Tropfen auf den heißen Sand

Zwei Drittel von Tunesien sind Wüste oder Halbwüste. In vielen Landesteilen wird deutlich, welchen Problemen die Länder des Maghreb in den kommenden Jahren gegenüberstehen: Es regnet unregelmäßiger als früher, überall herrscht Wassermangel. Die Bauern versuchen sich dem anzupassen, um ihre Heimat auf dem Land nicht verlassen zu müssen.

Hazoua gilt als Tor zur Sahara. Der langgezogene Ort im Südwesten von Tunesien schmiegt sich an eine Oase in der ansonsten staubtrockenen Gegend. Schon von weitem heben sich die grünen Blätter der Dattelpalmen von der sandigen Einöde ab. Rundherum wachsen nur vereinzelt dürre Büsche, mehr gedeiht nicht auf dem kargen, salzigen Boden.

Ohne die Oase gäbe es Hazoua nicht. Die Region war schon immer arm an Wasser, doch seit einigen Jahren spüren die Bewohner verstärkt, dass sich das Klima zu ihrem Nachteil verändert. „Es wird immer heißer“, stellt Abdallah Saidi fest. Der 46-jährige Landwirt steht inmitten seiner 120 Dattelpalmen und erzählt, dass der Regen mittlerweile unregelmäßiger falle, dafür aber zum Teil so heftig, dass es zu Überschwemmungen komme. Auf die Regenzeit zwischen Januar und März sei kein Verlass mehr.

Die Meteorologen geben Saidi Recht: 1950 betrug die Temperatur im Süden Tunesiens im Jahresdurchschnitt 18,3 Grad, 2004 wurden 20,4 Grad gemessen. Bis 2050 könnte es in der Region um weitere 2 bis 3 Grad wärmer werden und der Regen um bis zu 30 Prozent abnehmen. Einen Vorgeschmack erlebte Tunesien bereits während der Dürreperiode zwischen 1999 und 2003, als die Erträge aus dem Getreideanbau empfindlich zurückgingen. „Ich bin Optimist, aber der Klimawandel macht mir Sorgen“, sagt Saidi.

Der Grundwasserspiegel sinkt

Rund 4500 Menschen leben in Hazoua. Sie wohnen vornehmlich in einfachen Häusern mit Flachdach und kleinen Fenstern, die so angelegt sind, dass es im Innern kühl bleibt, wenn im Sommer das Thermometer auf bis zu 50 Grad steigt. Die Oase ist die wirtschaftliche Versicherung der Menschen. 80 Prozent der Einwohner leben vom Verkauf der Datteln, die auf insgesamt 800 Hektar angebaut und mittels Kanälen zwischen den Palmen bewässert werden. Viele der Bauern sind Berber, deren Vorfahren als Nomaden gelebt haben. Ende der 1950er Jahre verschenkte die Regierung Land zur Bewirtschaftung an sie, um sie sesshaft zu machen. Seitdem wächst die Bevölkerung in der Region und mit ihr die Oase. Mehr und mehr Wasser wurde für den Anbau und die Bewässerung von Palmen gefördert. Immer tiefer musste gebohrt werden, um ans Grundwasser zu kommen. Mittlerweile ist den Menschen in Hazoua klar geworden, dass sie Wasser sparen müssen, damit sie nicht irgendwann auf dem Trockenen sitzen.

Die Dattelbauern haben deshalb ihre Anbaumethoden geändert. Zwischen die Palmen pflanzen sie seit einiger Zeit Zitronen, Zwiebeln und anderes Gemüse. Das verbessert das Mikroklima und die Böden in der Oase. Dadurch verbrauchen die Bauern weniger Wasser für die Palmen und steigern gleichzeitig die Qualität der Früchte. Mittlerweile werden die Datteln mit Bio-Siegel in die Schweiz exportiert. Rund 120 Bauern haben sich bisher für die Produktion der Bio-Datteln in einer Kooperative zusammengeschlossen. Sie verdienen ein Drittel mehr durch das Bio-Siegel und sind von Preisschwankungen auf dem Weltmarkt weniger betroffen. Außerdem reduzieren die Bauern ihr Vieh. Die Tiere benötigen zu viel Wasser und Futter, selbst die genügsamen Ziegen.

Autor

Felix Ehring

ist freier Journalist in Frankfurt am Main.

Die Regierung im 400 Kilometer entfernten Tunis ermuntert die Bauern dazu. Najeh Dali, der Generaldirektor für Umwelt und damit der zweite Mann im Umweltministerium, lobt ausschweifend die Anstrengungen der Regierung zum Schutz der Wasserressourcen. Und das nicht zu Unrecht, denn Tunesien ist diesbezüglich in Nordafrika am weitesten. Das gilt auch für die Einstellung auf den Klimawandel. Dalis Stimme überschlägt sich beim Referieren der politischen Anstrengungen seiner Regierung: Tunesien sei in Nordafrika das Land mit der höchsten Lebensqualität. Schon 80 Prozent der Haushalte seien ans Abwassersystem angeschlossen im Vergleich zu rund 20 Prozent im Jahr 1987. Wasseraufbereitung und -wiederverwertung würden vorangetrieben, der Präsident habe bereits einen neuen Plan verabschiedet.

Während Dali seinen Präsidenten ausführlich lobt, guckt dieser ihm über die Schulter – gleich drei Portraits von Zine el-Abidine Ben Ali hängen hinter Dali im Besprechungsraum des Umweltministeriums. Im ganzen Land ist der Präsident gegenwärtig, der Tunesien seit 22 Jahren mit harter Hand führt, aber mit mildem Blick von Häuserfassaden aufs Volk herabschaut. Eine wirkliche Opposition wird nicht geduldet, bei Wahlen erreicht Ben Alis Partei 90 Prozent der Stimmen oder mehr. Die Medien sind fest in seiner Hand und berichten täglich über seine Wohltaten und das soziale Engagement seiner Frau. Menschenrechtsorganisationen dagegen melden immer wieder Verhaftungen und staatliche Repression gegen Oppositionelle.

Dennoch ist Ben Ali bei den Gebern beliebt, denn im Vergleich zu anderen nordafrikanischen Staaten gilt Tunesien als stabil. Das Land wird für seinen Kampf gegen den Terrorismus gelobt, die Wirtschaft wächst seit Jahren um durchschnittlich fünf Prozent und der Tourismus boomt. Auch die Hotels entlang der Küste und auf der Ferieninsel Djerba verbrauchen zwar viel Wasser. Da der Tourismus aber als unverzichtbar gilt für die wirtschaftliche Entwicklung, will die Regierung den hohen Verbrauch mit anderen Maßnahmen reduzieren. Vielerorts hat sie die landwirtschaftliche Bewässerung modernisiert und lecke Trinkwasserleitungen flicken lassen. Gestaffelte Wasserpreise wurden eingeführt: Wer mehr verbraucht als der Durchschnitt, muss höhere Kubikmeterpreise bezahlen. Die Bürger werden außerdem dazu angehalten,  ihre Klospülungen so einzustellen, dass sie weniger Wasser verbrauchen. Und ein Umweltbus fährt von Schule zu Schule und erklärt dem Nachwuchs den Klimawandel und wie man Wasser sparen kann.

Mancher Bauer erwägt, sein Land aufzugeben

Doch Tunesien wird streng zentralistisch regiert und in der Hauptstadt weiß man nicht immer, woran es in den ländlichen Gebieten mangelt. Das beeinträchtigt die Wirksamkeit der staatlichen Wasserpolitik – zum Beispiel in der Stadt Kairouan, die keine 150 Kilometer von Tunis entfernt ist. Die Gegend ist von kaputten Böden gezeichnet. Wälder sind abgeholzt oder von Nutztieren so weit abgefressen worden, dass die Pflanzen die heißen Sommer nicht mehr überstehen. Deshalb sind die Böden ausgetrocknet, heute wächst nichts mehr auf den vom Salz verkrusteten Flächen.

Die tunesische Regierung hat reagiert und einen Staudamm bauen lassen, der für die Bauern das Regenwasser auffängt. Dafür bekam sie Lob von der Weltbank. Doch die Landwirte bei Kairouan hatten zunächst nichts davon, weil die Pumpen fehlten, um das Wasser in die Olivenplantagen zu leiten. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat die Bauern dabei unterstützt, Geld von internationalen Fonds für die Finanzierung der Pumpen zu beantragen und ihre Interessen gegenüber der lokalen Verwaltung zu formulieren. Mittlerweile gibt es Pumpen und die Landwirte wurden in der Nutzung geschult. „Ich wollte mein Land schon aufgeben, nach Tunis ziehen und mir dort einen Job suchen“, erzählt der 43-jährige Hatem Sbaï. Dank des zusätzlichen Wassers auf seinen Feldern kann er nun immerhin 30 seiner 70 Hektar nutzen. Sbaï erntet jetzt sieben Tonnen Oliven statt der bisherigen drei Tonnen – und will nicht mehr in die Stadt ziehen.

Vermutlich könnten Probleme wie Mangel an Pumpen schneller gelöst werden, würde Präsident Ben Ali den 24 Verwaltungsbezirken des Landes mehr Eigenständigkeit zugestehen und sie ermuntern, eigene politische Wünsche zu formulieren. Die GTZ fördert deshalb neben diversen Projekten im Bereich Landwirtschaft, Wasser und Energie, die allesamt als Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel präsentiert werden, auch die politische Dezentralisierung. GTZ-Mitarbeiter bezeichnen das diplomatisch als „große Herausforderung“. Die Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen ist in Tunesien nämlich alles andere als selbstverständlich. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Umweltorganisationen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass auch sie staatlichem Einfluss unterliegen.                    

Einige Hügel von Hatem Sbaïs Olivenhainen entfernt ist es noch trockener. Die schutzlosen Böden sind erodiert, Wind und starke Regenfälle haben tiefe Furchen in die Landschaft gezeichnet und die Anbauflächen verkleinert. Die verstreut lebenden Bauern holen das Wasser aus Brunnen. Zwar ist der Stausee noch in der Ferne zu erkennen, doch gibt das Reservoir nicht genug her, um das Wasser ganzjährig die Hügel hinaufzupumpen. So bleibt nur das knappe Grundwasser. Die Bauern setzen mittlerweile auf widerstandsfähige Futterpflanzen und europäische Ziegenarten, die nicht auf Bäume klettern können, um sie abzufressen. Sie kämen jetzt besser über die Runden, sagen die Bauern. Dennoch ist fraglich, ob sie und ihre Kinder in der Gegend bleiben können.

Besonders Tunesiens Nachwuchs sieht vielerorts unsicheren Zeiten entgegen. Fünf Kinder und mehr pro Familie sind auf dem Land keine Seltenheit. Aber wie sollen sie einmal von den knappen Ressourcen leben? Das fragt sich auch der Dattelbauer Abdallah Saidi in Hazoua. Er hofft, dass seine sechs Kinder studieren werden und später nicht von der Landwirtschaft abhängig sind. Falls das nicht klappt, möchte er ihnen natürlich Arbeit auf seiner Parzelle anbieten können. Doch für alle wird der Ertrag bei weitem nicht reichen.

Mit Büschen gegen die Wüste

„Die Regierung verbreitet derzeit Aufbruchstimmung in der tunesischen Landwirtschaft“, sagt Reto Ingold, Berater für ökologische Landwirtschaft aus der Schweiz. Er ist seit Jahren für den Schweizer Aufkäufer der Bio-Datteln in Hazoua tätig und kennt das Land. Den Enthusiasmus der Regierung teilt er nicht, die Ressourcen seien einfach zu knapp. In Hazoua funktioniere die Wertschöpfung zwar dank der Bio-Datteln vergleichsweise gut. Insgesamt sehe die Zukunft aber wenig rosig aus: „In den letzten Jahren sind in der Landwirtschaft kaum neue Arbeitsplätze entstanden. Und Familienplanung findet bisher vorrangig in den Städten statt.“

Gegen die Ressourcenknappheit hilft nur, die Wüste zurückzudrängen, ohne dafür zusätzliches Wasser zu verbrauchen. Auch das wird in Hazoua versucht. Am Rand der Oase haben die Bauern mit Unterstützung von Experten widerstandsfähige Büsche gepflanzt, die tröpfchenweise bewässert werden. Das Wasser dafür kommt aus vergrabenen Rohrleitungen, die das versickerte Nass aus den Kanälen zwischen den Dattelpalmen in der Oase auffangen. Wenn die Büsche groß genug sind, können sie ohne diese ausgeklügelte Bewässerung überleben. Die Fläche soll dann kontrolliert beweidet werden, erklärt Ingold. Auch dafür müssten die Bauern ausgebildet werden. Es ist ein weiterer von vielen kleinen Schritten, um mit der Wasserknappheit fertig zu werden und den Vormarsch der Wüste zu stoppen. Das alles ist äußerst mühselig, doch eine Alternative ist nicht in Sicht.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware