Bachelor für „Internationale Entwicklung“

Das Studium der Internationalen Entwicklung ist an der Universität Wien seit diesem Wintersemester als Regelstudium möglich. Zugleich wird der Studiengang personell und finanziell besser ausgestattet. Für diese Verbesserungen hatten Lehrende und Studierende jahrelang gestritten.

Walter Schicho, Vorstand des Instituts für Afrikanistik und Pionier des Studiengangs Internationalen Entwicklung, freut sich über die frische Unterschrift des Rektorats unter die Verträge, die den interdisziplinären Lehrgang aufwerten und mit einem eigenen Institut versehen. War er bisher dort der einzige Professor, so wurden von der Universitätsleitung jetzt drei Gastprofessoren bewilligt. Ein zusätzlicher soll von der österreichischen Entwicklungsagentur ADA finanziert werden. Ab diesem Semester kann man nach drei Jahren mit Bachelor abschließen und nach fünf Jahren einen Master erwerben.

Die vor einem Jahrzehnt als Diplomstudium geschaffene Studienrichtung erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Waren es anfangs nur wenige Dutzend, die sich für den akademischen Zugang zur Entwicklungspolitik entschieden, so schreiben sich seit sechs Jahren regelmäßig 400 bis 450 neue Interessenten ein. Zuletzt haben 506 Studierende die Prüfung über die Einführungsvorlesung abgelegt. Rund die Hälfte der insgesamt mehr als 2500 Studierenden kommt aus dem Ausland, davon ein Drittel aus Deutschland. Denn im deutschsprachigen Raum sind ähnliche Angebote selten.

Für diesen Ansturm war man in Wien weder budgetär noch personell gerüstet. Zwei Hörsäle und vier Seminarräume am Institut für Afrikanistik reichten längst nicht mehr. Die einzige Verwaltungskraft war hoffnungslos überlastet und musste ihr Büro regelmäßig mit Arbeitsgruppen teilen. Die etwa 50 Lehrenden haben großteils nur kurzfristige Verträge, die alle sechs Monate verlängert werden, leben also in beständiger Unsicherheit. Daran ändert sich auch jetzt nichts grundsätzlich. Allerdings werden zusätzliche Räume angemietet und Schicho hofft, dass auch der Mittelbau aufgestockt wird und zusätzliche Posten in Verwaltung und Lehre geschaffen werden.

Die Verbesserungen wurden mühsam erkämpft: Vor zwei Jahren starteten die Studierenden eine Unterschriftenaktion, mit der sie sich für bessere Bedingungen für sich und das Lehrpersonal einsetzten. Mehr als die Hälfte der betroffenen Studenten und Studentinnen unterstützten die Forderungen. Eine große Demonstration im März 2008 rüttelte dann das Rektorat auf. Es kam zu ersten Gesprächen, bei denen drei Professuren zugesagt wurden.

Die Studierenden loben an dem Studiengang, dass in ihm kritisches Denken gelehrt werde und er nicht nur einseitig fit für den Arbeitsmarkt machen soll. Allerdings macht die „Verschulung“, wie Schicho es nennt, auch vor der Internationalen Entwicklung nicht Halt. Der sogenannte Bologna-Prozess, der für einheitliche Studiengänge in Europa sorgen soll, verlangt mehr frontale Vorlesungen und schränkt partizipative Lehrveranstaltungen vor allem im ersten Studienabschnitt stark ein. Für Seminare und Arbeitsgruppen gibt es lange Wartelisten.

Dennoch: Schicho hat mehrere Diplomarbeiten auf seinem Schreibtisch liegen, die der Bearbeitung harren. Insgesamt haben bereits um die 120 Studierende das Studium abgeschlossen. Praktisch alle, so Schicho, haben einen angemessenen Posten bei einer entwicklungspolitischen Organisation, bei der ADA oder in Brüssel gefunden. Einige verfolgen auch eine wissenschaftliche Karriere.

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe