Wer Frieden im Ostkongo will, muss die Umwelt schützen

Eine Geflohene aus dem Ostkongo in einem bunten Kleid pflückt auf einem Feld im Gebiet Nyiragongo grünen Blattamaranth.
Fidèle Kitsa
Eine Frau erntet Amarant in ­Mukondo im Gebiet Nyiragongo. Hierhin sind viele Menschen aus anderen Teilen des Ostkongos geflohen – auch weil Klima- und Umwelt­verschlechterungen die Landwirtschaft schädigen.
Friedensarbeit
Der Klimawandel heizt den Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo weiter an. Mehrere Initiativen wollen mit Umweltschutz verfeindete Gruppen zum Nutzen aller zusammenbringen und so Frieden fördern.

Seit Jahrzehnten wird der Osten der Demokratischen Republik Kongo von Gewalt heimgesucht. Tote, große Vertreibungen und Zerstörungen sind an der Tagesordnung. Hauptgründe dafür sind Begierden der Nachbarstaaten nach den Bodenschätzen im Kongo, die Schwäche des kongolesischen Staates, die zahlreichen lokalen und ausländischen bewaffneten Gruppen sowie Spannungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften.

Doch seit einiger Zeit wirkt sich auch die Klimaveränderung immer stärker auf die Konflikte in den Provinzen Nord-Kivu und Süd-Kivu aus. Familien verlassen aufgrund von Überschwemmungen oder ausgelaugter Böden ihre Dörfer und siedeln sich in anderen Gebieten an. In dieser Gegend hängen Versorgung, Einkommen und Beschäftigung eines Großteils der Bevölkerung stark von Gütern und Leistungen des Ökosystems ab, insbesondere von Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung.

Die Bauern sehen bereits vielfältige und vielschichtige Auswirkungen des Klimawandels: Neue Schädlinge führen zu beträchtlichen Ernteeinbußen, die Böden verlieren an Ertragskraft, Überschwemmungen verzögern den Beginn der landwirtschaftlichen Saison. Die Gemeinschaften versuchen, dem mit Anpassungsstrategien zu begegnen, die je nach Ort variieren. Eine ist oft Migration, und die hat Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt und die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften.

Emmanuel Bahati musste immer wieder fliehen

Autor

Fidèle Kitsa

ist Journalist und lebt in Goma.

Emmanuel Bahati zum Beispiel lebte in Süd-Kivu, bis er im Mai 2023 infolge von Überschwemmungen in die Nachbarprovinz Nord-Kivu übersiedelte. Dort lebte er vom Verkauf von Holzkohle, Makala genannt. „Bei den Überschwemmungen habe ich Angehörige verloren, mein gesamtes Hab und Gut wurde fortgespült“, erzählt er. „Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte, und habe mich entschlossen, mich in einem Dorf im Territorium Nyiragongo anzusiedeln. Ich bekam dort Probleme mit Milizen, weil ich Holz schlug, um Makala zu produzieren. Unterwegs bin ich oft bewaffneten Banditen begegnet, die mir das Geld abnehmen wollten, das ich mit dem Verkauf verdient hatte. Einige Monate später fing der Krieg mit der M23-Miliz an, und ich bin Richtung Goma geflohen.“

Holzfäller im Gebiet Nyiragongo im Ostkongo 2023. Mit der Herstellung von Holzkohle überleben hier viele, die vor der M23-Miliz geflohen sind; so führt der Krieg zu weiterer Umweltzerstörung.

Ntakubajira Mufubani ist es ähnlich ergangen, einer Witwe, die aus Walungu in Süd-Kivu stammt und mit ihrer kleinen Familie seit sieben Jahren im Norden von Goma lebt. Die Bodendegradation hat sie aus ihrer Heimat vertrieben. „Ich bin vor dem Hunger geflohen“, sagt sie. „In Walungu haben wir die Felder bestellt, doch die Ernten waren schlecht. Dann ist der Krieg gekommen und hat alles noch schlimmer gemacht. Hier im Territorium Nyi­ragongo habe ich mich in der Gemeinschaft eingelebt, auch wenn es nicht mein Zuhause ist. Wir bauen Kohl, Bohnen, Amarant und anderes an. In Walungu hatte ich Maniok, Bohnen und Süßkartoffeln, aber der Boden war dafür nicht gut“, erzählt Ntakubajira.

Soziale Probleme durch die Wanderungsbewegungen

Solche Wanderungsbewegungen scheinen normal zu sein, aber sie führen vor allem in den ärmeren Gemeinschaften von Nord-Kivu zu Problemen, berichtet Justin Mutabesha, ein Klimaaktivist und Mitglied der Vereinigung junger Visionäre für die Entwicklung des Kongos (AJVDC). Konflikte zwischen Bauern und Viehzüchtern haben stark zugenommen und sich auch bereits in Gewalt entladen, mancherorts wurde Vieh gestohlen oder gewaltsam am Weg zu den Weiden gehindert.

Kriege können stark zu Umweltzerstörung beitragen und ein Gebiet infolge von Vertreibung, Entwaldung und verstärkter Urbanisierung für die Folgen des Klimawandels anfälliger machen. Umgekehrt treffen klimabedingte Umweltschäden die Menschen dort besonders hart.
„Manche Familien haben ihre Heimatregion verlassen und sich in und um Goma herum niedergelassen, weil ihre Felder absolut nichts mehr hergaben. Bei ihrer Ankunft treffen sie auf schon lange ansässige Gemeinschaften, und daraus ergeben sich Konflikte. Das erleichtert es bewaffneten Gruppen, Kämpfer zu rekrutieren, und Vertreibungen nehmen zu“, erklärt Justin Mutabesha.

Isaac Mastaki ist Gründer und Leiter von Most Inclusive Connect, einer Organisation mit Sitz in Goma, die mit Jugendarbeit Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern möchte. Er sagt: „Der Klimawandel wirkt wie ein Multiplikator für Bedrohungen. Er verstärkt bereits bestehende Spannungen in Teilen der Provinz und bringt Menschen dazu, in die fruchtbareren Regionen zu ziehen. Das kann die Konkurrenz um die Nutzung von Äckern und Weideflächen verstärken.“ Nach seiner Einschätzung treffen „die klimabedingten Wanderungsbewegungen, die aus der Not entstehende Urbanisierung sowie Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdrutsche häufig Menschen, die bereits in einer prekären Lage sind. Sie werden dadurch empfänglicher für die Rekrutierungsversuche bewaffneter Gruppen.“

Umweltzerstörung und Kriegsökonomie sind direkt verbunden

Die Umweltschäden machen außerdem Rohstoffe wie Holz teurer. In Ortschaften an Flüssen und Seen, die von Milizen kontrolliert werden, werden zum Beispiel Fischern für den Zugang enorm hohe Abgaben abgepresst. Bewaffnete Gruppen beuten auch Ressourcen illegal aus, nicht zuletzt mit der Produktion von Holzkohle im Nationalpark Virunga. So entsteht eine direkte Verbindung zwischen Umweltzerstörung und Kriegsökonomie

Dem Klimaaktivisten John Katikomo, der zur Organisation Enable the Disabled Action und zum Jugend-Beratungsgremium der Afrikanischen Union zu Katastrophenvorsorge gehört, bereiten die Bevölkerungsbewegungen infolge des Klimawandels Sorge. „Aber auch Kriege können zum Klimawandel beitragen: Sie vertreiben Menschen, die sich dann beispielsweise in den Naturparks konzentrieren. Dort leiden sie Mangel, besonders an Energie und Baumaterial, und sind gezwungen, in geschützten Gebieten Bäume zu fällen“, betont er. Dies hat weitere Klimaänderungen zur Folge und verschärft die Konflikte und Spannungen zwischen den neuen Nutzern, lokalen Gemeinden und staatlichen wie nichtstaatlichen Stellen, die sich für Schutz und Erhalt der Natur einsetzen.

Crispin Ngakani, die Programme der Organisation Aid Life Learn Environment leitet, sieht im Management von Bergwerken, Naturparks und Wäldern ein weiteres Umweltproblem, das die Konflikte im Osten des Landes beeinflusst. „Im Bergwerk Rubaya, wo Coltan abgebaut wird, einer der wichtigsten Rohstoffe für die Energiewende, haben Erdrutsche und Überschwemmungen zahlreiche Menschen­leben gefordert. Daraus entstehen starke Spannungen zwischen den lokalen Gemeinschaften und der Regierung.“

„Wer zusammenarbeitet, bekämpft sich nicht“

Laut Baraka Mugisho, einem Umweltaktivisten der von Papst Franziskus inspirierten Bewegung Laudato si’, kann es ohne gesunde Umwelt keine Entwicklung geben: „Frieden ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein Land entwickeln kann. Aber nur wenn die Entwaldung, die Wilderei, die Verschlechterung der Böden und das Missmanagement der natürlichen Rohstoffe aufhören, ist eine dauerhafte Rückkehr zum Frieden möglich.“

Umweltschutz erlaubt es, die tieferen Ursachen der Konflikte anzugehen, indem er die Konkurrenz um Ressourcen verringert und eine nachhaltigere Bewirtschaftung von Land und Wasser ermöglicht. Das verringert auch Spannungen zwischen Bauern und Viehzüchtern. Umweltschutz begünstigt zudem das Entstehen grüner Arbeitsplätze und von Tourismus, der jungen Menschen Chancen eröffnet und sie weniger anfällig dafür macht, sich an Kämpfen zu beteiligen.

Und er stärkt den sozialen Zusammenhalt. Wenn eine gespaltene Gemeinschaft bei bestimmten Aufgaben zusammenarbeiten muss, dann kann das verfeindete Gemeinden wieder zusammenführen. Simon Pierre Alisa von der Organisation EcoD Grands Lacs ist überzeugt: „Umweltmaßnahmen können den Frieden fördern. Sie finden stets in Zusammenarbeit mit anderen statt; das bringt Menschen und Energien zusammen und schafft Zusammenhalt, der Frieden bringt. Wer zusammenarbeitet, bekämpft sich nicht.“

Mit Umweltaktionen gegen Desinformation

In der Provinz Nord-Kivu gibt es immer mehr Ini­tiativen, die mit Umweltaktionen das friedliche Zusammenleben fördern wollen. Dazu gehören Wiederaufforstungen und Kampagnen zur Umweltbildung und gegen Entwaldung in Schulen, an Universitäten, auf Märkten, an öffentlichen Orten und in Parks. Auch Radiosendungen und sogar Protestdemonstrationen dazu haben zugenommen. Ein Beispiel ist Mazingira Fact Check, ein Programm der Organisation Afrika Mazingira, das Gemeinden im Kampf gegen Umweltdesinformation sensibilisiert und schult. 

Desinformation über die Umwelt kommt von verschiedenen Seiten, auch von Rebellengruppen. Wilderer verbreiten in der Bevölkerung die Ansicht, Wildtiere seien im Grunde wie Haustiere und man müsse für sie Bäume fällen. Andere sagen, es sei in Ordnung, dort Holz einzuschlagen, der Park gehöre schließlich allen und sei nicht Eigentum des kongolesischen Instituts für Naturschutz. Wilderer und bewaffnete Gruppen, die sich im geschützten Gebiet verstecken, haben bereits Ranger getötet. „Wir haben festgestellt, dass Falschinformationen über die Umwelt Unruhe in den Gemeinschaften säen, sie spalten und Umweltzerstörungen fördern. Deshalb organisieren wir Sensibilisierungsveranstaltungen und Workshops, in die wir die Gemeinschaften einbeziehen, um der Desinformation zu Umweltfragen etwas entgegenzusetzen“, erklärt Félicité Kavira von Afrika Mazingira.

Justin Mutabesha betreut zurzeit 60 Frauen im Dorf Mukondo 2 im Territorium Nyiragongo bei Vorhaben, die mit Umweltschutz Resilienz fördern. Das Programm dazu trägt den Namen Grüne Brigade. „Wir bringen mit auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Landwirtschaftsaktivitäten Gemeinschaften unterschiedlichster Herkunft und Sprache zusammen. Mit der Grünen Brigade informieren wir über den Klimawandel und zeigen den Menschen, was sie selbst dagegen unternehmen können. Das ist Umweltbildung – auch wenn wir Opfer des Klimawandels und nicht dessen Verursacher sind“, fügt Justin hinzu.

Brennmaterial aus Haushaltsabfällen, Recycling und Gewaltfreiheit

John Katokomo hat im Jahr 2024 für Enable the Disabled ein Programm für die Herstellung von ökologischem Brennmaterial aus Haushaltsabfällen und für bessere Kochstellen geleitet. Das Bildungsprojekt wandte sich gezielt an Kriegsflüchtlinge, „denn sie befanden sich in einer schwierigen Lage; sie mussten lernen, wie sie Material zum Kochen beschaffen können, ohne die Umwelt zu belasten, wie sie finanziell unabhängig werden und wie sie gegen Entwaldung vorgehen können. Nach ihrer Rückkehr aus den Lagern hören wir von einigen, dass sie das Gelernte weiter anwenden und an andere weitergeben.“

Im Rahmen ihres Programms Green Peace Academy regt die Organisation Most Inclusive Connect Schüler und Schülerinnen an, Botschafter für Frieden und Klimaschutz zu werden. „Dieses Programm verbindet Umwelterziehung und Vermittlung von Gewaltfreiheit mit praktischen Bürgerinitiativen wie Abfallmanagement in Schulen, Recycling und Baumpflanzungen. Mit unseren Veranstaltungen in Schulen wollen wir die Jugendlichen anregen, zu Akteuren des positiven Wandels ihrer Gemeinschaften zu werden“, erklärt Isaac Mastaki.

Klimaschutzmaßnahmen gehen uns alle an, denn schließlich bleibt niemand vom Klimawandel verschont, argumentieren Verteidiger der Natur. Sie setzen sich für die Förderung des Friedens ein, um die Umwelt zu schützen. Denn das, so sind sie überzeugt, ist eine wichtige Voraussetzung des Friedens.

Aus dem Französischen von Thomas Wollermann.

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erschienen in Ausgabe 3 / 2026: Extremes Wetter, mehr Gewalt?
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