Flüchtlinge in Uganda
 Rose Awadiya ist schon fast ihr ganzes Leben auf der Flucht. In Palorinya fehlt ihr das Geld, ihre acht Kinder zur Schule zu ­schicken. 

Sofi Lundin

Flüchtlinge in Uganda

Gut aufgenommen, aber ohne Perspektive

Gut zehn Jahre nach der Unabhängigkeit des Süd­sudan ist ein Fünftel der Bevölkerung ins Ausland geflohen. Uganda hat die meisten aufge­nommen – zum Beispiel in der Siedlung Palorinya. 

Als wir die Flüchtlingssiedlung Palorinya im Norden Ugandas besuchen, schiebt die Sonne gerade einige schwere Regenwolken weg. Hier lebt die Familie von Gloria Gire – laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zusammen mit 125.000 anderen Südsudanesen. Die 30-jährige Gloria Gire kam in den 1990er Jahren das erste Mal nach Uganda und kehrte 2005 wieder zurück – kurz vor dem Friedensabkommen, das den Menschen neue Hoffnung machte und 2011 zur Trennung des Südsudan vom Sudan führte. Sie versuchte sich wieder eine Zukunft aufzubauen, aber der Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit des Südsudan zwang die Familie erneut zur Flucht: Als die Kämpfe 2016 fast ihre Heimatstadt Kajukeji erreicht hatten, floh sie innerhalb von zwei Tagen mit ihren Kindern nach Uganda. „Als wir Gewehrschüsse vor unseren Häusern hörten, rannten wir weg. Hunderte Menschen sind gestorben, und wir mussten zu Fuß über die Grenze fliehen“, erinnert sich die Mutter von vier Kindern. 

Palorinya ist eine von elf Flüchtlingssiedlungen in Uganda und die zweitgrößte des Landes. In ihrer südsudanesischen Heimat ging Gloria nach 2005 zur Schule und träumte von einer Ausbildung. Heute lebt die Familie von dem Essen, das das UNHCR ihnen gibt. „Wir haben alles zurückgelassen und kamen mit leeren Händen nach Uganda. Immer wieder von vorne anzufangen, ist unglaublich anstrengend. Ich vermisse mein Heimatland so sehr, aber ich bezweifle, dass es jemals Frieden geben wird“, sagt Gire. 

 Markt in Palorinya, einer von elf Flüchtlingssiedlungen in Uganda. Hier wohnen überwiegend Frauen und Kinder. Sofi Lundin

Am Tag der Unabhängigkeit, dem 9. Juli 2011, hatte noch lautes Trommeln und Musik die Straßen der Hauptstadt Juba erfüllt. Feiernde hielten handgeschriebene Poster mit den Worten „Endlich Frieden“ und „Der Neuanfang“ in die Höhe, als der frühere Rebellenführer Salva Kiir als Präsident des Südsudan vereidigt wurde. Der Unabhängigkeit war ein Bürgerkrieg zwischen den Machthabern im Norden des Sudan und der Befreiungsbewegung im Süden von 1983 bis 2005 vorausgegangen.

Salva Kiir, der zur Ethnie der Dinka gehört, ernannte seinen Rivalen von den Nuer, Riek Machar, zum Vizepräsidenten; das schien ein Versuch zu sein, eine Regierung zu bilden, in der sich die beiden größten ethnischen Gruppen die Macht teilten. Allerdings währte der Frieden nicht lange. Im Januar 2013 begann ein Machtkampf zwischen Kiir und Machar, der sich zu einem blutigen Kampf zwischen ethnischen Gruppen in vielen Teilen des Südsudan entwickelte – und zu einem neuen fünfjährigen Bürgerkrieg. 

Heute sind zwei Drittel der Bevölkerung von etwa elf Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Hälfte der Bevölkerung ist von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Die ethnischen Konflikte halten an und mehr als zwei Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen. 

Ugandas Flüchtlingspolitik ist fantastisch –  auf dem Papier

Die Kämpfe im Südsudan haben Afrikas größte Flüchtlingskrise ausgelöst. Rund eine Million südsudanesische Flüchtlinge lebt in Uganda. Das Land beherbergt heute 1,5 Millionen Menschen, die auf der Flucht sind – vor allem aus dem Südsudan, der DR Kongo, Burundi und Somalia – und ist damit das größte Aufnahmeland für Flüchtlinge auf dem Kontinent.

Autorin

Sofi Lundin

ist freie Journalistin und Fotografin in Uganda.
Das ostafrikanische Land ist international für seine offene und großzügige Flüchtlingspolitik gelobt worden. Nach dem Flüchtlingsgesetz von 2006 haben Flüchtlinge das Recht auf dieselben sozialen Leistungen wie Ugander, einschließlich Bildung und Gesundheitsversorgung. Und sie leben nicht in Lagern, sondern bekommen ein eigenes Stück Land, auf dem sie ein Haus bauen und Gemüse anbauen können. 

Auf dem Papier klingt das fantastisch, aber die Realität sieht anders aus: Das zugewiesene Land reicht oft nicht aus, um die Familien zu ernähren, und da es zu wenig Arbeit gibt, leben die Geflüchteten in großer Armut und sind auf Lebensmittel vom UNHCR angewiesen. Die meisten in Palorinya, mit denen wir gesprochen haben, kehren zumindest zeitweise zum Arbeiten in den Südsudan zurück. 

„In Wahrheit ist es unmöglich, in Uganda eine Zukunft aufzubauen“

Der 30-jährige Mathew Clement zum Beispiel war früher Soldat in der südsudanesischen Armee. Er floh nach Uganda, als er vor fünf Jahren seinen Dienst beendete. Heute lebt er mit Flüchtlingsstatus mit seiner Familie in Uganda, aber er fährt auch noch Motorradtaxi in Juba. „In Wahrheit ist es unmöglich, in Uganda eine Zukunft aufzubauen. Es gibt einfach keine Jobs hier. Die große Mehrheit der Männer überquert jeden Tag die Grenze, um zu arbeiten, auch wenn das mit großen Risiken verbunden ist“, sagt er. Viele Flüchtlinge hätten schon erlebt, dass sie von Rebellen oder dem Militär beschossen werden, sobald sie im Südsudan sind. 
Als im März 2020 zum ersten Mal das Coronavirus in Uganda entdeckt wurde, schloss das Land seine Grenzen. Das hielt die Flüchtlinge aber nicht davon ab, die Grenze in den Südsudan und zurück zu überqueren. „Es gibt viele offene Stellen, obwohl die Grenze geschlossen ist. Wir riskieren jeden Tag, auf der Straße erschossen zu werden, aber ich brauche meinen Job in Juba, um überleben zu können“, sagt Clement.

Rose Awadiya kämpft als alleinerziehende Mutter für das Wohl ihrer Kinder. Alleinstehende Frauen wie sie und Kinder stellen die Mehrheit der Flüchtlinge aus dem Südsudan. Awadiya ist schon fast ihr ganzes Leben auf der Flucht, innerhalb des Südsudan oder in Uganda. Weil in Palorinya das Schulgeld für die Kinder fehlt, ging sie vor ein paar Monaten in den Südsudan zurück. Dort wollte sie arbeiten und ihr Haus verkaufen. „Als ich zu meinem Haus kam, hatte jemand anderes es übernommen. Und alle meine Dokumente, die beweisen, dass mir dieses Haus gehört, sind während des Krieges verbrannt. Die neuen Besitzer drohten mir, mich zu ermorden, wenn ich das Haus nicht verließe“, sagt Awadiya. Sie träumt von Frieden in ihrem Heimatland, hält aber zugleich das Träumen für sinnlos. „Solange sie noch Menschen töten, kann ich nicht zurückgehen. Sie sagen zwar, es herrsche Frieden, aber den gibt es nur auf dem Papier“, meint die 38-Jährige.  

 Gloria Gire ging 2005 in den Südsudan zurück, musste aber dann 2016 mit ihren vier Kindern erneut fliehen. Sofi Lundin

Im September 2018 haben Präsident Salva Kiir und sein Erzrivale Riek Machar ein langersehntes Friedensabkommen unterzeichnet, und vergangenes Jahr haben sie eine gemeinsame Regierung angekündigt. Aber nur wenige glauben an dauerhaften Frieden – nicht einmal Papst Franziskus, der im April 2019 beiden Kontrahenten bei deren Besuch im Vatikan die Füße küsste und um Frieden bat. 

Das Friedenskommen hat immerhin zu einem Rückgang der Kämpfe geführt und viele Flüchtlinge sind zurückgekehrt. Die Ölproduktion, die lange wegen der Konflikte stilllag, läuft wieder. Doch dann sind neue Kämpfe aufgeflammt. Die Coronakrise und die schwersten Überflutungen seit 60 Jahren, die seit Mitte Oktober 2021 acht von zehn Bundesstaaten betreffen, verschärfen die Lage zusätzlich.

Wegen der Not fließen jedes Jahr Hunderte von Millionen Dollar Hilfe an viele Hilfsorganisationen, die in Uganda sitzen. Diese großen Summen haben aber auch Korruptionsskandalen Tür und Tor geöffnet. Im November 2018 enthüllte ein Bericht des UN-Büros für interne Überwachungsdienste, dass das UNHCR von Mitte 2016 bis Ende 2017 mehrere Millionen Dollar verschwendet hatte. Dem Bericht zufolge gab es „enorme“ Mehrausgaben für Wasser, Lastwagen und Straßen, Zahlungen an „Geisterbeamte“, Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe und eine Überzahlung bei der Mehrwertsteuer in Höhe von 10 Millionen US-Dollar. Die Prüfung ergab ferner, dass UNHCR-Vertreter Waren für Flüchtlinge gehortet hatten, darunter Decken, Schubkarren, Küchensets, Solarlampen und 30.000 Damenbinden. Im Januar 2020 wurden zwei Regierungsbeamte wegen Geldwäsche und Korruption angeklagt, nachdem sie für die Vergabe von Aufträgen in Flüchtlingslagern Bestechungsgelder in Höhe von umgerechnet rund 95.000 Euro erhalten hatten. 

Die Südsudanesen brauchen langfristige Entwicklungsprojekte

Gloria Soma sagt, es sei an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft den Fokus der Hilfe im Südsudan ändere. Sie lebt in Kampala, ist in Ugandas Flüchtlingssiedlungen aufgewachsen, hat Finanzwesen in Tansania studiert und dann bei der südsudanesischen Zentralbank in Juba gearbeitet, bevor sie die Organisation „Titi Foundation“ mit Büros im Südsudan und in Uganda gründete. Die Stiftung unterstützt Landwirte im Südsudan dabei, Qualitätsprodukte wie zum Beispiel Samen herzustellen. „Nothilfe ist wichtig, aber sie ist kurzlebig und baut keine Gesellschaft auf. Die Südsudanesen brauchen langfristige Entwicklungsprojekte, die Jobs schaffen und den Menschen Hoffnung geben“, sagt Soma.

Ugandas offene Grenzen haben auch große Auswirkungen auf die Gesellschaft, besonders auf die grenznahen Städte. Der Zustrom der Flüchtlinge setzt die Wirtschaft unter Druck und der Kampf um Jobs ist hart in einem Land, in dem viele Menschen keine Arbeit haben. Doch man begegnet Flüchtlingen nicht nur in speziellen Siedlungen wie Palorinya. Wer genug Geld hat, zieht direkt in eine Stadt, mietet eine Wohnung und bewirbt sich um einen Job auf dem Arbeitsmarkt, der ohnehin angespannt ist: In einigen Orten Nordugandas sind mehr als 80 Prozent der unter 30-Jährigen arbeitslos. 

Dennoch sind die meisten Ugander den Flüchtlingen gegenüber offen. Robert Toma Iwa, der für eine Behörde in der Grenzstadt Moyo arbeitet, sagt: „Moyo war früher völlig unterentwickelt. Die Präsenz der Hilfsorganisationen hat der Gesellschaft auf vielerlei Art geholfen. Das Problem ist aber der Mangel an Land. Viele von uns wollen in der Landwirtschaft arbeiten, aber das Land geht an die Flüchtlinge.“ Die meisten seiner Nachbarn seien Flüchtlinge aus dem Südsudan. „Meine Familie hat Zuflucht im Sudan gesucht, als in Uganda Idi Amin an der Macht war. Die meisten Ugander wissen also, wie es ist, auf der Flucht zu sein. Die Flüchtlingssituation ist in vielerlei Hinsicht schwierig, aber Uganda erhält viel dafür, dass es die Flüchtlinge aufnimmt. Es gibt keine Pläne, Türen zu schließen“, sagt Toma Iwa. 

Der Frieden im Südsudan hängt an einem seidenen Faden. Keiner der Geflüchteten, mit denen wir gesprochen haben, plant in absehbarer Zeit in den Südsudan zurückzukehren.

Aus dem Englischen von Melanie Kräuter.

erschienen in Ausgabe 2 / 2022: Riskante Geschäfte mit der Chemie

Kommentare

Apropos Uganda: soweit ich las, steht in Uganda auf Homosexualität die Todesstrafe. Das wäre doch auch mal einen Artikel wert, wenn es um dieses Land geht.

Eine Information aus der Redaktion: Dieser Beitrag behandelt das Thema Homophobie in afrikanischen Ländern - zwar nicht in Uganda, aber es ist eine grundlegende Beschäftigung mit der Thematik. 

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