Lithiumpartnerschaft
Wolfgang Schmutz, Geschäftsführer von ACISA, und Carlos Montenegro, Geschäftsführer des bolivianischen Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos YLB, bei der Vertragsunterzeichnung (vorne).
Lithiumpartnerschaft

Die Deutschen sollen es richten

Deutschland und Bolivien vereinbaren eine Partnerschaft zur Gewinnung von Lithium. Bei der Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens in Berlin haben die Minister beider Seiten versucht, Bedenken von Umweltschützern zu zerstreuen.

Ein deutsches Konsortium um die süddeutsche Firma ACI Systems Alemania (ACISA) sichert sich mit dem bolivianischen Staatskonzern Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) als Partner Zugriff auf jährlich bis zu 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid für 70 Jahre, erläuterte Geschäftsführer Wolfgang Schmutz. Die Produktion im Salzsee Uyuni soll 2022 beginnen. Lithiumhydroxit ist der wichtigste Bestandteil für den Bau von Speichertechnologien, den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verstärkt in Deutschland und Europa ansiedeln will, um unabhängiger von Zulieferern aus Asien zu werden. Ob für Rasenmäher, Staubsauger, Elektroautos oder irgendwann auch Flugzeuge – die Nachfrage werde dramatisch steigen.  Und ACISA will 85 Prozent des Rohstoffs nach Deutschland exportieren.

Die Folgen für den Wasserhaushalt der Gegend gelten indes als kritisch. Umweltaktivisten aus Bolivien hatten bereits vor der Vertragsunterzeichnung Bedenken geltend gemacht. Die bolivianische Regierung lasse die eigene Bevölkerung über die möglichen Folgen des Lithiumabbaus im Unklaren, klagte Pablo Solon, ein früherer UN-Botschafter Boliviens. Er appellierte an Berlin: „Wir wollen ein nachhaltiges Projekt, und die Bundesregierung muss uns dabei helfen.“

Saudi-Arabien der Elektro-Mobilität

Die Bewohner rund um den Salzsee , wo auf rund 4000 Meter Höhe in einem Pilotvorhaben der Abbau des weißen Goldes in vier industriellen Anlagen großflächig ausgeweitet werden soll, seien bislang nicht befragt oder gehört worden. „Es muss Grenzen geben für den Abbau. Ohne die sind ernsthafte Schäden für das Ökosystem zu befürchten“, sagt Solon.

Die Regierung indes erhofft sich vom Abbau des Rohstoffs einen wirtschaftlichen Sprung, zumal er nicht nur exportiert werden soll, sondern irgendwann der eigenen Batterieherstellung dienen soll. Das so genannte Lithiumdreieck im Grenzgebiet von Bolivien, Chile und Argentinien birgt die größten Vorkommen der Erde und gilt als das „Saudi-Arabien der Elektro-Mobilität“. Morales will das Land zu einer Drehscheibe für alternative Energien machen. „Deutschland ist ein bedeutender strategischer Technologiepartner für unsere Zukunftsvision“, sagte Außenminister Diego Pary Rodríguez.

In den Andenregionen um die Salzseen leben indigene Bewohner von der Viehzucht, dem Anbau von Obst, Getreide und Hülsenfrüchten, von traditioneller Salzproduktion und Wollprodukten. Schon der Bergbau von Kupfer, Zink, Silber und Gold hat soziale Konflikte geschürt. Der Verheißung des Joint Ventures, es würden 1000 direkte und 10.000 indirekte Arbeitsplätze geschaffen, stehen Sorgen um die natürlichen Lebensgrundlagen gegenüber.

Bundesregierung soll hohe Auflagen machen

Die treiben auch Solon um. Wegen der hohen politischen Priorität des Vorhabens bezweifelt er, dass eine wirklich unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wird. Es müsse sichergestellt werden, dass sie den gesetzlichen Vorschriften entspreche, und die Bundesregierung müsse überwachen, dass mögliche Auflagen bei einer Genehmigung eingehalten werden. Das kann sie nur, wenn sie etwa über staatliche Bürgschaften für ACISA an dem Projekt beteiligt ist.

Laut Altmaier hat das Konsortium bislang keine Risikoabsicherung beantragt. Er habe jedoch hohes Vertrauen in das Umweltbewusstsein deutscher Unternehmen, sagte der Minister. Eine Unternehmenssprecherin sagte indes auf Anfrage: „Selbstverständlich bemühen wir uns um eine Absicherung von Risiken.“ Laut ACISA-Chef Schmutz hat der Bund unterstützende Programme in Aussicht gestellt. ACISA und sein bolivianischer Partner YLB, der 51 Prozent an dem gemeinsamen Unternehmen hält, wollen in einer ersten Phase zusammen 300 Millionen Dollar investieren, davon bis zu 200 Millionen in Anlagen. Für eine Batterieproduktion könnte die Summe auf über eine Milliarde US-Dollar steigen.

ACISA will den Wasserverbrauch halbieren

Aus den Salzbecken von Uyuni kann laut Schmutz jährlich schneeweißes Lithiumhydroxid für Batteriespeicher in 800.000 Fahrzeugen gewonnen werden. Für eine Tonne werden rund zwei Millionen Liter Wasser benötigt. Dass dies die ohnehin trockene Gegend mit sinkendem Grundwasserpegel weiter strapazieren wird, ist für Umweltaktivist Solon ausgemacht. Es müsse dringend geklärt werden, mit welchen Technologien der Wasserverbrauch eingeschränkt werden könne. ACISA hat angekündigt, man werde im Vergleich zu anderen Verfahren nur die Hälfte Wasser verbrauchen. Schmutz sagte zu, die industrielle Förderung werde umweltschonend, nachhaltig und gerecht. „Alle Beteiligten sollen Gewinner sein.“

Im chilenischen Atacama-Salzsee, wo bereits seit über 30 Jahren Lithium gewonnen wird, sind erste Folgen zu spüren. Der Abbau verbraucht rund 65 Prozent des Wassers der Region. Die Behörde für Umweltfolgenabschätzung (SEA) stoppte dort jüngst wegen unzureichender Folgeabschätzung in der Umweltprüfung den geplanten Bau einer neuen Lithiumcarbonat-Fabrik, berichteten lokale Medien.

Bolivien sei für die heimische Wertschöpfung vor allem an einem Transfer von Technologie und Wissen interessiert, sagte Außenminister Pari. YLB habe sich unter acht Kandidaten deswegen für die deutschen Partner entschieden, weil sie später Qualitätsprodukte in die Region exportieren wollten. Ein wichtiger Grund sei aber auch das hohe Umweltbewusstsein der Deutschen, ergänzte Energieminister Rafael Alarcón.

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

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