüpfen. Gefördert wird UNLEASH von etlichen Unternehmen und privaten Stiftungen sowie UN-Organisationen und Universitäten. Die Innovation Labs sollen bis 2030 jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfinden. Skovbys Idee ist es, eine globale dezentrale Denkfabrik für die SDGs zu schaffen: „UNLEASH beschleunigt die Vernetzung von guten Ideen mit Geld und Unternehmen.“

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".
Für Skovby sind die UN-Nachhaltigkeitsziele selbst schon eine Innovation, weil sie den Staat, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft zusammenbringen. Genau das ist eines der wesentlichen Merkmale der neuen, innovativen Entwicklungszusammenarbeit: Alle ziehen an einem Strang, alte Vorbehalte gegenüber neuen Formen der Zusammenarbeit werden über Bord geworfen, Partnerschaften sind Trumpf – ein Verständnis, das sich nicht selten in den Biografien der Innovationsverfechter spiegelt: Henrik Skovby war beim UN-Entwicklungsprogramm und bei der Unternehmensberatung McKinsey tätig, bevor er seine eigene Firma gegründet hat. Bernhard Kowatsch, 34 Jahre alt, kam von der Unternehmensberatung  Boston Consulting zum Welternährungsprogramm.

Neues schaffen und Altes zerstören

Doch darüber hinaus wird es schwammig, was eine Idee oder ein Projekt innovativ macht. Populär gemacht hat den Begriff vor rund 80 Jahren der österreichische Ökonom Joseph A. Schumpeter. Er spricht von Innovation, wenn Faktoren „auf neue Art kombiniert“ werden und sich diese neue Kombination allgemein durchsetzt. Eine weitere Formulierung Schumpeters in diesem Zusammenhang ist die von der „schöpferischen Zerstörung“: Im Kapitalismus wird ständig Neues geschaffen und Altes zerstört. Das Mobiltelefon etwa, das längerfristig das Festnetztelefon ersetzen wird, war eine Innovation in diesem Sinne, ebenso das Smartphone, das wiederum die Mobiltelefonie und etliche andere Branchen revolutioniert hat. Die alljährlich neuen iPhone-Modelle hingegen mit runderen Kanten oder besserer Kamera sind keine Innovationen à la Schumpeter.

In der Entwicklungszusammenarbeit reicht das Verständnis von Innovation von „disruptiver Neuerung“ bis hin zu „fortlaufender Verbesserung“. Harald Keuchel von Brot für die Welt sagt: „Wir beschäftigen uns tagtäglich damit, Projekte gut und neu zu machen.“ Insofern könnte man sagen: In der Entwicklungszusammenarbeit geht es eigentlich schon immer um Innovation. „Nur gab es früher nicht den Begriff von Innovation Labs oder Factories“, sagt Adolf Kloke-Lesch vom Sustainable Development Solutions Network. Er verweist auf das entwicklungspolitische Anliegen vor 40 Jahren, „angepasste Technologien“ zu schaffen, die den Bedingungen in Entwicklungsländern besser entsprechen als die Technik der Industrieländer. Damals sei man auch schon auf der Suche nach Innovationen gewesen. Harald Keuchel findet den Begriff denn auch nicht so wichtig: „Innovation interessiert uns bei Brot für die Welt gar nicht so sehr. Uns geht es um Wirksamkeit.“

In China wachsen ­Salatsetzlinge in einer computergesteuerten Umgebung (links). David Gray/Reuters
Etliche Projekte, die heute als innovativ gelten, machen zudem den Eindruck, dass sie das Rad neu erfinden, statt in die Zukunft zu weisen – etwa die x-te App, die Kleinbauern „in Echtzeit“ Zugang zu Informationen wie den aktuellen Marktpreisen verschafft. Oder das UNLEASH-Projekt, das Familien in ländlichen Regionen Anreize gibt, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Abzuwarten bleibt, wie viele der von den Innovationsschmieden geförderten Projekte sich durchsetzen und Wirkung entfalten.

Geschäftsideen aus Nairobi, Mumbai oder Caracas

Von den rund 2000 Bewerbungen, die beim WFP bisher eingegangen sind, wurden 80 zu „Boot Camps“ eingeladen, 30 davon werden unterstützt, und sieben Projekte sind so weit gewachsen, dass mit ihrer Hilfe mindestens 100.000 Menschen unterstützt werden. Der „Solutions Catalogue“ von UNLEASH verzeichnet derzeit 200 Geschäftsideen. Bemerkenswert ist, dass ein großer Teil der vom WFP Innovation Accelerator, von UNLEASH oder vom UN-Entwicklungsprogramm unterstützten Vorhaben und Geschäftsideen von klugen Leuten aus Nairobi, Mumbai und Caracas kommt statt aus Berlin, München oder Kopenhagen. Es geht also tatsächlich um „angepasste Technologie“ aus dem Süden statt für den Süden. Das ist den Verfechtern der neuen Entwicklungszusammenarbeit wichtig. „Innovationen lassen sich schwer von außen transplantieren. Sie müssen vor Ort von unten wachsen“, sagt etwa Franziska Kreische vom betterplace lab.

Die Suche nach förderungswürdigen Innovationen könnte aber in der Entwicklungszusammenarbeit ein Problem verschärfen, das eigentlich längst überwunden sein sollte: die im Fachjargon sogenannte Projektitis, also die Unterstützung vieler kleiner, nicht miteinander abgestimmter Vorhaben, die sich manchmal ergänzen, manchmal aber auch überschneiden oder sogar widersprechen können. Fraglich ist, ob das unterm Strich wirtschaftlich und entwicklungspolitisch sinnvoll ist.

Auf jeden Fall verändert der Hype um Innovation den Blick auf Entwicklungsprobleme und auf Lösungen. Im Vordergrund steht die Technik, während soziale und politische Neuerungen, die nötig wären, um Armut und Hunger zu bekämpfen, in den Hintergrund geraten. Der größte Teil der von den Innovationswerkstätten propagierten Vorhaben und Ideen zielt darauf, Resilienz zu fördern – um ein weiteres entwicklungspolitisches Modewort zu gebrauchen. Es geht darum, in einer ungerechten Welt die Widerstandskraft bedürftiger und benachteiligter Menschen zu stärken. Das ist nicht falsch, doch bleiben in der neuen innovativen Entwicklungspolitik, in der Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft vermeintlich die gleichen Interessen haben und an einem Strang ziehen, die Ursachen und Urheber für Ungerechtigkeit und Armut unterbelichtet.

Reimer Gronemeyer von der Universität Gießen, der viel in Afrika gearbeitet und geforscht hat, sieht diese Entpolitisierung sehr kritisch: „Die Innovationssucht ist eine nach vorwärts stürmende Maschine, die oft Trümmer hinterlässt“, sagt er. In der Landwirtschaft in Afrika etwa mache die Faszination der Innovation „alles platt, was die Leute mal gewusst haben über Böden, Saatgut und Fruchtfolgen“. Meistens gehe es bei Innovationen um eine neue Technik, „mit der jemand Geld verdient“. Als Gegenbeispiel für ein in einem positiven Sinn innovatives Projekt nennt Gronemeyer die Arbeit der indischen Aktivistin Vandana Shiva, die den Schutz traditioneller Pflanzensorten mit politischem Engagement verknüpft.

Adolf Kloke-Lesch bevorzugt den Begriff der „Transformation“ gegenüber dem der Innovation. Denn anders als die Innovation enthalte die Transformation per definitionem auch den erforderlichen politischen und gesellschaftlichen Wandel. Kloke-Lesch betont aber: Ohne technische Innovationen geht es nicht. Er verweist auf die Fortschritte bei der Bewässerung in der Landwirtschaft. Da habe es riesige Effizienzgewinne gegeben.

Wenn es gut läuft, kommt in der Entwicklungszusammenarbeit beides zusammen: Auf der einen Seite Offenheit für Neues, auch für neue Kooperationspartner. Auf der anderen Seite ein Bewusstsein dafür, dass der jeweils neueste Technikschrei und eine noch so schicke Geschäfts­idee Ursachen für Elend und Ungerechtigkeit nicht beseitigen können, sondern unter Umständen sogar verfestigen.

Es braucht Projekte, die beide Seiten in sich vereinen – wie das Vorhaben der GIZ in Marokko, bei dem mit Satellitenaufklärung kontrolliert wird, dass landwirtschaftliche Großbetriebe nicht mehr Grundwasser verbrauchen, als ihnen zusteht. Und es braucht Leute, die beides voranbringen, einen wie Adolf Kloke-Lesch etwa. Oder wie Henrik Skovby von UNLEASH, dem bewusst ist, dass Technik nicht alles ist und schlechte Politik nicht korrigieren kann. „Wir liefern unseren Beitrag, um die Welt besser zu machen, nicht mehr, nicht weniger“, sagt der Däne. Die Politik müsse ihren liefern. „Was ist die Alternative? Ein One-Way-Ticket zum Mars?“

erschienen in Ausgabe 6 / 2018: Neu ist Kult

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