Frieden und Dialog
Kirchen Äthiopien SudanEin orthodoxer Priester predigt im Dezember vor seiner Kirche im Sudan an der Grenze zu Äthiopien. Unter den Gläubigen sind Einheimische und Flüchtlinge, die gerade vor dem Krieg in Tigray geflohen sind.

Yasuyoshi Chiba, Afp, Getty Images

Frieden und Dialog

Äthiopische Kirchen schweigen zum Tigray-Konflikt

Vor allem theologische Differenzen verhindern, dass die Kirchen im Vielvölkerstaat an einem Strang ziehen. Da klappt die Zusammenarbeit über religiöse Grenzen hinweg schon besser. 

Wenn sich acht internationale Kirchenverbände zu einem gemeinsamen Brief entschließen, dann muss das einen wichtigen Grund haben. Anfang Dezember haben der Weltkirchenrat zusammen mit dem Lutherischen Weltbund, der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Allafrikanischen Kirchenkonferenz, dem regionalen Kirchenrat der Großen Seen und am Horn von Afrika, Act Alliance, der Anglikanischen Weltgemeinschaft und dem Methodistischen Weltrat öffentlich ihre Betroffenheit über die Vorgänge in der Tigray-Region in Äthiopien zum Ausdruck gebracht und alle Beteiligten gebeten, die Waffen niederzulegen. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen (genaue Zahlen liegen nicht vor) waren seit Anfang November bei den Kämpfen zwischen den Truppen der Zentralregierung und der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) ums Leben gekommen, 50.000 waren nach UN-Angaben auf der Flucht. 

Auch die Bischofskonferenz von Afrika und Madagaskar (SECAM) und der Papst persönlich hatten zu Dialog und zu Friedensgebeten aufgerufen. Ob dieses Großaufgebot der Weltchristenheit auf die Konfliktparteien Eindruck gemacht hat, darf bezweifelt werden. Wie aber sieht es mit den lokalen Kirchen aus? In anderen Weltregionen nutzen Religionsführer immer wieder ihren Einfluss, um mäßigend auf Konfliktparteien einzuwirken. 

Abgesehen von einem allgemein gehaltenen Aufruf der äthiopischen Bischofskonferenz zu Frieden und Dialog gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen ist von den Kirchen in Äthiopien zum Tigray-Konflikt auffallend wenig zu hören. Als Grund nennt Dorothée Zimmermann, Äthiopienreferentin bei Misereor, dass kirchliche Einrichtungen selbst „enorm unter Druck“ stehen. Als kleine Minderheitenkirche – nur etwa ein Prozent der 112 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier sind katholisch – scheuten sie das Risiko, ihre in den letzten Jahrzehnten mühsam errungenen Freiräume zum Beispiel für Menschenrechtsarbeit zu gefährden. Insgesamt sei es äußerst schwierig, die Situation von außen einzuschätzen. Seit Monaten dringen kaum Informationen aus Tig­ray nach draußen. Der Kontakt zu den Partnern sei abgerissen, sagt Zimmermann: „Wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist.“

Die katholische Kirche kann einen wichtigen Beitrag leisten

Dass von den Kirchen so wenig zu hören ist, hänge möglicherweise auch damit zusammen, dass sie sich nicht den Weg verbauen wollen, nach dem Ende des Kriegsgeschehens zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. „Ich bin mir sicher, dass die katholische Kirche hier einen wichtigen Beitrag leisten kann. Die katholischen Strukturen sind in der Friedens- und Versöhnungsarbeit im ganzen Land präsent und nicht auf bestimmte Regionen oder Ethnien beschränkt“, sagt Zimmermann.

Auch von evangelischer Seite ist zu dem Konflikt so gut wie nichts zu hören. Die Mekane-Yesus-Kirche, die mit rund neun Millionen Mitgliedern zu den größeren evangelischen Kirchen in Äthiopien gehört, halte sich grundsätzlich mit Stellungnahmen zu Vorgängen zu politischen Fragen zurück, sagt Martin Frank, Afrikareferent im Berliner Missionswerk. Vor zwei Jahren, als der jetzige Ministerpräsident Abiy Ahmed an die Macht kam und dann 2019 für seine Friedenspolitik mit dem Nachbarland Eritrea den Friedensnobelpreis bekam, hätten sie auf der Seite der Zentralregierung gestanden. „Einen Krieg der Regierungstruppen gegen eine nach mehr Autonomie strebende Region wie jetzt in Tigray löst in der Kirche aber große Ängste aus, dass es in anderen Regionen ebenso kommen könnte“, sagt Frank. Die Kirche werde mehrheitlich von Vertretern der Oromo-Ethnie geführt. Und in deren Heimatregion Oromia gebe es auch Unruhen und Autonomiebestrebungen. 

Die Mekane-Yesus-Kirche versucht zu vermitteln

Auch Gabriele De Bona, Äthiopien- und Genderreferentin beim Evangelisch-Lutherischen Missionswerk in Hermannsburg, erklärt das Schweigen der Mekane-Yesus-Kirche mit der allgemeinen Sorge, dass sich der Konflikt in Tigray zu einem gesamtäthiopischen Bürgerkrieg auswachsen könnte. „Die Kirche versucht stets zu vermitteln und hat Angst, zwischen die Fronten zu geraten.“ 

Es fällt auf, dass die äthiopischen Kirchen in einer solchen Situation nicht an einem Strang ziehen. So gibt es, anders als in vielen anderen Ländern, in dem Vielvölkerstaat nicht einmal einen nationalen Kirchenrat. De Bona erklärt das aber weniger mit ethnischen Unterschieden als vielmehr mit theologischen Differenzen. Insbesondere zwischen der protestantischen Seite und der orthodoxen Kirche, die die meisten Mitglieder hat, gebe es tiefe Gräben. „Sie nehmen sich gegenseitig als Feindbilder wahr. Während die Orthodoxen von den Evangelischen als rückständig gesehen werden, sind die Protestanten aus orthodoxer Sicht Häretiker.“ 

Gut funktioniert dagegen die Zusammenarbeit über Religionsgrenzen hinweg. Christentum und Islam haben in Äthiopien beide eine jahrhundertelange Tradition; beide Religionen sind im Interreligiösen Rat von Äthiopien organisiert. So deutlich wie keine andere religiöse Stimme in Äthiopien appelliert er in einer Stellungnahme an alle Akteure im Tigray-Konflikt – von den Kriegsparteien, über die Religionsvertreter, die Medien, Social-Media-Aktivisten bis hin zu Müttern und Vätern –, zum Ende der Gewalt beizutragen. „Was von interreligiöser Seite kommt, hat ein eigenes Gewicht“, sagt De Bona. „Im Rat zeigen die Religionsvertreter nämlich, dass man trotz Unterschieden gut an einer gemeinsamen Sache arbeiten kann.“ 

erschienen in Ausgabe 2 / 2021: Gesundheit weltweit schützen

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