Wo bleibt nur der Gewaltausbruch?

Ein furchtbares Erdbeben hat in Haiti weite Teile der Hauptstadt und anderer Städte zerstört und zehntausende Menschen unter Trümmern begraben. Die Katastrophe hat die Öffentlichkeit aufgewühlt, alles redet nun über das Land in der Karibik. Dabei treten zuweilen zwei dumme Klischees zutage, die mehr über die Beobachter aussagen als über Haiti: Das vom bedrohlichen Wilden und das vom hilflosen Armen.

„Chaos“ ist eins der meist gebrauchten Worte in den Berichten über Haiti nach dem Erdbeben. Es ist durchaus passend, wenn von Trümmern übersäte Straßen beschrieben werden oder das organisatorische Durcheinander kurz nach der Katastrophe, als große Teile der Infrastruktur und der Kommunikation lahmgelegt waren. Richtig ist auch, dass der Staat in Haiti, der sich eben erst mit Unterstützung der UN-Blauhelme zu festigen begann, praktisch handlungsunfähig geworden ist.

Doch mit „Chaos“ ist oft noch etwas anderes gemeint: der von keiner Regel gehemmte Kampf ums Überleben. Nicht wenige Journalisten gingen kurz nach der Katastrophe offenbar davon aus, die Not müsse im Verein mit dem Fehlen einer funktionierenden Polizei notwendig dazu führen, dass die Haitianer sich gegenseitig berauben und umbringen würden. „Haiti versinkt in Gewalt“, behauptete die Frankfurter Rundschau und meldete, dass sich in Port au Prince „täglich die Anzeichen für eine Gewaltexplosion mehren“. Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fragten ihre Korrespondenten penetrant nach solchen Anzeichen, obwohl die kaum welche nennen wollten. Tatsächlich beobachteten Hilfsorganisationen nur sehr vereinzelte Plünderungen. In Port-au-Prince scheint es nach dem Erdbeben insgesamt friedlicher geblieben zu sein als in New Orleans 2005 nach dem Hurrikan Katrina.

Die Fehler der Hilfsoperation nach dem Tsunami in Asien sollten Haiti erspart bleiben

Das zweite Klischee ist bei Spendensammlern beliebt und stellt die Haitianer als hilflos dar. Es stimmt natürlich, dass sie dringend Hilfe brauchen und der Einsatz der internationalen Hilfskräfte bewundernswert ist, ebenso wie die enorme Spendenbereitschaft. Doch die erste Hilfe haben wie in jeder Katastrophe auch in Haiti Einheimische geleistet – „Eltern, Nachbarn und Freunde, die Menschen aus Trümmern ziehen und bergen“, wie eine Partnerin des Hilfswerks Misereor betont hat. Auch ohne Staat können Haitianer anscheinend eine gewisse Organisation an der Basis und eine gewisse Ordnung erhalten. Dies zu würdigen ist wichtig. Denn beim Neuaufbau, auch von staatlichen Institutionen, muss man hieran anknüpfen. Die Fehler der Hilfsoperation nach dem Tsunami in Asien – dort haben viele Hilfsorganisationen um Projekte konkurriert, an einheimischen Behörden vorbei gearbeitet und  diese so geschwächt – sollten Haiti erspart bleiben.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware