Gefangen auf dem Meer

Viele arme Jungen und Männer aus Kambodscha, die kaum Zukunftsperspektiven haben, werden mit dem Versprechen auf einen ordentlichen Verdienst nach Thailand gelockt und auf Fischerboote verkauft. Dort müssen sie oft jahrelang unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Zwar arbeiten die Behörden inzwischen grenzüberschreitend zusammen, um solche Fälle aufzudecken. Doch die Armut treibt den Sklavenhaltern weiter Opfer zu.

Bei dem verzweifelten Versuch, einen Weg aus der Armut zu finden, sind in den vergangenen Jahren viele Männer aus Kambodscha für ein Sklavenleben im benachbarten Thailand rekrutiert worden. Verkauft von Schlepperbanden, die auf beiden Seiten der von zunehmenden Spannungen geprägten Grenze tätig sind, arbeiten Kambodschaner mit Birmesen, Laoten und Vietnamesen unter erbärmlichen Bedingungen auf thailändischen Fischerbooten. Oft jahrelang auf See, gegen ihren Willen und ohne Heuer, werden sie geschlagen und müssen bis zur Erschöpfung arbeiten. Manche von ihnen verlieren dabei ihr Leben.

Bis vor kurzem wurden Gesetze gegen Menschenhandel in den Ländern der Region oft nur auf Frauen und Kinder angewendet. Männliche Opfer, die dem Kapitän eines Sklavenschiffs entkommen konnten und in Polizeigewahrsam kamen, wurden als illegale Einwanderer behandelt. Das hat sich inzwischen geändert. Die Behörden in Kambodscha, Thailand und Malaysia – wohin sich viele der zwangsrekrutierten Bootsbesatzungen retten – gehen zunehmend gemeinsam gegen den modernen Sklavenhandel vor. „Man muss sich sowohl um die Nachfrage- als auch um die Angebotsseite des Menschenhandels kümmern, um wirklich effektiv zu sein“, sagt Lim Tith, Koordinator für das von mehreren UN-Unterorganisationen koordinierte Inter-Agency Project on Human Trafficking in the Greater Mekong Sub-Region (UNIAP) in Kambodscha. „Wenn wir nur die Täter verfolgen, schaffen wir das Problem nicht aus der Welt. Aber wenn wir uns nur auf die Prävention konzentrieren, bleiben die Kriminellen unbehelligt.“

Beispielhaft ist der Fall von 17 Kambodschanern, die im Oktober 2008 im ostmalaysischen Bundesstaat Sarawak aufgegriffen wurden. Für die meisten von ihnen hatte die Geschichte in ein paar staubigen Weilern der bitterarmen kambodschanischen Provinz Kampong Thom 150 Kilometer nördlich von Phnom Penh begonnen. In den Dörfern Popok und Anlong Khran ist das Land mit Buschwerk bewachsen und ungeschützt. Auf dem sandigen Boden wuchsen früher Bäume, heute halten sich dort nur noch ein paar Obststräucher, hier und da Gemüse und dürftige Reisfelder.  „Wir haben früher hauptsächlich vom Abholzen gelebt“, sagt der Ortsvorsteher von Popok, Prak Phanna. „Das darf jetzt keiner mehr, das macht es sehr schwierig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jeden Tag müssen die Leute kämpfen, um über die Runden zu kommen.“

Autor

Jonathan Gorvett

ist freier Journalist mit Schwerpunkt Südasien und Südostasien.

Hier fiel Chorn Theang Ly Menschenhändlern zum Opfer. Deren Vorgehensweise war typisch: Erst machte sich ein örtlicher kambodschanischer Mittelsmann mit Kontakten über die Grenze an Dorfbewohner heran und versprach ihnen einen Monatslohn von 4000 Baht (rund 83 Euro) für Fabrikarbeit auf der anderen Seite der Grenze in Thailand. Das war für Chorn und viele seiner Nachbarn attraktiv, denn der Durchschnittslohn im Dorf liegt selten über einem Dollar am Tag. Ein Arbeitsvisum, um legal über die Grenze zu gehen, können sich arme Kambodschaner nicht leisten.

Nachdem sie der Makler gegen eine Gebühr von 3000 Baht über die Grenze geschmuggelt hatte, wurden Chorn und ein halbes Dutzend andere auf einem Lastwagen zu einem Hafen in der thailändischen Provinz Samut Prakhan gebracht. Dort wurde er eingesperrt, bis er und die anderen dem Besitzer eines thailändischen Fischerboots verkauft worden waren. Sie wurden auf das Boot gebracht, das sofort in See stach. Auf hoher See gab es dann keine Fluchtmöglichkeit mehr. Boote, die an diesem Menschenhandel beteiligt sind, bleiben oft monate- und sogar jahrelang außer Sichtweite vom Festland und laden ihre Fracht auf größere Schiffe um. Oft spielt sich das in internationalen Gewässern ab, was die Strafverfolgung zusätzlich erschwert.

Auf dem Schiff, das jetzt sein Gefängnis war, fand Chorn sich in einem Alptraum wieder. „Wenn es einen großen Fang gab, mussten wir die Fische Tag und Nacht ausnehmen und zerteilen, durften nicht schlafen. Es gab für uns auch nur wenig zu essen. Der Kapitän hatte eine Pistole und misshandelte uns. Wir bekamen keinen Lohn, auch nicht nach zehn Monaten auf See.“ Chorn erzählt, wie er sah, dass ein Kapitän ein Besatzungsmitglied umbrachte. Das kommt offenbar häufig vor: Laut einem UNIAP-Bericht vom April 2009 hatten 29 von insgesamt 49 befragten ehemaligen versklavten Matrosen während ihrer Gefangenschaft einen Mord miterlebt. „Wenn jemand krank wurde, gab es keine Medizin. Wer sich nicht erholte, wurde einfach über Bord geworfen“, sagt Chorn. Da die Fischbestände im Golf von Thailand stark geschrumpft sind, stoßen viele der Sklavenschiffe weiter nach Süden in die Hoheitsgewässer anderer Länder vor – hauptsächlich in die Malaysias. Bei einer solchen Gelegenheit sah Thung Yeap, ein anderes Opfer des Menschenhandels aus Popok, eine Gelegenheit zur Flucht. Sein Schiff war vor Sarawak von der malaysischen Küstenwache aufgebracht und gezwungen worden, einen Hafen anzusteuern. Als das Land näher kam, sprang Thung über Bord. Doch auf festem Boden gingen seine Schwierigkeiten weiter. Da die thailändischen Besitzer der Sklavenschiffe nach Flüchtigen fahnden, mied er den Kontakt zu Einheimischen und versuchte, Arbeit auf einer Ölpalmenplantage zu finden. Schließlich wurde er von den malaysischen Behörden entdeckt und südlich von Kuching, der Hauptstadt von Sarawak, in einem Lager für illegale Immigranten interniert. So wurde er zu einem der oben erwähnten 17 Kambodschaner, die alle ähnliches erlebt haben.

„Als sie nach Kambodscha zurückkamen, haben wir mit ihnen über Möglichkeiten gesprochen, eine andere Arbeit zu finden“, sagt Lim Tith. „Das kambodschanische Sozialministerium hat manche von ihnen beruflich weitergebildet. Einer von ihnen hat sogar im Radio gesprochen und versucht, andere davon abzuhalten, illegal nach Thailand zu gehen.“ Einige andere, gibt Lim Tith zu, seien jedoch wieder verschwunden – wahrscheinlich nach Thailand. „Wir müssen uns fragen, warum sie zurückgegangen sind.“

Ein Grund mag darin liegen, daß nicht alle Opfer der Menschenhändler einen Alptraum durchmachen mussten wie Chorn und Thong Yeap. Manche Schiffseigner behandeln ihre Mannschaften gut; manchmal finden sie eine andere Arbeit etwa in einer Fabrik. Deshalb leben noch immer zehntausende illegale Arbeiter in Thailand. Laut UNIAP werden jedes Jahr um die 130.000 Kambodschaner aus dem Nachbarland ausgewiesen, weil sie dort ohne Papiere arbeiten. Ein UNIAP-Projekt, bei dem im September 2009 etwa 4000 von ihnen interviewt wurden, ergab, dass etwa ein Drittel Opfer von Ausbeutung waren. Fast die Hälfte von ihnen hatte auf Fischerbooten gearbeitet. Das wahre Ausmaß des Problems bleibt im Dunkeln. Da die Schiffsbesatzungen üblicherweise monate-, wenn nicht jahrelang auf See sind, ist es wenig wahrscheinlich, daß sie in den Abschiebungsstatistiken auftauchen, deren Zahlen durch Polizeirazzien auf dem Festland in die Höhe getrieben werden.

„Die kambodschanische Seite gibt sich in der Angelegenheit inzwischen sehr viel mehr Mühe“, sagt Lim Tith, „im vergangenen Jahr sind zum ersten Mal Mittelsmänner angeklagt worden.“ Aber auf den staubigen Wegen und im Ödland in Mittelkambodscha schnappt die Armutsfalle zu. Der Zyklus der Ausbeutung nimmt weiter seinen Weg durch die leeren Hütten derjenigen, die zurückgekehrt und wieder verschwunden sind.

Aus dem Englischen von Christian Neven-du Mont.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware