Raubkunst aus Afrika
Besucher des British Museum in London vor den Benin-Bronzen aus Nigeria. Die Bronzen sollen an ein Museum in Nigeria ausgeliehen werden.
Raubkunst aus Afrika

Sagt endlich „Entschuldigung“!

Viele Afrikaner empfinden die europäische Diskussion um die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter als unfassbar arrogant, meint Yarri Kamara aus Burkina Faso.

In Burkina Faso klebt auf vielen Autos ein Sticker mit der Aufschrift „man sugri“. Das bedeutet „verzeih mir“ in der Sprache Mooré. Die Autofahrer bitten andere im Voraus um Verzeihung, wenn sie durch die Stadt kurven. Das Beispiel zeigt schön, wie zentral Versöhnung für die Kultur in vielen afrikanischen Ländern ist. Von den meisten europäischen Ländern kann man das nicht behaupten. Dieser Unterschied zwischen den beiden Kontinenten könnte erklären, warum bei der Debatte um geraubtes Kulturerbe in Frankreich in jüngster Zeit immer wieder irritierende Kommentare fallen.

Vergangenen November hat Frankreich einen Bericht zur Rückgabe der Kulturgüter veröffentlicht, die sich das Land während der Kolonialzeit illegal angeeignet hatte. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte den Bericht in Auftrag gegeben, geschrieben haben ihn der senegalesische Wirtschaftsphilosoph Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.

Eine doppelte Bestrafung für die Beraubten

Der Bericht mit dem Titel „Die Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes“ wertet die Entwendung der afrikanischen Kulturobjekte als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und bezieht sich dabei auf Beispiele aus der europäischen Geschichte. In der Einleitung verweisen die Autoren auf den griechischen Historiker Polybios, der vor 2000 Jahren beklagte, die römischen Plünderungen griechischer Kulturgüter seien eine doppelte Bestrafung: Nicht nur seien die Griechen ihres kulturellen Erbes beraubt worden, sondern sie würden zusätzlich gedemütigt, weil sie mit anschauen mussten, wie die Objekte als Kriegsbeute in römischen Städten ausgestellt wurden. Der Bericht zitiert auch einen deutschen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert, der die Botschaft der Plünderer an die Beraubten so zusammenfasst: „In Zukunft wird es euch schwerer fallen, zu lernen und Kultur zu erlangen.“

Autorin

Yarri Kamara

arbeitet als Expertin für Kulturpolitik, Autorin und Übersetzerin in Ouagadougou in Burkina Faso.
Sarr und Savoy zeigen dann, wie sehr der Raub afrikanischer Kunst Teil des kolonialen Unternehmens war. Sie schildern beispielsweise, wie im Jahr 1897 ein Berliner Museumsdirektor frohlockte, als er erfuhr, dass sich einer seiner Studenten an einer militärischen Strafmission im Kamerun beteiligen wollte: „Wir haben große Erwartungen“, wird er zitiert; der Student wisse, „was wir brauchen, und wird sich viel Mühe geben, etwas für uns zu finden.“

Die Ungerechtigkeit und das Ausmaß der Plünderungen – schätzungsweise 90 Prozent der Kulturgüter aus den Ländern südlich der Sahara befinden sich außerhalb des Kontinents – bringen die Autoren dazu, Kompromisse abzulehnen. Statt Leihen oder Wanderausstellungen empfehlen sie die dauerhafte Rückgabe illegal angeeigneter Objekte, wenn ein afrikanisches Land das fordere.

Distanz zwischen Täter und Geschädigten

Im französischen Kulturbetrieb kam der Bericht nicht gut an. Der Direktor des Musée du Quai Branly in Paris, das 70.000 Objekte aus dem subsaharischen Afrika besitzt, warnte absurderweise, die Rückgabe würde „europäische Museen leeren“. Frankreichs Kulturminister sagte, er ziehe die Idee vor, afrikanische Kulturgüter zirkulieren zu lassen, statt sie dauerhaft zurückzugeben – nach dem Vorbild des British Museum, das vorgeschlagen hatte, Nigeria dessen Benin-Bronzen auszuleihen. Der französische Präsident hielt sich unterdessen alle Optionen offen: Man solle sowohl die dauerhafte Rückgabe als auch Leihen, Ausstellungen und den Austausch in Betracht ziehen.

Viele in Afrika empfinden diese Reaktionen als unfassbar arrogant. Warum die reflexhafte Verteidigungshaltung? Warum nicht zumindest ein bescheidenes „nam sugri“, um die Tür für einen Dialog zu öffnen?

Die Antwort ist, dass im Westen der Akt der Vergebung meist Gott, Priestern und mitunter Präsidenten vorbehalten ist. Das Recht beruht dort auf Vergeltung: Schuld wird zugewiesen, Strafen werden verhängt. Dieses System, in dem man entweder gewinnt oder verliert, schafft Distanz zwischen Tätern und Geschädigten. Niemand erwartet von Missetätern, dass sie um Vergebung bitten. Im Gegenteil wird erwartet, dass sie sich verteidigen und auf mildernde Umstände verweisen, auch wenn das den Schmerz der Opfer verstärkt. 

Der Kontinent wartet auf ein "nam sugri"

In weiten Teilen Afrikas gilt das Gegenteil. Von klein auf wird Kindern beigebracht, anderen zu verzeihen. Erwachsene bringen ihnen bei, sich zu entschuldigen, wenn sie jemanden beleidigen, aber auch zu verzeihen, wenn ihnen Unrecht geschieht. Ebenso sind viele traditionelle Rechtskonzepte in Afrika um Wiedergutmachung bemüht. Im Zentrum steht, Täter und Opfer zusammenzubringen und die Harmonie wiederherzustellen. Die Idee von ubuntu (Zulu für Menschlichkeit), vertreten unter anderem vom früheren Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, zeigt, wie Entschuldigung und Vergebung die Heilung fördert und es Tätern ermöglicht, ihren Platz in der Gesellschaft wieder einzunehmen.

Bei der Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes wartet der Kontinent noch immer auf sein „nam sugri“. Wir warten auf einen Ausdruck der Reue, der sich wie Salbe auf unsere Wunden legen würde. Wir warten auf eine Anerkennung unseres Schmerzes, damit wir vergeben können, wie wir es von Kindesbeinen an gelernt haben. Eine Entschuldigung allein würde zwar nicht genügen. Aber sie ist für uns ein notwendiger erster Schritt, damit wir über Lösungen nachdenken können, die über das westliche Verlierer-Gewinner-Schema hinausgehen. Vielleicht finden sich darunter auch solche, wie sie der französische Kulturminister vorschlägt, aber wir könnten sie dann ohne die Verbitterung aufgreifen, die das Ausbleiben einer Entschuldigung bei uns hinterlässt.

Die Raubkunst ist natürlich nur ein Aspekt der kolonialen Vergangenheit, die Afrika und Europa verbindet. Viele andere Formen der Gewalt und Ungerechtigkeit vollständig anzuerkennen, fällt Afrikanern wie Europäern nach wie vor schwer – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. In diesem Sinne war Macron ein Vorreiter in Europa, als er 2017 die französische Kolonialisierung von Algerien als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnete. „Es war wirklich barbarisch und ein Teil unserer Vergangenheit, dem wir uns auch durch eine Entschuldigung stellen müssen“, sagte er in Algier.

Das ist ein Anfang. Aber es braucht mehr. Im Fall der geraubten Kunst ist ein „nam sugri“ Voraussetzung, um daran zu arbeiten, was Sarr und Savoy im Untertitel ihres Berichts fordern: „Ein Weg zu einer neuen Beziehungsethik“.

Also, liebe Europäer, habt keine Angst mehr. Seid nicht so defensiv. Bittet um Verzeihung –  und euch wird verziehen. Es liegt noch ein langer Weg vor uns, aber der Dialog über die Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes, in welcher Form auch immer, wird dann allen leichter fallen.

Der Text ist im Original bei „African Arguments“ erschienen.

Aus dem Englischen von Sebastian Drescher.

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