Der Klimawandel gilt zunehmend als Sicherheitsproblem. Das ist er zweifellos, wenn man vom Begriff der „menschlichen Sicherheit“ ausgeht: Danach gefährden nicht nur Krieg und Bürgerkrieg ein würdiges und sicheres Leben, sondern auch zum Beispiel Armut und Hunger, neue Krankheitserreger oder Umweltverschlechterungen, die zu Migration zwingen. Zu all dem trägt in vielen Regionen die von Menschen verursachte Änderung des Erdklimas zunehmend bei.
Aber gefährdet sie auch Sicherheit im engeren Sinn? Erhöht der Klimawandel das Risiko von Kriegen und Bürgerkriegen? Davon ging schon 2007 der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon aus: Er sah im Klimawandel eine der Ursachen des grausamen Bürgerkrieges in Darfur im Sudan seit 2003. Seitdem hat der UN-Sicherheitsrat, der in den UN die Hauptverantwortung für den Erhalt des Weltfriedens hat, mehrmals den Zusammenhang von Klima, Frieden und Sicherheit behandelt. Und die Europäische Kommission geht von einem „Nexus Klima und Sicherheit“ aus und erwartet, dass der Klimawandel neben Migrationsströmen auch politische Instabilität in vielen Ländern bewirkt.
Fachleute sind jedoch skeptisch, ob Klimaänderungen bisher nennenswert zum Ausbruch von Kriegen beitragen. Für den Fall Darfur gilt das jedenfalls nicht, sagt Hassan Alattar Satti, der zum Umgang mit Naturressourcen und Konflikten im Sudan forscht. Die These stamme vom damaligen Diktator des Sudans, Omar al-Bashir: „Um von der eigenen Verantwortung abzulenken, hat er die Kriegsgründe auf Konflikte zwischen Hirten und Bauern reduziert, die er auf den Klimawandel, Dürre und Desertifikation zurückführte. Aber der Krieg begann mit Angriffen von Rebellen aus Darfur auf staatliche Einrichtungen dort. Sie klagten über politische und wirtschaftliche Benachteiligung der Region; das hat mit Klima nichts zu tun.“ Es stimme auch nicht, dass die durchschnittliche Regenmenge in Darfur gesunken sei: „Langfristige Datenreihen zeigen, dass sie nicht abgenommen hat, sondern die Variabilität sowie die durchschnittliche Temperatur haben zugenommen.“
Die Wirkungsketten bis hin zu Gewaltausbrüchen sind komplex
Aber können Klimaänderungen Kriege mit verursachen? „Das hängt davon ab, was wir mit Verursachung meinen“, sagt der Friedensforscher Tobias Ide von der TU Darmstadt und vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main. Wenn es heißt, dass ein Krieg ohne Klimawandel nicht ausgebrochen wäre, „dann hat es noch keine Klimakriege gegeben und wird sie auch so schnell nicht geben“. Auch im oft genannten Fall Syriens wäre der Bürgerkrieg 2011 „auch ohne die Dürre ausgebrochen“ (siehe Kasten).
Syrien: Kein Krieg infolge von Dürre
Der Krieg in Syrien seit 2011 gilt als Lackmustest für die Theorie, dass der Klimawandel Kriege mit verursachen kann. Die These lautet laut dem Konfliktforscher Tobias Ide, dass er das folgendermaßen bewirkt hat ...
Doch Klimafolgen können das Risiko von Gewaltausbrüchen innerhalb von Staaten erhöhen. Wie und wann genau, ist schwierig herauszufinden, sagt Ide: Dazu muss man erstens zeigen, dass eine Dürre oder Flut auf den Klimawandel zurückgeht – es gab so etwas ja auch vorher.“ Zweitens ist dann noch nicht gesagt, ob solche Klimafolgen Gewaltkonflikte beeinflussen. „Die haben viele Gründe, vor allem politische und ökonomische“; die Frage sei, „welche Rolle der Klimawandel in komplexen Wirkungsketten spielt, die am Ende zu Gewalt führen.“
Drei Faktoren, die vorhandene Gewaltrisiken verschärfen
Ide hat 2020 mit Kollegen statistisch untersucht, ob in den Wochen nach klimabedingten Katastrophen öfter als sonst Gewaltkonflikte aufgebrochen sind. Insgesamt war das nicht der Fall, aber in einer Untergruppe von Ländern mit großer Bevölkerung, niedrigem Entwicklungsstand und marginalisierten ethnischen Gruppen war die Wahrscheinlichkeit tatsächlich erhöht. Hier, so Ide, können Auswirkungen des Klimawandels Gewaltrisiken verschärfen, die schon da sind.
Autor
Die größte Kriegsgefahr besteht zwar in Ländern, die in naher Vergangenheit einen Krieg erlebt haben; das ist unabhängig vom Klima. „Es gibt aber einige Faktoren, die Länder anfälliger für speziell klimabedingte Konfliktrisiken machen“, sagt Ide. „Der erste ist eine hohe Abhängigkeit von Landwirtschaft, denn Klimaänderungen untergraben diese Lebensgrundlagen.“ Der zweite ist, dass bedeutende ethnische Gruppen, die gut gegen den Staat mobilisieren können, politisch ausgeschlossen werden. „Der dritte Faktor ist ein niedriger Stand der menschlichen Entwicklung. Solche Länder können sich nicht gut an Wetterextreme anpassen und haben wenig Mittel, Gewaltkonflikten vorzubeugen oder sie zu unterdrücken.“
Sahelzone: Besonders hohe Gefahr von klimabedingter Gewalt
Vor allem arme Länder Afrikas zeigen alle drei Merkmale zusammen. Betroffen sind auch Teile des Nahen Ostens und Süd- und Südostasiens – etwa Afghanistan, der Jemen und Myanmar – sowie einige Gebiete Lateinamerikas wie Haiti. Am größten ist die Gefahr von klimabedingter Gewalt laut Ide jedoch in der Sahelzone südlich der Sahara.
Dort beobachtet Abbé Emmanuel Koné von der Caritas Mali, dass größere Hitze auftritt als früher und Niederschlagsmuster kaum mehr vorhersehbar sind: „Dürren wechseln ab mit kurzen Starkregen, die nicht mehr in den Boden eindringen können.“ Das sind sehr wahrscheinlich Folgen des Klimawandels. Und „die Hauptursache von Konflikten zwischen Gemeinden in Mali ist Landknappheit“, sagt Koné. Die ist teilweise eine Folge der Bodendegradation, aber auch des Bevölkerungswachstums: „Die Familien werden größer, die Äcker wachsen nicht mit.“
Im Sudan ist, was wie ein Klimakonflikt aussieht, vor allem ein lokaler Streit um Land und dessen Wasser, sagt Alattar. Doch die Knappheit werde hier politisch erzeugt: Aufeinander folgende Regierungen haben seit den 1970er Jahren, auch auf Druck der Weltbank, mechanisierte Großfarmen gefördert, die Weideland vereinnahmen, Waldgebiete zerstören und traditionelle Zugangsrechte missachten. Wenn Wasserstellen trockenfallen, haben nun Hirten keinen Zugang mehr zum Land der Farmen und konkurrieren mit armen Kleinbauern. „Das Problem im Sudan ist nicht, dass es zu wenig Land oder Wasser gibt, sondern dass es Gemeinschaften weggenommen und wenigen Einzelnen gegeben wird“ – bis heute, betont Alattar.
Irak: Streitigkeiten über die Wasseraufteilung
Im Irak hängt die Landwirtschaft, anders als in Mali und im Sudan, von künstlicher Bewässerung ab. Sie verzeichnet schon große Klimaschäden. Die gefährlichste ist noch größerer Wassermangel, sagt Ammar Zakri, der Berater für Klimasicherheit bei der Organisation Peace Paradigms ist. „Zum Mangel tragen aber viele Faktoren bei“, sagt er: mehr Dürren, aber auch dass die Türkei und der Iran „mehr und mehr Dämme gebaut haben, die den Wasserfluss in den Irak kontrollieren“. Rund 70 Prozent des irakischen Flusswassers kommen von dort. Technische Mängel der Infrastruktur sowie Korruption und Nepotismus verschlimmern die Knappheit. Zudem sind die Zuständigkeiten für Wasser zwischen Zentralregierung und Provinzen verteilt, „so dass die Eliten untereinander streiten“, sagt Zakri.
Zu Konflikten über die Wasseraufteilung trägt die schlechte Stromversorgung bei, erklärt Zakri: Im Irak ist geregelt, wer wann Wasser auf seine Felder pumpen darf – zum Beispiel an zwei Stunden pro Woche. „Aber es passiert oft, dass es in diesen zwei Stunden keinen Strom gibt. Den Dieselgenerator zu nutzen, macht die Ernte teurer. Daher pumpst du zu Zeiten, an denen du nicht dran bist.“ Flussabwärts bekommen dann, wenn das Wasser insgesamt weniger wird, die Bauern weniger ab. Wegen Streit über Wasser wurden in Hataniya, nördlich von Bagdad, schon Menschen getötet, sagt Zakri. „Wenn du meine Wasserrechte verletzt und meine Ernte verdorrt, verletzt du meine Ehre. Die muss ich verteidigen.“
Wenn der Regen ausbleibt: Mehr Konflikte, aber auch mehr Kooperation
Konkurrenz um lokale Ressourcen führt aber nicht automatisch zu Gewalt. Früher haben im Sudan Hirten- und Bauerngemeinschaften sich untereinander arrangiert und so auch Schwankungen des Regenfalls bewältigt, sagt Alattar. Erst die staatliche Landpolitik habe das untergraben. „Doch ich habe viel in Darfur gearbeitet und dort immer noch großes Potenzial für die Kooperation verschiedener Gruppen beim Management von Naturressourcen und bei Klimaanpassung gefunden.“ Laut Tobias Ide haben Gemeinschaften auch einen starken Anreiz, sich gerade wegen einer Dürre nicht zu bekämpfen: Das würde die wenigen verbliebenen Wasserstellen für alle unsicher machen.
Soziale und politische Rahmenbedingungen sind entscheidend dafür, ob Klimaänderungen die Gefahr lokaler Streitigkeiten erhöhen. Das tun sie, indem sie Unzufriedenheit schaffen – zum Beispiel, wenn nach einer Dürre die Nahrungspreise steigen und Bauernfamilien ihre Lebensgrundlage verlieren oder wenn nach Flutschäden Hilfe ausbleibt. „Diesen relativ direkten Zusammenhang beobachten wir aber eher bei kleinskaligen Konflikten“, sagt Tobias Ide. Die Wirkungskette spiele für Brotpreisrevolten oder Gewalt zwischen Hirten und Bauern im Sahel eine Rolle, aber kaum für Bürgerkriege oder politische Gewalt im großen Maßstab wie den Dschihadismus im Sahel. Auch nicht für den Bürgerkrieg seit 2023 im Sudan, sagt Alattar: „Der Krieg wird von Eliteninteressen angetrieben, nicht von lokalen Gruppen.“
Rebellengruppen erstarken, wenn die Lebensgrundlage fehlt
Dennoch können Folgen des Klimawandels das Risiko von regelrechten Bürgerkriegen erhöhen – jedoch vornehmlich über eine ganz andere Wirkungskette, erklärt Ide: Sie schaffen für Rebellengruppen Gelegenheiten, zu erstarken und besonders Kämpfer zu rekrutieren. „Es gibt in vielen Gegenden Gruppen, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen würden, wenn sie das könnten“, erläutert er. „Sie bieten ihren Mitgliedern Vorteile wie ein Gehalt, das Recht zu plündern, Versorgung für Hinterbliebene oder in Nigeria und Mali auch das Recht, ohne Brautpreis zu heiraten. Sich solchen Gruppen anzuschließen, ist aber sehr gefährlich. Wer eine relativ sichere Lebensgrundlage hat, schreckt in der Regel davor zurück. Wenn aber Fluten, Dürren oder höhere Nahrungspreise die Lebensgrundlage untergraben, fragen sich viele, ob es das Risiko nicht vielleicht doch wert ist.“
Zudem können Klimafolgen es Staaten erschweren, Steuern zu erheben, Polizei und Justiz zu unterhalten und soziale Dienste oder Nothilfe zu leisten. Auch das bietet Gelegenheit für Rebellen, in die Bresche zu springen, Ansehen zu gewinnen und zu rekrutieren.
Eine Fallstudie unter Pastoralisten in Nordkenia betont die Schäden für Selbstachtung und soziale Normen: Wenn fast alle Nomaden in einer Dürre ihr Vieh verlieren, können sie nicht mehr einander in der Not helfen. Sie erleben das als Verlust ihrer Würde, ein Grundpfeiler ihrer sozialen Ordnung bricht weg, der Respekt für die Ältesten und deren Rolle als Konfliktschlichter wird untergraben. Dadurch wird die islamistische Terrorgruppe al-Shabaab im benachbarten Somalia mit ihrer alternativen Ordnungsvorstellung unter jungen Pastoralisten attraktiver und findet leichter neue Kämpfer.
Migration: Wegziehen müssen, aber nicht mehr können
Auch Migration kann Milizen das Geschäft erleichtern, aber ihre Wirkung ist ambivalent. „In Syrien, Bangladesch und Indien führen Krisen in der Landwirtschaft dazu, dass Gruppen in Städte abwandern und dort, wenn sie keinen Anschluss finden, anfälliger für die Werbung bewaffneter Gruppen sind. Es gibt auch Beispiele, dass sie stärker an Protesten teilnehmen“, erklärt Ide. „Gleichzeitig ist Migration aber ein ganz wichtiger Anpassungsmechanismus“, sagt er. „Wenn Agrarerträge sinken, schicken Haushalte Mitglieder zum Arbeiten in Städte. Das hilft, Klimarisiken abzufedern und Konfliktrisiken zu verringern.“ Die gleiche Wirkung hat internationale Arbeitsmigration; sie einzuschränken, verringert die Möglichkeiten zur Klimaanpassung im Süden und vergrößert dort Konfliktrisiken.
Zudem führt der Klimawandel in manchen Gebieten zu Hitze, unter der man nicht mehr im Freien arbeiten kann, und damit zu Abwanderung. „Im Südirak ist in manchen Gebieten die Hitze so unerträglich, dass man keine Landwirtschaft mehr treiben kann. Die Leute wandern ab; wenn man nicht für Ölfirmen dort arbeitet, gibt es keinen Grund, zu bleiben“, sagt Zakri.
Laut Ide werden Klimafolgen trotzdem kaum massenhaft Menschen in den globalen Norden treiben. Er fürchtet vielmehr, dass zu viele bleiben müssen, wo man kaum noch leben kann. „Haushalte versuchen immer zuerst, sich anzupassen“, sagt er. „Im ersten Jahr einer Dürre werden die Kinder aus der Schule genommen, um mitzuarbeiten. Im zweiten Jahr werden ein paar Ochsen oder Hühner verkauft oder Schulden aufgenommen. Wenn sie im dritten Jahr feststellen, dass sie migrieren müssten, haben sie nicht mehr das Geld dafür. Dann entstehen sogenannte gefangene Bevölkerungsgruppen, die wegziehen müssten, aber nicht mehr können. Das ist in Landgebieten in Afrika und im Nahen Osten kein unwahrscheinliches Szenario.“
Ernährungssicherung, Katastrophenvorbeugung und Friedensförderung verbinden
Wie kann man solchen klimabedingten Gewaltrisiken im globalen Süden entgegenwirken? Das Wichtigste wäre natürlich, einerseits den Klimawandel zu bremsen, indem Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt werden, und andererseits Kriegstreibern entgegenzutreten. Aber auch mit den bescheideneren Mitteln der Entwicklungspolitik kann man etwas bewirken, wenn man lokale Klimaanpassung und Friedensförderung verbindet und dabei den am Ort Betroffenen eine Führungsrolle überlässt.
So leitet Abbé Kone im Zentrum Malis Projekte, die Ernährungssicherung, Katastrophenvorbeugung und Friedensförderung verbinden – etwa mit Saatgutspeichern, Aufforstung und Friedenskomitees. Im Nordirak hat die Berghof-Stiftung mit Hilfe von Peace Paradigms Gruppen zusammengebracht, die unter Wassermangel leiden, und dabei Imame, Stammesführer und Lokalbehörden einbezogen. „Wir arbeiten an einem gemeinsamen Netzwerk zu Trinkwasser“, sagt Ammar Zakri. Gleichzeitig muss die Landwirtschaft angepasst werden: „In einem anderen Gebiet des Nordiraks wird jetzt Safran statt Reis angebaut, die Ernte hat ungefähr denselben Marktwert.“
Nicht zuletzt muss man dafür sorgen, dass Projekte aus reichen Ländern nicht Konfliktrisiken noch vergrößern. Zum Beispiel schränken manche Aufforstungen im Süden den Landzugang von Hirtengemeinschaften weiter ein. Die EU warnt, dass der Abbau der für die Energiewende nötigen Rohstoffe – die sie selbst nachfragt – auf Kosten der Landrechte von einheimischen Gruppen gehen und damit Konflikte anheizen kann. Nicht nur der Klimawandel kann also Gewaltrisiken erhöhen, sondern auch Klimaschutz ohne Rücksicht auf lokale Gemeinschaften, die weder Macht noch eine Lobby haben.
Neuen Kommentar hinzufügen