Machtgefälle im Forschungsprozess
 Feldforschung im Niger: ­Mitarbeitende des Unicef-Projekts Kartierung für Entwicklung sprechen 2015 mit Arbeitern in einem Steinbruch.

Michael Zumstein/VU/laif

Machtgefälle im Forschungsprozess

Von Geber-Forschern und Empfänger-Forschern

Wenn Wissenschaftler aus reichen Ländern im Süden forschen, sind sie auf die Mitarbeit von Kolleginnen und Kollegen vor Ort angewiesen, etwa bei der Datenerhebung. Deren Wissen wird dabei oft übergangen und in den Publikationen ihr Beitrag verschwiegen.

Wenn Forscherinnen und Forscher aus der nördlichen und der südlichen Hemisphäre gemeinsam im Süden etwas untersuchen, ist die Einbindung ins Team oft unausgewogen. Die Ziele, Hypothesen und manchmal auch die Hauptargumente der Forschung werden von Beteiligten aus dem Norden festgelegt, die auch den Zugang zu den Finanzmitteln haben und kontrollieren. Das Terrain der Forschung mit all seinen politischen, sprachlichen, sicherheitsrelevanten oder soziologischen Komplikationen wird hingegen denen aus dem Süden überlassen, die es kennen und damit umgehen können. Aber sie werden oft nur wenig in den gesamten Forschungsprozess eingebunden. 

Das anfängliche Machtungleichgewicht zwischen „geldgebenden“ und „empfangenden“ Forschern setzt sich über den gesamten Untersuchungsprozess bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse fort. Zunächst konzipiert jemand im Norden das Projekt nach seinen persönlichen oder institutionellen Interessen. Wenn in dieser Phase Forschende aus dem Süden eingreifen, dann nur, weil sie um spezifische Vorinformationen gebeten werden, die es erleichtern, den Kontext und die Möglichkeiten am Ort zu verstehen und das Projekt zu planen.

Zum Beispiel mussten für ein Projekt zur Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt einige Daten und Umstände auf lokaler Ebene präzisiert werden – etwa wie sexuelle Gewalt von einheimischen Frauen gesehen wird und welche Arten Gewalt sie erleiden. Darum wurde eine Forscherin im Süden gebeten. Später erhielt sie aber keinerlei Rückmeldung über das weitere Vorgehen, obwohl ihr gesagt worden war, dass die erbetenen Angaben dem Konzept für ein Forschungsprojekt dienen würden. Manchmal beschließen Geber-Forscher, nachdem sie grundlegende Daten von jemand im Süden erhalten und das Projekt entworfen haben, dass sie bei der Umsetzung lieber mit anderen Süd-Forschern zusammenarbeiten – vor allem, wenn in einer der Vorbesprechungen Finanzfragen aufgeworfen worden sind. 

Kluft im Machtverhältnis zwischen Nord und Süd

Bei der Identifizierung von Forschungszielen ist der Empfänger-Forscher selten in größerem Umfang beteiligt. Das Forschungsinteresse und -ziel wird häufig vom Geber-Forscher bestimmt. Häufig handelt er die Verträge, die Ausrichtung und die zu erzielenden Forschungsergebnisse nach den Vorgaben des Geldgebers aus; an diesen Diskussionen können Forschende im Süden nicht teilnehmen. 

Diese Kluft im Machtverhältnis zwischen Nord und Süd zieht sich durch den ganzen Forschungsprozess, auch etwa die Theoriediskussion. Manche Geber-Forscher geben vor, dass bestimmte Überlegungen zum Konzept und zur Begrifflichkeit das Forschungsverständnis leiten sollen. Dasselbe gilt für die Wahl der Untersuchungsmethoden. So entwickeln sie häufig Erhebungsinstrumente wie Fragebögen, ohne die Expertise von Süd-Forschern zu berücksichtigen. Diese erhalten für die Durchführung dann Richtlinien, die sie vor Ort anpassen müssen. Beispielsweise bekommen Empfänger-Forscher für die Erhebung qualitativer Daten Codes, mit denen sie lediglich den Fragebogen auf ihre Tablets laden können. Für Interviews erhalten sie Leitfäden oder festgelegte Leitlinien zu den Themen, die angesprochen werden sollen. 

Häufig wird das Fachwissen einheimischer Forschender über lokale Gegebenheiten auch in dieser Phase nicht berücksichtigt. Es gibt etwa besonders sensible Gegenden, in denen man nicht jede Frage an jeden stellen kann. Ein zu starrer Interviewleitfaden kann Forschende im Süden jedoch hindern, ihre eigene Sicht einzubringen. Dabei könnte das zu besseren Ergebnissen beitragen, weil es helfen würde, die Methoden an fragile und sensible Umfelder anzupassen. 

Süd-Forscher oft in den Schatten verbannt

Autorin

Judith Buhendwa Nshobole

ist Mitarbeiterin am Hochschulinstitut für landwirtschaftliche Entwicklung Bukavu (ISDR) im Ostkongo sowie Forscherin beim Land Rush Project und beim Angaza Institute. Ihr Beitrag beruht auf einem Blog für das Governance in Conflict Network (https://www.gicnetwork.be/blog/).
Bei der Planung werden manche Aspekte oft sowohl vom Geldgeber als auch vom Nord-Forscher übersehen – zum Beispiel Ausgaben, die Informanten zugänglicher machen. In einigen Gegenden erwarten Menschen eine Vergütung, wenn sie Forschungsfragen beantworten sollen, und begründen das damit, dass sie dieselbe Übung für Untersuchungen von humanitären Organisationen durchlaufen haben und von denen für den Zeitaufwand entschädigt wurden. Personen in besonderer Position wie Notabeln und Mitarbeitende lokaler Behörden geben manchmal nur oberflächliche Auskünfte, besonders wenn im Vorfeld erklärt wurde, dass es keine Entschädigungen geben würde. Einmal hat sich eine Befragte während einer Erhebung ohne Vergütung geweigert, Antworten zu geben, da sie das für Zeitverschwendung hielt. Wo das soziale Ansehen oder die Solidarität im Untersuchungsgebiet große Bedeutung haben, sind Süd-Forscher deshalb manchmal gezwungen, das eigene Honorar zu verwenden, um Erwartungen an die Datenerhebung zu erfüllen. 

Nach der Feldforschung warten die Geber-Forscher auf die Ergebnisse und den Bericht. Aber wie wird die Expertise von Süd-Forschern danach genutzt? Sollte ihnen nicht die Möglichkeit eingeräumt werden, nach Abgabe eines Berichts an den nächsten Schritten mitzuwirken? Forschende aus dem Süden stellen oft überrascht fest, dass Berichte und Artikel, die auf ihrer Feldforschung beruhen, veröffentlicht werden, ohne dass ihr Beitrag auch nur erwähnt wird. Gut möglich aber, dass sie darin genannt werden möchten, statt im Schatten zu bleiben. Solche Sichtbarkeit könnte ihnen auch mehr Türen öffnen und helfen, Fortschritte zu machen.

Im Übrigen bitten auch die in einer Feldforschung Befragten manchmal um eine Rückmeldung und wollen wissen, wie Daten, die sie geliefert haben, nachher verwendet werden. Zuweilen kann ein Süd-Forscher darauf keine Antwort geben, weil seine Aufgabe nach Abgabe des Feldberichts abgeschlossen ist. Und wenn er mutig ist und auf die Erwartungen der Gemeinden bezüglich des weiteren Ablaufs eingeht, kann er manchmal nur sagen: „Wir warten noch auf das Programm unserer Partner im Norden.“ 

Beide Seiten sollten als integriertes Team arbeiten

Anders als vielen Geber-Forschern kann es den Forschenden im Süden passieren, dass sie künftig wieder mit denselben Menschen dort zusammenarbeiten müssen. Wenn vorherige Projekte der Bevölkerung etwas schuldig geblieben sind, kann das dazu führen, dass einheimische Forschende im selben Gebiet nicht mehr gut aufgenommen, sondern als die angesehen werden, die Daten abgreifen, um sich zu bereichern. 

Wissen und Erfahrungen von verschiedenen Forschenden aus Nord und Süd zu berücksichtigen, wäre dann ein sehr großer Vorzug, wenn beide Seiten als integriertes Team arbeiten würden – von der Konzeption und der Identifizierung der Forschungsziele über die Entwicklung von Hilfsmitteln für die Erhebung, die Feldforschung und die Analyse bis zur Verbreitung der Ergebnisse. Die Ergebnisse wären dann noch besser. Würden Beteiligte aus dem Süden an der Entwicklung der Leitfäden mitwirken, dann könnten sie Fragen besser an den Kontext anpassen. Das gilt besonders, da es Geber-Forscher gibt, die nie ins Feld gehen und sich mit dem begnügen, was man ihnen als Daten liefert. Die Ziele und Finanzmittel mögen aus dem Norden kommen. Aber bei der Durchführung der Forschung sollten sich beide Seiten ergänzen.

Aus dem Französischen von Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 9 / 2022: Fragen, messen, publizieren

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