Herr Nkem, wie wirkt der Klimawandel auf die Sicherheitslage im Südsudan?
Der Klimawandel ist im Südsudan deutlich zu spüren. Wetterextreme häufen sich. Seit 2019 zum Beispiel gibt es praktisch jährlich Überflutungen. Davor gab es zuletzt in den Jahren 1960 bis 1962 große Überschwemmungen. Das gefährdet die Lebensgrundlagen vieler Menschen in einem Land wie Südsudan, in dem es an vielen Stellen an Kapazitäten mangelt, auf den Wandel zu reagieren. Rund 90 Prozent der Südsudanesen leben auf dem und vom Land, und ihre Lebensgrundlage wird durch Wetterextreme zerstört. Gemeinschaften geraten dadurch unter Stress, was wiederum dazu führt, dass sie leichter in Konflikt miteinander geraten. Hinzu kommt, dass sich als Folge des Klimawandels in einigen Regionen des Landes die Zeiten verschieben, in denen Bauern ihre Felder bepflanzen. Dadurch überschneidet sich der Anbau stärker mit den Zeiten, in denen nomadisch lebende Viehhirten ihre Tiere auf die Weiden schicken. Das sorgt für Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten.
Wie wirken sich Überschwemmungen auf die Sicherheit aus?
Sie zerstören Ernten und vertreiben die Menschen von ihrem Land. Vor allem wegen der Überflutungen seit 2019 ist der Sudd im Norden des Landes, eines der größten Feuchtgebiete der Welt, um mehr als 20 Prozent gewachsen. Das heißt, vormals trockenes Land ist nun dauerhaft überschwemmt und damit verloren für die Menschen, die früher darauf gelebt haben. Sie müssen also woanders hingehen und das führt dann zu Landkonflikten mit anderen Gemeinden. Hinzu kommen Konflikte zwischen Viehhirten, weil das Weideland knapper wird.
Wie passen sich die Menschen dieser Lage an, und wie unterstützt UNMISS sie dabei?
Die Abstände zwischen Überschwemmungen sind mittlerweile so kurz, dass die Menschen sich dem kaum noch mit Hilfe ihrer traditionellen Strategien und ihres überkommenen Wissens anpassen können. Sobald sie sich von einem Wetterextrem erholt haben, schlägt schon das nächste zu. Sie haben praktisch keine Zeit, sich dem wirklich anzupassen. Was sie brauchen, ist eine Rettungsleine, um überhaupt wieder zu Atem und auf die Füße zu kommen. Deshalb werden langfristig und strategisch gedachte humanitäre Aktivitäten in der Arbeit von UNMISS zunehmend wichtig. Für die Mission ist das eine zusätzliche Aufgabe. In der Praxis heißt das, dass wir die Menschen vor Gewalt schützen sollen, ihnen zugleich aber auch in Notsituationen helfen müssen.
Können Sie ein Beispiel geben?
In der Stadt Bentiu im Norden des Südsudans gibt es ein Camp für intern Vertriebene, IDPs, das überschwemmt zu werden drohte. Also hat UNMISS schnell Kräfte mobilisiert, um den Bau von Deichen zu unterstützen. Die Alternative wäre gewesen, mehr als 200.000 Menschen zu evakuieren – eine gigantische Aufgabe. Das heißt nicht, dass aus der Peacekeeping-Mission UNMISS eine humanitäre Mission wird. Wir sind lediglich an der Schnittstelle tätig, wo als Folge des Klimawandels die Lebensgrundlagen und die Sicherheit der Menschen bedroht sind. Dabei kooperieren wir eng mit den im Südsudan tätigen humanitären Organisationen.
Müssen UNMISS-Blauhelme aufgrund dieser neuen Aufgaben andere Qualifikationen mitbringen als früher?
Nein, das kann man so nicht sagen. Es geht vor allem darum, Polizisten und Soldaten dafür zu sensibilisieren, wie der Klimawandel die Sicherheitslage verändert und wie sie vor diesem Hintergrund ihrer Verantwortung gerecht werden können, die Zivilbevölkerung zu schützen. Außerdem waren bei UNMISS von Beginn an auch militärische Ingenieure tätig, da nach der Unabhängigkeit des Landes der Bedarf an Unterstützung für den Wiederaufbau der Infrastruktur riesig war. So war zum Beispiel die Instandhaltung von Straßen von Beginn an Teil des Mandats von UNMISS. Seit 2019 kommen zusätzlich die Auswirkungen des Klimawandels als Herausforderung hinzu. So haben etwa pakistanische Peacekeeper Großartiges beim Bau und Erhalt von Deichen in Bentiu geleistet.
UNMISS ist die erste UN-Blauhelmmission, in der der Umgang mit sicherheitsrelevanten Folgen des Klimawandels Teil des Mandats ist. Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Eine Lehre ist, dass diese Folgen immer mitgedacht werden müssen, bei allem, was wir tun. Es muss fester Bestandteil aller Verfahren werden. Wir müssen verstehen, wie Klimaveränderungen die Sicherheitslage und Konfliktszenarien in verschiedenen Jahreszeiten verändern. So hat sich unsere Einsatzplanung für die Regenzeiten aufgrund der häufigen Überschwemmungen stark verändert; wir müssen uns anders darauf vorbereiten als früher.
Sollte die Berücksichtigung des Klimawandels künftig obligatorisch zum Mandat von Peacekeeping-Missionen gehören?
Obligatorisch ist ein zu starkes Wort. Zum einen ist das ja eine politische Entscheidung, zum anderen unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen verschiedener Friedensmissionen.
Das Budget von UNMISS wurde im vergangenen Jahr stark gekürzt. Wie wirkt sich das auf die Mission und insbesondere auf den Umgang mit den Folgen des Klimawandels aus?
Nun ja, ohne Geld geht es nicht. Deshalb liegt es auf der Hand, dass Kürzungen sich auf unsere Arbeit auswirken.
Widmet sich der UN-Sicherheitsrat Ihrer Ansicht nach ausreichend den Auswirkungen des Klimawandels oder sollte das weiter oben auf der Tagesordnung stehen?
Mein Eindruck ist, dass sich der Sicherheitsrat stark damit befasst. Das zeigt sich etwa an der Informellen Expertengruppe für Klima, Frieden und Sicherheit, die der Rat 2020 eingerichtet hat. Den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Sicherheit bestreitet im Grunde niemand im Sicherheitsrat. Unterschiedliche Ansichten gibt es lediglich dazu, wo das behandelt werden soll – im Sicherheitsrat oder unter dem Dach der Klimarahmenkonvention UNFCCC.
Tauschen sich die Fachleute für Klimawandel und die für Sicherheitspolitik Ihrer Ansicht nach grundsätzlich ausreichend untereinander aus?
Ja, der Austausch hat stark zugenommen, es gibt längst eine Menge Literatur zu Klimawandel und Sicherheit. Auch viele militärische Institutionen haben mittlerweile eine ziemliche Expertise dazu.
In diesem Zusammenhang haben Sie mal gesagt: Wir riskieren die Militarisierung der Klimakrise, statt sie zu entschärfen. Was meinen Sie damit?
Ich habe letztes Jahr an einer Veranstaltung des Climate Change and Security Centre of Excellence der Nato teilgenommen. Da ist mir aufgefallen, dass die aus einer ganz anderen Perspektive auf den Zusammenhang von Klimawandel und Sicherheit schauen. Das Wort Frieden hat in den Gesprächen praktisch keine Rolle gespielt. Es ging hauptsächlich darum, wie man Streitkräfte an den Klimawandel anpasst, um ihre Angriffs- und Verteidigungsfähigkeiten zu erhalten. Hingegen geht es uns bei den Vereinten Nationen um Frieden. Das ist unser wichtigstes Ziel.
Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.
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