Iran
Eine junge Iranerin möchte ihre Nase korrigieren lassen. In einer Klinik für plastische Chirurgie in Teheran bespricht sie im Oktober 2017 mit einem Arzt ihre Wünsche.  
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Schön sein als religiöse Pflicht

Große Augen, üppige Lippen, zierliche Nase: Im Iran sind Schönheitsoperationen weit verbreitet. Die Geistlichen billigen das als Beitrag zur Stabilität der Ehen und der gottgewollten sozialen Ordnung.

Die Nachfrage nach Schönheitschirurgie im Iran steigt. Teheran ist „Welthauptstadt für Nasenkorrekturen“ getauft worden – es wird geschätzt, dass jedes Jahr fünf bis sechs Prozent aller Teheranerinnen und Teheraner ihre Nase korrigieren lassen. Die Quote der plastischen Nasenoperationen ist laut Berichten im Iran die höchste der Welt und fast ein Prozent aller Schönheitsoperationen weltweit werden hier vorgenommen, obwohl die Bevölkerung weniger als 0,02 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht (2017 waren es 80 Millionen). In westlichen Medien wird dies mit Überraschung aufgenommen: Wie kann sich so etwas in einem islamischen Staat abspielen, dessen Führung antiwestlich eingestellt ist?

In der islamischen Kosmologie gilt Schönheit als Widerspiegelung der überragenden Schönheit Gottes. Das Gesicht ist ein wichtiger Ort, an dessen Aussehen sich die inneren Qualitäten einer Person, ihre Frömmigkeit und ihre Wohltaten erkennen lassen. Nichtsdestotrotz sind jegliche „unnötige“ Eingriffe am Körper in vielen islamischen Gesellschaften stark umstritten. Im Iran jedoch gelten diese Praktiken als legitim, und sie sind weit verbreitet. Gott wird als Quelle der Ästhetik betrachtet und alle Schönheit in der Welt als Vergegenständlichung seiner Vollkommenheit. Koranverse und Überlieferungen des Propheten wie „Gott ist schön und Er liebt die Schönheit“ werden häufig herangezogen, um zu beweisen, dass das starke Verlangen nach Schönheitsoperationen im Iran ein Ausfluss der in der menschlichen Natur angelegten Schönheitsliebe sei.

Kultivierung des religiösen Selbst

Wie körperliche Verschönerungspraktiken benutzt werden, um islamische Gemeinschaften aufrechtzuerhalten, habe ich in einer ethnologischen Studie über kosmetische Operationen im Iran untersucht. Ich habe dazu islamische Juristen, Schönheitschirurgen sowie Kundinnen und Kunden der Schönheitschirurgie interviewt. Die Ergebnisse zeigen: Schönheitsoperationen schaffen Raum für die Kultivierung des religiösen Selbst und damit des ethischen und religiösen Kollektivs. Dies beschränkt sich nicht auf die Veranlagung des Menschen zur Schönheitsliebe. Kosmetische Chirurgie befindet sich  auch im Einklang mit und ist ein Beitrag zu sozialen und religiösen Rollen wie Heirat und Fortpflanzung; sie hilft, die „natürliche“ Ordnung der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Schönheit ist wichtig für die Heiratsfähigkeit iranischer Frauen. Angelina Jolies Lippen sind stark gefragt, wie ein Chirurg mir mitteilte; und eine gute Körperform, die einst jener von Jennifer Lopez glich, ähnelt nun eher der kurvigen Kim Kardashian oder der schlanken Taylor Swift. Diese importierte Schönheitskultur wird im Iran angepasst und nach eigenen kulturellen Werten und Deutungen umgeformt.

Während gebräunte Haut in den vergangenen Jahren unter der iranischen Jugend beliebt und zur Mode geworden ist, wird traditionell ein heller Hautton als schön angesehen. Außerdem gehören große Augen, üppige Augenbrauen und aufgeblähte Lippen zu den Schönheitsstandards für Frauen im heutigen Teheran. In den 1950er Jahren wollten sich die Frauen der iranischen Elite die beneidete Nasenform der Französinnen, Italienerinnen oder Amerikanerinnen zulegen, und seitdem gehört die „Stupsnase“ zur Selbstdarstellung der versnobten Eliten. Allmählich hat sich das Ideal in breiten Teilen der Bevölkerung und in diversen sozialen Schichten verbreitet.  

Der Eingriff wird unter Vollnarkose vorgenommen. Faterneh Bahrami/Anadolu Agency/Getty Images
Verschönerung gehört traditionell vor der Hochzeit zur Vorbereitung einer Braut für den Bräutigam. Zwar ist es kulturell nicht akzeptiert, der Schönheit vor der Hochzeit zu viel Aufmerksamkeit zu schenken; aber Verschönerungspraktiken können signalisieren, dass ein Individuum die zentralen Werte der Gesellschaft teilt und mit praktiziert. Laut einigen islamischen Juristen, die ich interviewt habe, würden Frauen, die nicht verheiratet sind, Verderbnis in der Gesellschaft verursachen. Verschönerungspraktiken, die dazu beitragen, einen Ehemann zu finden, hielten somit auch die „natürliche“ Ordnung der Gesellschaft aufrecht.

Schönheit wird nicht allein als Vorteil angesehen, sondern in manchen Zusammenhängen sogar als Notwendigkeit und Pflicht – zum Beispiel für die Aussicht von Mädchen auf eine Heirat und später dann auch für eine erfolgreiche Ehe. Dafür muss man etwas tun: In einem Kontext, in dem es von der eigenen Schönheit abhängt, ob man gemocht und akzeptiert wird, riskiert jemand, der oder die nicht dem Körperideal entspricht, die Chancen auf einen sozialen Aufstieg mittels Heirat oder Beruf zu verlieren. Tatsächlich haben, wie Teilnehmer an meiner Studie bemerkt haben, die gut Aussehenden mehr Chancen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt. Das Aussehen scheint vor allem für Frauen ein Gewinnfaktor zu sein, um auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern.

Notwendigkeit in ehelichen Beziehungen

Autorin

Marzieh Kaivanara

lehrt Anthropologie an der Universität Bristol (England).
IDer vorherrschende Geschlechterdiskurs im Iran ist aus der islamischen Lehre abgeleitet. Er hebt hervor, dass Frauen von Natur aus ein Objekt der Begierde seien. Vor diesem Hintergrund scheint das Streben nach Schönheit nicht nur als Recht der Frauen zu gelten, sondern sogar als eine Notwendigkeit in ihren ehelichen Beziehungen. Schönheit zu erstreben, ist unter konservativen wie unter wenig frommen Frauen weit verbreitet. Auch die islamischen Juristen, die ich interviewt habe, unterstützen Verschönerungspraktiken und Schönheitsoperationen, solange sie dabei helfen, die Ehe aufrechtzuerhalten oder der Beziehung zum Ehemann dienlich sind.

m Allgemeinen gelten Verschönerungspraktiken bei Frauen als vereinbar mit den vorherrschenden Geschlechterrollen. In einem Umfeld, das als eine Art islamkonforme Kommodifizierung von Körperteilen erscheint und das zudem von dem globalen Trend beeinflusst ist, körperliche Defekte als medizinische Frage zu behandeln, werden Körper als eine Art Kapital betrachtet. Islamische Juristen haben westliche und unislamische Techniken legitimiert, weil sie dazu beitragen, die kollektiven Rollen des Individuums wie Heirat und Fortpflanzung auszufüllen, und somit die Gesellschaft vor der Verderbnis durch unverheiratete Frauen zu retten. Damit spielen sie in dieser Sicht eine wichtige Rolle für eine „gesunde“ und „natürlich geordnete“ Gesellschaft.

Die junge Frau ist mit dem Ergebnis zufrieden und bewundert ihre neue Nase. Faterneh Bahrami/Anadolu Agency/Getty Images
Zusätzlich haben die meisten von mir Befragten, sowohl Männer als auch Frauen, die Wertschätzung der Schönheit als gottgegeben und in der menschlichen Natur begründet dargestellt. Anscheinend hat Gott die Iraner und insbesondere die Tehranis mit dem festen Willen ausgestattet, diese natürliche Veranlagung nicht nur zu achten, sondern auch zu kultivieren. Zugleich scheint Gott gegenüber den Iranern nicht ganz fair gewesen zu sein, da er sie mit großen Nasen erschuf, so dass sie unter das Messer müssen, um ihre Nasen zu verkleinern. Dadurch war Gott wiederum großzügig gegenüber den iranischen Schönheitschirurgen, denn das macht sie reich.

Nur das Gesicht darf gezeigt werden

Der islamische Schleier (Hidschab) für Frauen wird als einer der Gründe für das große Interesse an operativen Eingriffen am Gesicht genannt; dies ist das einzige weibliche Körperteil, das in der Öffentlichkeit gezeigt werden darf. Auf der anderen Seite gilt das Interesse von Frauen an Schönheit als etwas, was sie von Natur aus vom Mann unterscheidet: Man denkt, dass mit Männern, die sich zu Verschönerungspraktiken entschließen, etwas nicht stimmt. Der Grund liege entweder in „abweichender“ Sexualität oder in gesellschaftlichen Veränderungen, die den Männern keine Gelegenheit mehr lassen, ihre „wahre“ Männlichkeit auszudrücken – so hat es mir ein Chirurg erklärt.

Die Praxis der Schönheitschirurgie in Teheran wirkt sich auch auf das Verständnis des islamischen Grundsatzes von der göttlichen Vorherbestimmung aus. Ein Kiefer- und Gesichtschirurg brachte im Interview Schönheitschirurgie mit etwas Metaphysischem in Verbindung – auf Gott bezogen – und deutete an, dass Chirurgen eine wohltätige Rolle haben. Einige befragte Chirurgen argumentierten, dass die Schönheitschirurgie es einer Person ermögliche, das Leid oder den Mangel an Selbstvertrauen zu lindern, das von Hässlichkeit und daraus folgender sozialer Ausgrenzung hervorgerufen wird.

Anscheinend sind im Iran Eingriffe der Schönheitschirurgen ein Mittel der Wohltätigkeit geworden, welche die Person und die Gesellschaft aufrechterhalten und, stärker noch, die Schicksale von Menschen und der Gesellschaft ändern und verbessern. Man glaubt, dass solche Praktiken Gottes Willen nicht widersprechen, sondern der Gesellschaft helfen, zu überleben und sich zu reproduzieren.

Hinzu kommt die Frage nach äußerer und innerer Schönheit und ihrer Beziehung zueinander. Nach islamischen Prinzipien sind das Äußere und das Innere eng miteinander verbunden, das Innere tritt auf der sichtbaren Körperoberfläche hervor. Das Sündige ist auf dem Gesicht erkennbar und ebenso spiegelt sich die Moral einer Person in einem strahlenden Gesicht als Ergebnis einer strahlenden Seele. Dass derart die moralische Ordnung mit einem schönen Gesicht verknüpft wird, macht die Bedeutung der äußeren Erscheinung noch komplizierter. Man kann sagen, dass im Iran die Schönheitschirurgie ein Mittel ist, die Güte und die Widerspiegelung von Gottes Schöpfung zu kultivieren.

Aus dem Englischen von Marian Brehmer.

erschienen in Ausgabe 9 / 2018: Drang nach Schönheit

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