Kein Passierschein für die Krebsbehandlung

Eine Frau mit Kopftuch sitzt neben ihrem Sohn am Krankenbett.
AHMAD GHARABLI/AFP via Getty Images
Am 17. Oktober 2023 sitzt die Palästinenserin Mai Zain Al-Din, Mutter des 8-jährigen Ali Jinainah, der an Krebs leidet, mit ihrem Sohn im Augusta-Victoria-Krankenhaus in Ostjerusalem. Während der Kämpfe zwischen Israel und der palästinensischen Gruppe Hamas war der Zugang aus Gaza zu dem Krankenhaus gesperrt, selbst seit der Waffenruhe gibt es keinen humanitären Korridor.
Gaza – Israel
Wer in Gaza oder der Westbank an Krebs erkrankt und eine Strahlentherapie braucht, kann sie nur in einem kirchlichen Krankenhaus in Ost-Jerusalem bekommen. Für Patienten aus Gaza ist der Weg dorthin aber seit mehr als zwei Jahren versperrt – sogar für Kinder.

Eine Krebsdiagnose muss kein Todesurteil mehr sein. Wer aber in Gaza an Krebs erkrankt, hat heute kaum eine Chance. Nach zwei Jahren Krieg ist das Gesundheitssystem weitgehend zerstört. Schon vor dem Krieg fehlte es an wirksamen Chemotherapien, Zytostatika oder antihormonellen Behandlungen – und Strahlentherapie gab es in Gaza noch nie. Dafür mussten Patientinnen und Patienten ins Augusta Victoria Hospital (AVH) in Ost-Jerusalem kommen. Das vom Lutherischen Weltbund (LWF) getragene Krankenhaus auf dem Ölberg ist bis heute die einzige Einrichtung, die Strahlentherapie für Krebskranke aus den palästinensischen Gebieten anbietet. 

Bis zum 7. Oktober 2023 wurden dorthin regelmäßig Patientinnen und Patienten aus Gaza überwiesen. „Das war ein sehr aufwändiges und kompliziertes System, das sicher nicht perfekt war. Aber wir hatten wenigstens eine Möglichkeit, krebskranke Menschen aus Gaza hier zu behandeln“, sagt Sieglinde Weinbrenner, LWF-Repräsentantin in Jerusalem. Zwischen 30 und 40 Prozent der Patientinnen und Patienten des Krankenhauses kamen aus Gaza, 15 Prozent von ihnen waren Kinder.

Vom Kaiser versprochen

Das Augusta-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg in Ost-Jerusalem wurde 1910 als Hospiz und ...

Für eine erfolgreiche Behandlung sind mehrfache Bestrahlungen in klar definierten Abständen nötig, sie werden in der Regel ambulant gemacht. Das AVH hatte ein System eingerichtet, um das trotz der hohen israelischen Sicherheitsvorgaben für Einreisen zu ermöglichen: Patienten aus Gaza wurden zusammen mit einer Begleitperson für einige Wochen in Hotels in der Nähe des Krankenhauses einquartiert und für jeden Bestrahlungstermin mit Krankenhausbussen hin- und hergefahren. Verlassen durften sie das Hotel nicht – der Passierschein, der sie berechtigte, den Gazastreifen zu verlassen, galt nur für die Behandlung am AVH. Um die Patientinnen und Patienten bei den Formalitäten mit der Verwaltungseinheit des israelischen Verteidigungsministeriums für die besetzten Gebiete zu unterstützen, hatte das Krankenhaus zusätzliches Personal angestellt. 

Selbst an Basismedikamenten fehlt es

Sieglinde Weinbrenner, Repräsentantin des Lutherischen Weltbundes
Doch seit Ausbruch des Krieges ist dieser Weg versperrt. Niemand aus Gaza habe das AVH mehr erreicht, sagt Weinbrenner. Besonders dramatisch sei die Situation für rund 50 Patienten und ihre Begleitpersonen gewesen, die sich in Behandlung befanden und nicht zurück nach Gaza konnten: „Sie waren zwei Jahre lang von ihren Familien getrennt.“ Kinder seien mit einem Elternteil in Jerusalem gewesen, während ihre Geschwister in Gaza unter Bombardierung lebten. „Zwei Jahre waren sie in Hotels untergebracht, die sie nicht verlassen durften“, sagt Weinbrenner, die jeden Monat die Hotelkosten in Höhe von mehreren tausend Schekel begleichen musste. „Das konnten wir nur über Spenden finanzieren, die wir zum Glück dafür bekommen haben“, sagt sie. 

Auch nach der Waffenruhe im Oktober 2025 wurde kein humanitärer Korridor geöffnet. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden seitdem lediglich 235 Patientinnen und Patienten aus Gaza evakuiert, obwohl 16.500 dringend außerhalb behandelt werden müssten, 4000 davon Kinder. Es fehlt an allem, selbst an Schmerzmitteln.

In der Kinderonkologie spielt das AVH eine Schlüsselrolle. „Wir sind die Lebensader für krebskranke Kinder in Gaza“, sagt Khadra Salami, Kinderonkologin am AVH. Diese Lebensader sei abgeschnitten. „Was uns bleibt, sind die täglichen Nachrichten vom einzigen Onkologen in Gaza, der versucht, sowohl für erwachsene Patienten als auch für krebskranke Kinder in Gaza mit so gut wie nichts da zu sein. Selbst an Basismedikamenten fehlt es. Die wichtigsten Chemotherapien stehen nicht mehr zur Verfügung.“ Ärzte müssten zusehen, „wie sich der aggressive Krebs im Körper ungehindert ausbreitet“. Salami berichtet von Kindern, die „nach Monaten des Leidens in den Armen ihrer hilflosen Eltern starben“.

„Das Gesundheitssystem in Gaza ist kollabiert“

Nach Angaben der WHO sind nur noch 18 von ehemals 36 Gesundheitseinrichtungen in Gaza teilweise funktionsfähig. Physicians for Human Rights Israel (PHRI) stellte Anfang Dezember fest: „Das Gesundheitssystem in Gaza ist unter den israelischen Angriffen kollabiert.“ Für über zwei Millionen Menschen stehen nur noch 1950 Krankenhausbetten zur Verfügung – bei rund 171.000 Kriegsverletzten.

Autorin

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.

PHRI drängt auf praktikable Lösungen. Evakuierungen nach Ägypten seien keine Alternative, weil das dortige Gesundheitssystem dies nicht leisten könne, westliche Länder stellten hohe Visahürden, und der Transport auf den kaputten Straßen innerhalb Gazas, wo zudem nach wie vor geschossen wird, sei lebensgefährlich. Dabei gebe es eine naheliegende Lösung „nur 70 bis 80 Kilometer von Gaza entfernt“: das East Jerusalem Hospital Network (EJHN), ein Verbund von sechs voll ausgestatteten Krankenhäusern in Ost-Jerusalem, zu dem auch das AVH gehört.

Patienten im Park vor dem Augusta Victoria Hospital auf dem Ölberg in Jerusalem.

„Die Wiedereröffnung des humanitären Korridors nach Ost-Jerusalem ist eine dringende humanitäre Notwendigkeit“, schreibt PHRI. Sie sei „der einzig gangbare und unmittelbare Weg, um Leben zu retten“. Das AVH sei sofort aufnahmefähig. Weinbrenner bestätigt dies: „Die onkologische Abteilung ist weiterhin voll funktionsfähig und hat die Kapazität, bis zu 50 neue Patienten pro Tag zu behandeln.“ Auch die Finanzierung sei gesichert; Deutschland und andere Staaten hätten bereits im September 2025 Unterstützung zugesagt.

Doch bislang fehlt der politische Wille der israelischen Behörden. Hoffnung setzen AVH und PHRI nun auf westliche Regierungen, darunter die Bundesregierung. Sie sollen ihren Einfluss nutzen, um die israelische Regierung zu bewegen, den humanitären Korridor endlich wieder zu öffnen.

Unterstützung kommt auch von den Kirchen Jerusalems. Mitte Dezember baten die 13 Patriarchen und Kirchenführer gemeinsam Israel, wenigstens krebskranke Kinder aus Gaza ausreisen zu lassen. 

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