NGOs in Nairobi

„Karibuni – Willkommen“: So begrüßen die Vereinten Nationen in Nairobi Gäste und Mitarbeiterinnen. Hinter den Kulissen knirscht es zuweilen, wenn es um Jobs und Bezahlung geht.

Yasuyoshi Chiba via Getty Images

NGOs in Nairobi

Oben die Weißen, unten die Schwarzen

In Kenias Hauptstadt Nairobi sitzen viele Entwicklungsorganisationen, von den Vereinten Nationen bis zur kleinen kenianischen Graswurzelorganisation. Ausländer und Einheimische arbeiten dort zusammen, aber noch immer bestimmen die Herkunft und die Hautfarbe oft über Gehalt und Karriere­möglichkeiten.

Eine Deutsche mittleren Alters mit Promotion und 14 Jahren Berufserfahrung am Horn von Afrika hat zwei prägende Erfahrungen gemacht. Sie haben beide mit UN-Organisationen zu tun, liegen gut sechs Jahre auseinander, ähneln sich aber. In Nairobi befindet sich das Regionalbüro der Vereinten Nationen für den afrikanischen Kontinent, 24 UN-Organisationen und -Programme haben hier ihren Sitz. Das erste Mal hatte die Deutsche im Jahr 2011 mit den Vereinten Nationen zu tun, damals mit dem UN-Entwicklungsprogramm UNDP. Der Expertin war von einer Mitarbeiterin der Organisation empfohlen worden, sich als „Consultant“ oder Beraterin auf eine Ausschreibung für einen Auftrag im Bürgerkriegsland Somalia zu bewerben. „Alle Formalitäten waren geklärt“, erzählt sie im Rückblick, „der Vertrag war unterschrieben.“

Nur über das Honorar war noch nicht gesprochen worden. In dem Projekt gab es eine andere Deutsche, ebenfalls promoviert. „Ich wusste, wie viel die bekommt, und ging davon aus, dass ich dasselbe kriegen werde.“ Aber dem war nicht so: „Sie haben mir nur ein Drittel von dem angeboten, was die andere Deutsche bekam.“ Die hatte zwar eine ebenso gute Ausbildung, war aber noch nie in Somalia gewesen – im Gegensatz zu der neuen Beraterin, die dort sogar einige Jahre lang gelebt hatte. 

Der Unterschied zwischen beiden Frauen: Während die eine einen offensichtlich deutschen Namen hat, klingt der Name der anderen nicht so – in diesem Artikel soll sie Zahra Mohammed heißen. Sie wurde in Eritrea geboren und hat dunkle Haut. „Mein Name verrät natürlich alles“, sagt Mohammed. „Mögliche Auftraggeber denken automatisch, dass ich Somalierin oder Kenianerin bin, jedenfalls aus der Region stamme.“ Dabei geht aus ihrem Lebenslauf hervor, dass sie mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, in Deutschland sozialisiert und ausgebildet wurde und die deutsche Staatsbürgerschaft hat. 

Mohammed drohte damit, den Auftrag zurückzugeben, wenn das Honorar nicht erhöht werde. Erst nach einer Rückfrage im UN-Hauptquartier in New York wurde ihr daraufhin der doppelte Tagessatz angeboten: immer noch ein Drittel weniger als die weiße Deutsche bekam. „Aber ich habe das dann akzeptiert. Man will ja nicht den Ruf kriegen, aggressiv oder schwierig zu sein.“

„Verletzend und beleidigend“

Sechs Jahre später wiederholte sich die Erfahrung beim Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen, kurz UN-Women. Wieder hatte auch die weiße Deutsche von damals einen Beratervertrag. Deren Tagessatz war mittlerweile um 200 Dollar erhöht worden – „und zwar ohne dass sie hätte verhandeln müssen“, erzählt Mohammed. Sie weiß das, weil die beiden gut miteinander bekannt sind. Sie selbst bekam denselben Tagessatz angeboten wie vor sechs Jahren. Wieder fühlte sie sich überrumpelt, akzeptierte den Honorarvorschlag aus ähnlichen Gründen wie beim ersten Mal. Sie ärgert sich bis heute darüber, wenn sie daran denkt. „Denn so was ist verletzend und beleidigend.“ Zumal sie auch für diesen Auftrag wieder riskante Reisen in abgelegene somalische Dörfer unternahm, während die weiße Deutsche ihren Job vom komfortablen und sicheren Nairobi aus erledigte. „Was ich in Deutschland an Alltagsrassismus erlebt habe, erfahre ich hier als Alltagsrassismus in den internationalen Organisationen“, sagt Mohammed.

Autorin

Bettina Rühl

ist freie Journalistin in Nairobi, Kenia. Sie arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk, den WDR und den Evangelischen Pressedienst (epd).
Die Bandbreite der in Nairobi ansässigen Entwicklungshilfe-Organisationen ist groß. Sie reicht von kleinen Graswurzelorganisationen bis hin zu den Vereinten Nationen. Entsprechend vielfältig sind die Strukturen, die das Miteinander von internationalen und einheimischen Angestellten prägen. Und entsprechend unterschiedlich sind die Erfahrungen, die Kenianer und Kenianerinnen und ihre Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland – die sogenannten Expats – im täglichen Miteinander machen. So gibt es in den Organisationen und Programmen der Vereinten Nationen durchaus auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Ländern des Kontinents, die in Nairobi als Expats eingestellt wurden und entsprechend bezahlt werden.

Gute Laune bei der Parade der Nationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der UN im September 2019 in New York. Doch es gibt Klagen über Rassismus am Arbeitsplatz. UN Photo
Zahra Mohammed arbeitet nicht nur für UN-Organisationen als Beraterin, sondern auch für eine deutsche nichtstaatliche Hilfsorganisation. Dort verdient sie nur die Hälfte ihres UN-Tagessatzes, aber da alle deutlich weniger verdienen, findet sie das unproblematisch. „Diese Organisation ist die einzige, in der ich den Eindruck habe, dass meine Expertise geschätzt wird, dass die Leute mir zuhören und dass sie mich sehr respektieren.“ Nach Jahren in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit meint sie: „Ich weiß: Es kann immer eine jüngere Praktikantin aus Europa kommen, die als die Expertin geschätzt wird, während ich mit meiner gesammelten Erfahrung danebenstehe und als weniger qualifiziert gelte.“

Afrikaner in hoch dotierten Führungspositionen

Birgit Waldkötter sagt hingegen: „Ich glaube nicht, dass Unterschiede in der Bezahlung an der Hautfarbe liegen.“ Ihrer Erfahrung nach liegen die Unterschiede eher im Budget der unterschiedlichen Organisationen. In gut ausgestatteten Organisationen hätten auch viele gut ausgebildete Afrikaner hoch dotierte Führungspositionen. Waldkötter ist seit mehr als fünf Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, die meiste Zeit mit einem Vertrag einer europäischen Entsendeorganisation und dem Auftrag, in Kenia Graswurzelorganisationen zu unterstützen. Vor einem halben Jahr hat sie sich selbstständig gemacht und arbeitet jetzt als Beraterin unter anderem für ein Gesundheitszentrum bei den Massai, einem Volk von Viehzüchtern.

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Eine prägende Erfahrung machte sie in einem Projekt in Mathare, einem der Slums von Nairobi. Minderjährige Mütter nähen und verkaufen dort wiederverwertbare und damit preisgünstige Hygienebinden aus Stoff. Waldkötter kam als technische Beraterin in die Organisation, um die Produktion gemeinsam mit den kenianischen Mitarbeitern aufzubauen und ein profitables Unternehmen zu entwickeln. Ihre Expertise liegt im Management, die kenianischen Mitarbeiter waren Sozialarbeiter. Mit ihrer jahrzehntelangen Berufserfahrung in europäischen Ländern waren die 2000 Euro, die sie von der europäischen Entsendeorganisation jeden Monat überwiesen bekam, ein wirtschaftlicher Rückschritt. Doch sie wollte helfen: „Für mich war das ein jahrelanger Traum“, sagt sie. 

Obwohl sie für ihre Verhältnisse wenig verdiente, bekam sie dennoch ein Vielfaches von dem, was der kenianische Projektleiter erhielt, nämlich 600 US-Dollar, umgerechnet etwas mehr als 500 Euro. Die Graswurzelorganisation habe ein Jahresbudget von nur 100.000 Dollar gehabt, größtenteils aus privaten Spenden. Damit war sie zu klein und hatte auch nicht die Kapazitäten, um sich bei der Europäischen Union oder anderen Gebern um Gelder zu bewerben. 

Unaufrichtigkeit im System

Doch aus Sicht von Waldkötter geht das Problem über den großen Einkommensunterschied zwischen ihr und dem Projektleiter hinaus. Die Erwartungen, die sie selbst an ihre neue Aufgabe hatte, wurden enttäuscht. „Ich kam als Vollzeitbeschäftigte in dieses Projekt, das mich ja beauftragt hatte, und über Tage war kein anderer im Büro. Ich habe mich gewundert, warum niemand mit mir zusammenarbeiten will.“ Nach Wochen habe sich einer der kenianischen Angestellten geöffnet und erzählt, dass sie alle seit Wochen nicht bezahlt würden, höchstens mal einen Tag alle zwei Wochen. Die Organisation brauchte dringend mehr Geld und die Hoffnung war, dass Waldkötter Spenden akquiriere, „weil ich weiß bin und gute Kontakte habe“. 

Den Job, für den sie geschickt worden war, konnte Waldkötter nicht erledigen, weil im Büro kein Gegenüber anwesend war und die Organisation etwas ganz anderes von der weißen Beraterin erwartet hatte. Selbst etwas umsetzen, also beispielsweise neue Vorlagen für die Buchhaltung entwickeln, durfte sie auch nicht – sie sollte ja nicht von oben herab Lösungen diktieren, sondern sie gemeinsam mit den Partnern entwickeln. 

Waldkötter sieht im ganzen System viel Verlogenheit: Zu einer echten „Entwicklungszusammenarbeit“ komme es nur selten, denn die meisten Partner wollten „weder Expertise noch Beratung, sondern vor allem mehr Geld oder eine bezahlte Arbeitskraft, die sie selber vor Ort nicht finanzieren können“, sagt Waldkötter. Diese Unaufrichtigkeit im System zwinge sie letztlich in eine Rolle, die sie eigentlich gar nicht einnehmen wolle: die der weißen Besserwisserin, mit den Händen auf dem Rücken, also letztlich ohne Einfluss. Ihr Fazit: „Ich bin nicht generell gegen Entwicklungszusammenarbeit und die Entsendung von gut bezahlten Fachkräften, aber das System muss sich ändern.“ Unter anderem müsste über die verschiedenen Erwartungen offener gesprochen werden.  

Auch in der Organisation, in der Lawrence Okello beschäftigt ist, sind die Hierarchien noch immer weitgehend die alten. Zwar gibt es auch Kenianerinnen und Kenianer in leitenden Positionen, aber ganz oben sitzen die weißen Experten, die schwarzen Untergebenen arbeiten zu. Der 30-Jährige arbeitet in einem der Flüchtlingslager von Kenia für eine nichtstaatliche Gesundheitsorganisation. Unter den 79 Angestellten gibt es einen Expat, und der hat die oberste Leitung. Okello rückt erst nach und nach mit seiner Meinung dazu heraus. Natürlich wollten die Verantwortlichen einer internationalen Organisation sicher sein, „dass die Kenianer das nötige Know-how und die Grundidee der Organisation verstanden haben, bevor sie die Leitung an sie geben“, sagt er einerseits. Andererseits erwarte er, dass nach einer angemessenen Zeit die Verantwortung auf die Einheimischen übertragen wird. Seine Organisation habe seit den 1990er Jahren Projekte in Kenia, „und ich denke, in all diesen Jahren hätten sie dafür sorgen müssen, dass Kenianer die Leitung übernehmen können“. 

Latenter Rassismus

Was die Bezahlung angeht, findet er das System einerseits transparent und nachvollziehbar: Die Gehälter sind nach Qualifikation und Berufserfahrung gestaffelt. Andererseits aber säßen ganz oben immer die Weißen, das höre er auch von Kollegen in anderen Organisationen. Wirklich ungerecht findet er die ungleiche Auszahlung von Spesen, der sogenannten per diems. „Die Ausländer kriegen doppelt so viel wie wir“, sagt er. Zwar räumt er ein, dass die Ernährungsvorlieben der Expats kostspieliger seien als die üblichen Gerichte der Kenianerinnen und Kenianer. Dennoch sollte das geändert werden, sagt Okello. Als Angestellter zweiter Klasse fühlt er sich aber nicht: Auch der oberste Chef behandele ihn mit Respekt. 

Freundschaften zwischen Expats und kenianischen Angestellten scheinen allerdings eher die Ausnahme zu sein. „Ein Kenianer hat mal gesagt: In der Kantine sitzen die Schwarzen und die Weißen jeweils für sich“, erzählt Norbert Thürnich, der für ein internationales Agrarforschungsinstitut in Nairobi arbeitet. „Und ich muss sagen: Er hat recht.“ 

Bevor er nach Kenia kam, hat Thürnich lange für ein ähnliches Institut in Indien geforscht; er blickt auf etwa 15 Jahre Erfahrung zurück. In dieser Zeit hätten diese Institute viel getan, um die strukturelle Benachteiligung einheimischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beseitigen. Alle Positionen werden nach einem einheitlichen System beschrieben und klassifiziert. Für Stellen mit besonders hohen Anforderungen gilt die Promotion als Minimum. Darauf können sich auch Kenianerinnen und Kenianer bewerben. Und künftig werde es nur noch eine Arbeitnehmervertretung für alle geben statt wie früher jeweils eine für meist weiße Ausländer und eine für meist schwarze Inländer.  

Einen latenten Rassismus beobachtet er in dem Institut in Nairobi aber doch, wobei Klischees und Vorurteile sich nicht nur auf Schwarze oder Weiße bezögen. „Auch in Bezug auf Somalier oder Inder oder Kongolesen und andere gibt es bestimmte Erwartungen und Vorurteile.“ Während der Arbeit sei das Miteinander jedoch unproblematisch und kollegial, persönliche Kontakte in der Freizeit entstünden aber kaum. Die Expats bleiben mehr oder weniger unter sich. 

Alle Namen wurden geändert.

erschienen in Ausgabe 10 / 2020: Idealismus und Karriere

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