Entwicklungsländer
Entwicklungsländer

Kein Impfstoff in Sicht

Der vielversprechende Biontech-Impstoff wird armen Ländern zunächst kaum helfen, kommentiert Sebastian Drescher.

 Sebastian Drescher ist Online-Redakteur bei welt-sichten.welt-sichten

Ist das der Anfang vom Ende der Corona-Pandemie? Diese Woche vermeldete die Mainzer Firma Biontech, dass der von ihr entwickelte Impfstoff BNT162b2 zu 90 Prozent gegen Covid-19 schützen soll. Was das genau bedeutet und wann der Impfstoff zugelassen wird, bleibt offen. Überprüfbare Ergebnisse aus der dritten Studienphase sollen bald vorliegen und dann bei den Zulassungsbehörden in den USA und Europa eingereicht werden.

Im Kampf gegen das Virus ist das eine hoffnungsvolle Nachricht – zumindest für einen Teil der Welt. Das Gerangel um die ersten Chargen des Impfstoffs ist in vollem Gange. 1,3 Milliarden Dosen wollen Biontech und dessen Partner, der Pharmariese Pfizer, im kommenden Jahr ausliefern. Davon haben sich die USA, Großbritannien, Japan, Kanada, Australien sowie die EU mit Vorabkäufen insgesamt 570 Millionen Dosen gesichert, Brüssel hat just diese Woche eine Liefervereinbarung unterzeichnet. Sollten die Vertragspartner ihre Optionen auf den Kauf weiterer 600 Millionen Dosen ziehen, bliebe für den Rest der Welt nicht mehr viel übrig.

Vor allem für ärmere Länder ist das ein schlechtes Zeichen. Den Preis von rund 16,50 Euro pro Dosis, den die Industrieländer bezahlen, können sie kaum stemmen. Von Preisnachlässen oder Lieferungen an Organisationen wie das Kinderhilfswerk Unicef ist bislang nichts bekannt. Abnehmer wie die EU könnten darauf drängen, dass der Impfstoff fair verteilt wird und dazu beispielsweise der Patentschutz nach Zulassung des Impfstoffs aufgehoben wird. Sie legen aber bisher noch nicht einmal die Details ihrer Lieferverträge offen.

Keine Wunderwaffe

Ohne Druck auf die Unternehmen geht es offenbar nicht. Biontech und Pfizer profitieren von öffentlichen Forschungsgeldern und Vorabkäufen. Sie sind im Unterschied zu Herstellern anderer Impfstoffkandidaten aber bisher nicht an der Covax-Initiative beteiligt, die Corona-Impfstoffe Entwicklungs- und Schwellenländern zugänglich machen will. Nun zeigt sich, wovor viele Gesundheitsexperten seit Monaten warnen: Das System, das für eine faire globale Verteilung eines Impfstoffs sorgen soll, krankt am Egoismus der Industriestaaten und fehlenden Regeln für die Privatwirtschaft.   

Ganz davon abgesehen ist BNT162b2 längst nicht die erhoffte Wunderwaffe. Der Impfstoff muss in seiner derzeitigen Variante bei mindestens minus 70 Grad gekühlt werden, damit er seine Wirksamkeit nicht verliert. Das macht den Transport und die Lagerung selbst in Europa extrem aufwändig – in Ländern mit schwacher Infrastruktur ist es nahezu unmöglich. Die Menschen dort müssen nun darauf hoffen, dass der Erfolg von Biontech nicht die Forschung an anderen, robusteren Impfstoffen ausbremst. Einige davon entwickelt China und hat lateinamerikanischen Ländern bereits hohe Kredite gegeben, damit sie ihn kaufen können. Der Impfstoff-Nationalismus in Europa und Nordamerika könnte so Peking in der Corona-Krise zur letzten Hoffnung für Entwicklungsländer machen.

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

Neuen Kommentar schreiben