Forschung in Ländern des globalen Südens
 Gletscher-Monitoring in Peru. Die Forscher sehen sich mit schmelzendem Gletschereis und einer misstrauischen Bevölkerung konfrontiert.

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Forschung in Ländern des globalen Südens

Geschichten von Wissbegier und Ohnmacht

Viele Forscherinnen und Forscher im globalen Süden wollen mit ihrer Arbeit raus aus dem Elfenbeinturm und etwas bewirken. Doch oft schlägt ihnen Unverständnis und Misstrauen entgegen – oder es mangelt an Geld. Vier Erfahrungsberichte aus Afrika, Asien und Südamerika.

„Die Kluft zwischen Wissenschaft und Bevölkerung überbrücken“

 Luzmila Davila, 40 Jahre, ist Gletscherforscherin in Peru.Privat
Als ich sieben Jahre alt war, nahmen mich meine Eltern mit in die Berge meiner Heimatstadt Huaraz, die wegen ihrer Gletscher auch die peruanische Schweiz genannt wird. Mit 16 stand ich zum ersten Mal auf einem Gletscher, dem Pastoruri. Von dem sind heute nur noch ein paar Eisblocks übrig. Am Ende meines Studiums zur Umweltingenieurin wurde ich Assistentin beim Gletscherforscher Cesar Portocarrero. Beim Gletscher-Monitoring in­spizieren wir Gletscher und sammeln Daten, um Dämme zu verstärken oder Frühwarnsysteme für mögliche Eisabbrüche anzubringen. Wir sind dann acht Tage unterwegs: Jeweils zwei Tage dauern der Auf- und der Abstieg, mit Eseln nehmen wir unsere Bohrgeräte, Zelte und Essen mit hoch. Oben arbeiten wir vier Tage am Stück, nehmen Proben aus dem Gletscher. Obwohl das körperlich anstrengend ist, genieße ich die Zeit auf dem Berg; ich empfinde das nicht als Arbeit. In unserem staatlichen Gletscherinstitut INAIGEM bin ich für das Monitoring von drei bis vier Gletschern in ganz Peru zuständig. Heute verwenden wir auch Drohnen und Satellitenbilder für die Datenauswertung. 

Vor vier Jahren durfte ich auch an einer Expedition in die Antarktis teilnehmen. Leider habe ich in all den Jahren gesehen, wie die Gletscher geschmolzen sind. Es ist frustrierend, die Gründe dafür zu kennen und dennoch nichts dagegen tun zu können, weil es globale Ursachen hat. Die größte Herausforderung besteht für mich darin, den Graben zwischen uns Wissenschaftlern und der lokalen Bevölkerung zu überbrücken. Auf der einen Seite stehen Wissenschaftlerinnen, die nur an ihre Veröffentlichungen denken, auf der anderen Seite die Bevölkerung, die uns misstraut und nicht versteht, dass die Ergebnisse unserer Arbeit auch ihnen zugutekommen. 

Aufgezeichnet von Hildegard Willer.

 

„Ich will mit meiner Arbeit einen Wandel anstoßen“

 Jaynisha Patel, 29 Jahre, erforscht am Institute for Justice and Reconciliation (IJR) unter anderem das Erbe der Apartheid.Privat
Ich arbeitete am Institute for Justice and Reconciliation, das gewissermaßen die seit 2003 eingestellte Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission fortsetzt. Ich leite das Projekt „Inklusive Ökonomien“. Dabei untersuchen meine zwei Mitarbeiter und ich unter anderem den Zusammenhang von Wirtschaft und Frieden in afrikanischen Ländern. Dazu befragen wir Fokusgruppen in Gemeinden, interviewen Fachleute, Regierungsvertreter oder andere Verantwortliche, greifen auf Daten aus Meinungsumfragen zurück und prüfen Fachliteratur.  

Unsere größten Herausforderungen sind die Finanzierung unserer Forschung und der Zugang zu manchen Gemeinden. Wenn wir an entlegene oder gefährliche Orte müssen, sind wir dort auf Partner angewiesen. Zudem arbeiten wir mit der Afrikanischen Union oder der deutschen GIZ zusammen, die die Forschung teils auch finanzieren. Am IJR arbeitet ein wunderbar diverses Team. Einige Mitarbeitende kommen aus anderen Teilen Afrikas, andere von weiter her, etwa aus der Türkei.  

Doch Forschung wird in der Gesellschaft oft als abgehoben wahrgenommen. Um das zu ändern, bringen wir Gesetzesvorschläge ein, und wir geben Interviews in Medien, damit öffentlich über unsere Forschungsergebnisse und Empfehlungen diskutiert werden kann. Schließlich will ich mit meiner Arbeit auch Wandel anstoßen. Unser Ziel ist eine friedliche und demokratische Gesellschaft. Als Südafrikanerin weiß ich, was es heißt, in einer Nation zu leben, die fortdauernd mit sich selbst ringt. Zugleich erlebe ich aber auch die großartige Solidarität, die unter Südafrikanern und allgemein unter Afrikanern herrscht – und die mir die Chance gibt, an einer geeinten und inklusiven Zukunft für unser Land mitzuwirken.  

Aufgezeichnet von Markus Schönherr. 

 

„Es ist fantastisch, gemeinsam zu lernen“

 Amidu Bah (46 Jahre) aus Sierra Leone hat Chemie studiert und absolviert nun den internationalen Masterstudiengang „Energie und grüner Wasserstoff“, unter anderem in Niamey im Niger sowie in Aachen. Privat
Im Senegal habe ich einmal  gesehen, wie Frauen Bäume pflanzen, um die Wüstenbildung zu stoppen. Damals habe ich als Biologielehrer gearbeitet und mit meinen Schülern über den Schutz von Ressourcen gesprochen. Das Bild der Frauen hat mich nachhaltig beeinflusst, und ich wusste, dass ich Ressourcen bewahren will. Deshalb absolviere ich den Studiengang „Energie und grüner Wasserstoff“ und spezialisiere mich auf Fotovoltaik. Die Studierenden kommen aus allen Ländern der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas. Es ist fantastisch, gemeinsam zu lernen und darüber zu debattieren, wie die einzelnen Länder erneuerbare Energien nutzen. Besonders freue ich mich darauf, einen Teil des Studiums in Deutschland zu absolvieren.  

Mein Chemiestudium an der Universität von Gambia ist ganz anders abgelaufen. Das Fach wollte ich unbedingt studieren, um ein besserer Biologielehrer zu werden. Doch als ich von 2015 bis 2016 an der Universität von Gambia studierte, gab es nicht einmal genügend Räume, nicht ausreichend Tische und Stühle. Wir hatten weder ein eigenes Labor noch eine eigene Bibliothek. Doch auch das ist kein Vergleich zu meiner Ausbildung zum Biologielehrer, die ich von 1996 bis 1999 in Sierra Leone gemacht habe. Anfangs war es gut. Viele Mitschüler haben das Lehrer-Kolleg in meiner Heimatstadt Port Loko besucht, und ich habe bei meinen Eltern gelebt. Doch dann begann der Krieg, wir mussten vor den Rebellen in die Hauptstadt Freetown fliehen und haben erlebt, wie einige Dozenten ermordet wurden. In Freetown hat man uns auf verschiedene Kollegs aufgeteilt. Es ist mir trotz allem gelungen, meine Ausbildung zu beenden, allerdings in drei und nicht wie vorgesehen in zwei Jahren.

Aufgezeichnet von Katrin Gänsler. 

 

„Austausch zwischen Politik und Wissenschaft gibt es in Indien kaum“

 Professorin Shanthie Mariet D‘Souza (48 Jahre) ist derzeit Gastwissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die Inderin hat auch in den USA, Australien, Singapur, Sri Lanka und Afghanistan gearbeitet. Privat
Ich habe in Indien studiert und zu Beginn meiner Karriere in Konfliktgebieten gearbeitet. Dann erhielt ich ein Stipendium an der Johns-Hopkins-Universität in den USA, wo ich an meiner Promotion über „Die USA und die Entstehung und der Niedergang der Taliban“ arbeiten konnte. Dies war eine lebensverändernde Erfahrung: Ich hatte zum ersten Mal Zugang zu Primärquellen für meine Forschung, ich führte Interviews mit politischen Entscheidungsträgern, Wissenschaftlern und Praktikern. Diese „Drehtürpolitik“ zwischen Politik und Wissenschaft wie in den USA gibt es in Südasien so gut wie nicht.

In Deutschland tausche ich mich auch konstruktiv mit Regierungsvertretern und Wissenschaftlern aus. In Südasien ist der Zugang zu Regierungsbeamten sehr schwierig. Zum Beispiel habe ich in Indien in einer vom Verteidigungsministerium finanzierten Denkfabrik gearbeitet. Dort hatte ich aber weder die Möglichkeit, etwas zur Politikgestaltung beizutragen, noch Feldforschung in Afghanistan zu betreiben. Darum ging ich ans Institut für Südasienstudien in Singapur, von wo aus ich in Afghanistan arbeiten und mit Betroffenen sprechen konnte. Meine Publikationen zu Afghanistan beruhen auf solchen Primärquellen und waren für politische Entscheidungsträger nützlich, um das Problem und Lösungschancen zu verstehen.

Ich möchte auch indische Studierende zu kritischem Denken, zu Feldforschung und zum Aufbau von Fachwissen anleiten. Deshalb habe ich 2015 das unabhängige Forschungsforum Mantraya gegründet. Dort konzentrieren wir uns auf dringende Themen und weniger erforschte Bereiche wie Frauen in Konfliktsituationen, politische Ökonomie von Konflikten und regionale Zusammenarbeit in Süd- und Südostasien. Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, eine Spezialisierung in der Forschung zu schaffen, die in Südasien dringend nötig ist.

Aufgezeichnet von Melanie Kräuter.

erschienen in Ausgabe 9 / 2022: Fragen, messen, publizieren

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