Wo Bescheidenheit angemessen ist

Die Schweiz leistet sich im Vergleich mit anderen Ländern einige Besonderheiten. Ist das Minarettverbot nur eine weitere lässliche Schrulle? Oder muss das Abstimmungsergebnis zur Sorge Anlass geben, weil es in anderen Ländern möglicherweise ebenso ausfallen würde? Es sollte uns jedenfalls nicht entmutigen, weiter für eine gerechtere Welt einzutreten.

Wir Schweizer sind etwas ganz Besonderes. Das habe ich jedenfalls schon mit meiner Muttermilch eingesogen. Die Schweizerfahne hat während meiner ganzen Kindheit an der Fahnenstange gehangen. Es tut ja auch gut, stolz auf seine Kultur, sein Land zu sein. Allerdings haben wir Schweizerinnen und Schweizer dabei eine nervige Untugend: Wir nehmen uns ganz schön wichtig, weil es für uns offensichtlich nur uns gibt. Es geht uns gut, vielleicht zu gut, und darum dürfen wir uns auch immer wieder Besonderheiten erlauben: Schweizerfranken, Bankgeheimnis, kein EU-Mitglied sein.

Es hat vielen von uns Schweizerinnen und Schweizern weh getan zu erleben, wie innert Monaten das heißgeliebte Bankgeheimnis infolge der Gier und Dummheit gewisser Banker aufgeweicht und den Rhein, die Rhône und den Ticino hinuntergespült wurde. Wir reiben uns verwundert die Augen und fragen, wie das möglich ist. Nun ja, wir Hilfswerke genießen eine gewisse Schadenfreude, waren wir doch schon lange der Ansicht, dass das Bankgeheimnis unhaltbar und ungerecht sei. Weggefegt haben es ironischerweise nicht wir, sondern die Banken selbst. Erst die riesigen Staatsdefizite in Folge der von den Banken verursachten Finanzkrise haben die Amerikaner und die EU veranlasst, so richtig Druck auf das Schweizerländle zu machen.

Autor

Antonio Hautle

ist Direktor des katholischen Hilfswerks Fastenopfer in Luzern.

Und nun haben wir die Minarette vorerst für ein paar Jahre verboten. Nein, nein, wir sind nicht gegen andere Menschen, wir wollen nur unsere eigene Lebensart konservieren. Wir sind normalerweise sehr offene Weltenbürger, die nie auf die Idee kämen, andere wegen ihrer Religion oder Rasse zu diskriminieren.

Ich wünschte, ich könnte mit etwas Humor und Gelassenheit zum Alltag zurückkehren. Das Abstimmungsresultat zur Minarettinitiative stimmt mich, nachdem der erste Ärger verflogen ist, jedoch nachdenklich. Ich frage mich ernsthaft, was das langfristig zu bedeuten hat, nicht nur für die verbohrten Schweizer. Denn sollte eine ähnliche Abstimmung in anderen Ländern Europas möglich sein, wäre ein ähnliches Ergebnis zu befürchten. Einer meiner arabischen Bekannten sagte einmal während einer unserer nächtlichen Diskussionen bei Tee und Arak, im Grunde genommen seien wir Menschen alle Rassisten und hätten vor Fremden Angst. Das ist bald zwanzig Jahre her. Hat sich die Welt wirklich weiterentwickelt oder treten wir auf der Stelle?

Weg vom „Assistentialismus“, hin zur Eigenverantwortung

Das habe ich mich im Dezember während meiner Reise in die Demokratische Republik Kongo ab und zu gefragt. Wozu all die Bemühungen? Wozu der jahrelange Einsatz für Entwicklung, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Menschenwürde und universelles Gemeinwohl?

Die Antwort gaben mir die Menschen vor Ort, in den Dörfern östlich von Boma, einer Stadt an der Kongo-Mündung. In ihren „Selbstverantwortungsgruppen“ (groupes d’autoprise en charge) haben sie in den letzten Jahren gelernt, sich zusammenzuschließen und gemeinsam etwas aufzubauen: Gemeinschaftsfelder, Gesundheitsposten, Kleinhandel, Stuhlvermietung für Feste, Dorfapotheke und so weiter. Und siehe da, schon nach kurzer Zeit hatten sie in ihren selbstverwalteten Gemeinschaftskassen mehrere tausend Dollar für Notfälle und für Kleinkredite an ihre Mitglieder. Zu Recht sind wir von Fastenopfer mit unseren Partnern stolz auf diesen Erfolg. Völlig weg vom „Assistentialismus“ zur Eigenverantwortung der Menschen. Das macht Sinn und tut uns und den Menschen vor Ort gut.

Doch dann kommt mir sogleich zu Bewusstsein: Auch hier ist Bescheidenheit angemessen. Denn ohne Straßen, Schulen und andere Infrastruktur bleiben auch derlei Bemühungen sinnlos. Es braucht einen funktionierenden Staat, gerechtere internationale Wirtschaftsstrukturen und es braucht immer noch staatliche Entwicklungshilfe.

Und da kommt mir ein anderes Schweizer Thema in den Sinn: Erstmals hat die Schweiz einen außenpolitischen Bericht vorgelegt – was zunächst einmal zu begrüßen ist. Sorgen macht mir jedoch die Tendenz, dass die Regierung in Bern nun auch beginnt, die Entwicklungszusammenarbeit vermehrt als außenpolitisches Instrument einzusetzen. Na ja, auch hier sind wir nicht wirklich anders, das tun viele Länder schon lange. Wir Hilfswerke werden uns dagegen wehren, so wie gegen das Bankgeheimnis.

Nichts Neues unter der Sonne, und das ist vielleicht auch gut so. Zumindest wissen wir, weshalb wir jeden Morgen unserer Arbeit nachgehen. Und da fühle ich mich wirklich privilegiert: Es macht immer wieder Sinn, für eine bessere, menschenwürdigere Welt einzustehen.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware