Seenotrettung

Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, am Steuer des
kirchlichen Flüchtlingsschiffs „Seawatch 4“.
 

epd-Bild/Frank Molter

Seenotrettung

Bischöfe schicken ein Schiff

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat mit Spenden ein Schiff gekauft, das ab April in Seenot geratene Flüchtlinge retten könnte. Katholische Bischöfe unterstützen stattdessen private Retter. Manche begrüßen das, andere tun es als Symbolpolitik ab und einige werfen den Kirchen vor, Schleuser zu unterstützen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat mit Spenden ein Schiff gekauft, das ab April in Seenot geratene Flüchtlinge retten könnte. Katholische Bischöfe unterstützen stattdessen private Retter. Manche begrüßen das, andere tun es als Symbolpolitik ab und einige werfen den Kirchen vor, Schleuser zu unterstützen.

„Man lässt keine Menschen ertrinken!“ Mit diesem Satz brachte die Hannoveraner Pfarrerin Sandra Bils in ihrer Predigt beim Kirchentag in Dortmund im Juni 2019 auf den Punkt, was viele der 22 Millionen evangelischen Christen in Deutschland dachten. Tausende Kirchentagsbesucher setzten gern ihre Unterschrift unter die Resolution „Schickt ein Schiff“, die Ansgar Gilster, der EKD-Beauftragte für Migrations- und Flüchtlingsfragen, vorbereitet hatte.

Denn wenige Monate vorher hatte die Europäische Union die Rettungsmission „Sophia“ eingestellt. Zur gleichen Zeit war in Italien Matteo Salvini Innenminister, der die privaten Seenotretter zu illegalen Schleusern erklärte und ihre Schiffe in den Häfen festhielt. Schließlich war von den fünf privaten Rettungsschiffen nur noch eines im Einsatz.

Aus der Resolution  wurde in Anbetracht dieser Lage schnell die Ankündigung „Wir schicken ein Schiff“.  In weiten Teilen der Gesellschaft wurde die EKD für ihre Initiative gefeiert. Selbst interne Kritiker waren begeistert. Endlich mische sich die Kirche ein und zeige Haltung, hieß es in Kommentaren und sozialen Medien.

Eine moralisierende Haltung in der Flüchtlingspolitik?

Kritische Stimmen wie der Wiener Theologe Ulrich Körtner gaben jedoch zu bedenken, dass dies nur Symbolpolitik sei und eine moralisierende Haltung in der Flüchtlingspolitik darstelle. Und Richard Schröder, Philosoph und systematischer Theologe an der Humboldt-Uni in Berlin, warf der EKD vor, dass die privaten Seenotretter eine Dienstleistung erbrächten, für die Migranten die Schlepper teuer bezahlt hätten. Es kämen nicht die Elendesten, sondern die Zahlungsfähigen. Besser wäre es, sichere Orte in Afrika zu finden, wo Einwanderungswillige Anträge auf Einreise nach Europa stellen könnten. „Wir empören uns zu Recht über das Ertrinken im Mittelmeer. Das Verdursten in der Sahara übersehen wir aber“, schrieb Schröder im Oktober im Magazin Publik-Forum.

Dem Erfolg der EKD-Initiative tat dies aber keinen Abbruch. Im November wurde der Verein „Gemeinsam Retten“ gegründet, dem sich schnell 150 Organisationen und Privatpersonen anschlossen, darunter evangelische Landeskirchen, Diakonische Werke, Kirchengemeinden, Asylzentren, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Arbeiterwohlfahrt, Ärzte ohne Grenzen, die katholische Jugend, aber auch die Stadt Palermo, die Band Revolverheld oder der Filmemacher Wim Wenders.

Unter dem Motto „United4rescue“ startete Anfang Dezember das Fundraising. Bis Anfang Januar 2020 hatte das Bündnis mehr als eine Million Euro gesammelt, genug, um bei der Versteigerung für die  60 Meter lange „Poseidon“, ein Forschungsschiff des Helmholtz-Instituts in Kiel, zu bieten. Für 1,5 Millionen Euro bekam das Bündnis den Zuschlag. Das Schiff wurde inzwischen an die NGO Sea Watch übergeben, die es nach einigen Umbauarbeiten ab April im Mittelmeer einsetzen will.

Die katholische Kirche und die Seenotrettung

Obwohl der Papst seit seiner Ernennung immer wieder auf das Schicksal der flüchtenden Menschen aufmerksam macht, wurde die katholische Kirche bei der Seenotrettung bislang selbst nicht aktiv. Die Deutsche Katholische Bischofskonferenz (DBK) hat sich in der Frage, ob die Kirche ein Schiff kaufen soll, eher zurückgehalten und wollte weiter in der Seenotrettung tätige NGOs finanziell unterstützen. Genau das tat der Vorsitzende der DBK, Kardinal Reinhard Marx, als er im Januar zum dritten Mal in Folge 50.000 Euro aus dem Spendenetat des Erzbistums München und Freising für die private Seenotrettung spendete. Dieses Mal an United4Rescue.

Kritiker vom rechten Rand beschimpften ihn daraufhin als „Schleuser-Kardinal“ oder als „populistisches Rotkäppchen“, das die Christen aus der Kirche treibe und Europa islamisiere. Der stellvertretende Bundessprecher der Alternative für Deutschland (AfD), Stephan Brandner, stellte in einem offenen Brief an Marx die Frage, ob auch seine Kirchensteuern, „die ich seit etwa 30 Jahren in nennenswerter Höhe zahle, für diesen Zweck aufgewendet werden, obwohl ich nicht dazu bereit bin, Schlepper zu unterstützen.“

Auch dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm bläst ein kalter Wind von rechts ins Gesicht. Anfang Januar sagte er, dass er bereits Morddrohungen erhalten habe. Die Frage ist nun, inwieweit die Initiative denjenigen, die für eine Abschottung Europas und für ein Ende der privaten Seenotrettung trommeln, den Wind aus den Segeln nehmen kann. Dafür wird es mehr als Symbolpolitik in Form einer fotogenen Spendenaktion brauchen. Gelingt es ihr aber, zusammen mit vielen anderen den Wert der Menschlichkeit dauerhaft zu verteidigen, dann könnte eintreten, was der Europaabgeordnete der Grünen, Sven Giegold, gesagt hat: „Das Schiff wird nicht nur Leben retten. Es kann helfen, die europäische Politik zu verändern.“
 

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2020: Willkommen – oder nicht?

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