„Eine Welt ohne Hunger“
„Eine Welt ohne Hunger“

Landwirtschaft ist systemrelevant

Das Ziel, bis zum Jahr 2030 eine Welt ohne Hunger zu erreichen, erfährt durch Corona einen herben Rückschlag. Entwicklungsminister Gerd Müller kündigt 600 Millionen Euro Mehrbedarf an.

„Für viele Partnerländer gerade in Afrika hat die Gesundheitskrise um Covid-19 auch eine dramatische Ernährungs- und Landwirtschaftskrise zur Folge“, schrieb Müller an den Beraterkreis der BMZ-Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ (SEWOH). „Die beiden Krisen verstärken sich gegenseitig.“ 

Der Beraterkreis, der die Initiative in Strategiefragen berät und dem Fachleute aus nichtstaatlichen Organisationen, der Wissenschaft und der Wirtschaft angehören, hatte zuvor in einem Schreiben an den Minister appelliert, eine stärkere Führungsrolle im weltweiten Kampf gegen den Hunger zu übernehmen. Während sich viele andere Geberstaaten beim UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG 2) zur Beendigung des Hungers zurückgezogen hätten, habe Deutschland mit der SEWOH ein starkes Zeichen gesetzt. Das ermögliche es jetzt, eine stärkere Rolle im Kampf gegen den Hunger zu übernehmen. „Kurzfristig könnte Deutschland Verantwortung für Ernährungssicherung in einem noch zu gründenden Gesundheits- und Ernährungsrat der UN übernehmen“, heißt es in dem Schreiben vom April. 

Die Zahl der Hungernden kann wieder deutlich steigen

In seiner Antwort, die in Teilen auf der SEWOH-Website zu lesen ist, geht Müller nicht auf das Ansinnen einer tragenden Rolle auf dem Weg zur Erreichung von SDG 2 ein. Allerdings weist er darauf hin, dass er im Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AWZ) des Deutschen Bundestages einen Mehrbedarf von 600 Millionen Euro für den Bereich Ernährungssicherung und Landwirtschaft vorgelegt habe. Damit soll das Landwirtschafts- und Ernährungssystem vor allem in Afrika  krisenfester werden. „Wir können die Krise nur global lösen – oder wir werden scheitern.“ Während die Corona-Soforthilfen aus dem laufenden BMZ-Haushalt umgeschichtet werden, soll dieser Mehrbedarf vermutlich aus den vom Nachtragshaushalt beantragten drei Milliarden Euro stammen.

Als Folge der Corona-Krise könnte die Zahl der Hungernden weltweit von 820 Millionen auf eine Milliarde steigen, sagen Hilfswerke. Mehr denn je sollte die Politik daher die ländliche Entwicklung, also vor allem die Nahrungsmittelproduktion fördern, betont auch Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. 

Bis zu 70 Prozent der Erwerbstätigen in Entwicklungsländern arbeiteten ohne soziale Absicherung in der Landwirtschaft. Strategien zur Linderung von Erwerbslosigkeit, zur Wiederherstellung unterbrochener Lieferketten und zur Förderung der Wirtschaft müssten deshalb den Agrar- und Ernährungssektor in den Mittelpunkt stellen. „Bäuerinnen und Bauern sind systemrelevant“, so Mogge. 

Die Sonderinitiative SEWOH sieht sich dafür gut aufgestellt. So habe sie starke Netzwerke wie Partnerschaften mit Bauernverbänden geschaffen. Gemeinsam mit afrikanischen Partnern ließen sich Lösungen schneller und wirksamer umsetzen. Zudem erlaube es die Arbeitsweise der Initiative, internationale Kooperationen zu organisieren, heißt es in der Botschaft an Müller. So könne Deutschland in der Covid-19-Krise in enger Abstimmung mit der EU Zeichen setzen. Die Bundesregierung solle die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um die zusammengehörenden Themen Gesundheit, Ernährungssicherung und Beschäftigung auch zusammenzuführen. Über die Sonderinitiative hat das Entwicklungsministerium nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren mehr als 2 Milliarden Euro zur Hungerbekämpfung bereitgestellt und circa 20 Millionen Menschen unterstützt. 

erschienen in Ausgabe 7 / 2020: Der Plan für die Zukunft?

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