Das Militär kämpft mit dem Klimawandel

Silhouetten patroullierender chilenischer Soldaten nach einem Waldbrand; vorne im Bild ein ausgebranntes Auto.
Raul BRAVO / AFP via Getty Images
Einsatz nach ­einer Naturkatastrophe: Chilenische Soldaten patroullieren Anfang 2026 in Concepción in Südchile inmitten der Verwüstungen nach einem Waldbrand. 
CO2-Emissionen
Die Emissionen von Streitkräften tragen stark zur Erderwärmung bei, und manche Armeen wollen sie verringern. Zugleich stellt Extremwetter sie vor neue Probleme auf dem Gefechtsfeld und vor neue Aufgaben in der Nothilfe.

Wenige Wochen nach dem wiederholten Überfall Russlands auf die Ukraine veröffentlichte die Europäische Union 2022 ihre Climate Change and Defence Roadmap. Mit diesem Dokument wird der Klimawandel zum festen Bestandteil der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. 2023 bezeichnete auch die Nato den Klimawandel in einem Dokument als „entscheidende Aufgabe unserer Zeit“. 2025 endete nach acht Monaten die Operation Phoenix des polnischen Militärs – im Rahmen dieses Großeinsatzes hatten bis zu 26.000 Soldaten dabei geholfen, die Schäden einer schweren Hochwasserkatastrophe in den südwestlichen Regionen Polens zu beheben. Gleichzeitig verursachen die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten enorme Treibhausgasemissionen. 

Klimaschutz und militärische Streitkräfte stehen also längst in einem Spannungsverhältnis zueinander: Bei Militäreinsätzen und -übungen werden Treibhausgase ausgestoßen, die das Klima und die Umwelt stark belasten. Staaten, die sich zum Ziel der Klimaneutralität bekannt haben, müssen diese Emissionen senken oder zumindest kompensieren. Der Klimawandel wiederum stellt Armeen vor Pro­bleme bei ihren althergebrachten Aufgaben, zum Beispiel wenn Waldbrände Truppenübungsplätze schädigen oder Hitzewellen Soldaten und Material im Einsatz gefährden. Darüber hinaus schafft der Klimawandel neue Aufgaben für Armeen.

Zusätzliche Brisanz erhält dieses Spannungsverhältnis durch die geopolitische Eskalation. Militärische Emissionen durch Abrüstung oder zumindest eine Einschränkung von Operationen zu mindern, scheint unrealistisch. Auf Russlands Krieg gegen die Ukraine haben die liberalen Demokratien Europas mit erheblicher Aufrüstung reagiert. Das ist nachvollziehbar, führt aber in ein Dilemma. Denn die Beschaffung von neuem, fossil betriebenem Großgerät, etwa von F-35-Kampfjets, verursacht auf Jahrzehnte hinaus zusätzliche Emissionen und bindet Mittel, die dem Klimaschutz zur Verfügung stehen könnten.

Die Emissionen aktiver militärischer Kampfhandlungen 

Autor

Anselm Vogler

ist promovierter Politikwissenschaftler und beschäftigt sich mit sicherheits- und friedenspolitischen Auswirkungen des Klimawandels. Er ist am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) assoziiert und war unter anderem an der Harvard University und am Nato Climate Change and Security Centre of Excellence tätig.

Gravierend sind insbesondere die Emissionen im Rahmen aktiver Kampfhandlungen. Es ist allerdings schwer, dafür belastbare Zahlen zu erhalten. Laut einer aktuellen Schätzung britischer Wissenschaftler wurde allein in den ersten 14 Tagen des Krieges der USA und Israels gegen den Iran so viele Treibhausgase emittiert wie in Island in einem ganzen Jahr. Der Studie zufolge entfällt knapp die Hälfte davon auf die antizipierten Emissionen, die erforderlich sein werden, um die zerstörten Gebäude wieder zu errichten. Ein weiteres Drittel entfällt auf das infolge von Angriffen verbrannte Öl. 

Noch weit mehr Treibhausgase wurden von Februar 2022 bis Februar 2025 im Rahmen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine freigesetzt: Laut der Initiative on Greenhouse Gas Accounting of War etwa so viel wie die jährlichen Emissionen Österreichs, Ungarns, Tschechiens und der Slowakei zusammen. Hinzu kommen lokale Schäden, etwa durch Waldbrände oder die Zerstörung des Kakhowka-Staudamms.

Militärische Organisationen verursachen also erhebliche Emissionen. Wie hoch sie insgesamt sind, ist nicht genau bekannt – unter anderem, weil die Mitgliedsstaaten des Pariser Klimaschutzabkommens über Emissionen ihrer Militärs nur eingeschränkt berichten müssen, um geheime Informationen zu schützen. Das Conflict and Environmental Observatory hat den Umfang daher geschätzt. Demnach betragen die jährlichen weltweiten militärischen Emissionen etwa 5,5 Prozent der Gesamtemissionen. Würde man alle Streitkräfte der Welt zusammenfassen und als Land zählen, dann stünden demnach ihre Emissionen an dritter Stelle hinter China, den USA und Indien.

Hoher Kerosinbedarf – F-35-Jets der dänischen Luftwaffe patrouillieren Ende Januar 2026 über der Ostküste Grönlands.

Mehrere Nato-Staaten bemühen sich, ihre militärischen Emissionen zu verringern. Über Bestrebungen großer nicht westlicher Militärs ist wenig bekannt. Im Kreis der Nato sind diese Bestrebungen unterschiedlich ambitioniert. In ihrer Defence Climate and Sustainability Strategy 2023–2027 bekräftigt das kanadische Verteidigungsministerium das Ziel, die Canadian Armed Forces bis 2050 treibhausgasneutral zu machen („net-zero“).

Das britische Militär bekräftigt in Strategien ebenfalls, zum Ziel der Treibhausgasneutralität seines Landes „beitragen“ zu wollen. Insbesondere die britische Luftwaffe setzt sich das Ziel einer Treibhausgasneutralität bis 2040. Die Niederlande wollen bis 2050 die Abhängigkeit ihres Verteidigungssektors von fossilen Energieträgern um 70 Prozent gegenüber 2010 senken. Eine Reihe anderer Nato-Mitgliedsstaaten hat bislang, zumindest öffentlich, nur geringere Ambitionen verlauten lassen.

Solche Zielsetzungen sind ambitioniert und wären vor zwanzig Jahren noch in den Bereich der Utopie verwiesen worden. Fragen bleiben dennoch: Wie seriös werden die nicht vermiedenen Emissionen kompensiert? Sollen die durch kriegerische Zerstörung verursachten Emissionen – wie etwa gegenwärtig in der Golfregion – zukünftig auch kompensiert werden? Von welcher Kriegspartei?

Operative und nicht operative militärische Emissionen 

Militärische Emissionen kann man in operative und nicht operative unterteilen. Operative Emissionen werden freigesetzt, wenn Streitkräfte bei Übungen oder Einsätzen fossile Treibstoffe nutzen, beispielsweise um einen Lkw zu fahren, oder Munition verschießen. Die Anteile operativer Emissionen an den Gesamtemissionen einer Armee sind umso größer, je mehr militärisches Großgerät sie hat und je häufiger sie es einsetzt.

Solche Emissionen können mit energieeffizienterem Gerät gesenkt werden. Beispielsweise kündigte das französische Verteidigungsministerium 2020 an, Patrouillenboote zu entwickeln, die 30 Prozent weniger Dieselkraftstoff verbrauchen. Für Militärflugzeuge wird häufig die Beimischung sogenannter nachhaltiger Flugtreibstoffe als Emissionsminderung gerechnet. Auch neue Antriebssysteme werden gesucht. Beispielsweise experimentiert das französische Heer mit wasserstoffbetriebenen Drohnen.

Andere, nicht operative Emissionen entstehen beispielsweise bei der Versorgung, Heizung oder Kühlung von Einrichtungen, beim Betrieb von Kasernen oder in Verteidigungsministerien. Hier kann man Emissionen mit denselben Mitteln verringern wie im zivilen Leben. Kasernen können etwa Wärmepumpen installieren, Militärfahrzeuge können auf E-Mobilität umsteigen.

Der Klimawandel setzt Landebahnen und Hafenanlagen außer Gefecht

Aber der Klimawandel ändert für Militärs auch die Rahmenbedingungen ihrer Planungen, Einsätze und Übungen. Auf der taktischen Ebene, also auf einzelne lokale Teiloperationen, wirkt sich beispielsweise Extremwetter aus. Während Hitzewellen ­übersteigen die Temperaturen in Teilen Mittelosteuropas – dem Gebiet, auf dem ein russischer Angriff zurückgeschlagen werden müsste – bereits jetzt regelmäßig 40 Grad Celsius. Diese Temperaturen erschweren Gefechte in Kampfausrüstung, die Bordelektronik von Gefechtsfahrzeugen wird gefährdet, Explosivmunition zu lagern erfordert zusätzliche Schutzvorrichtungen.

Auf der operativen Ebene geht es unter anderem um Nachschub und Versorgung. Dafür sind häufig funktionierende Landebahnen und Hafenanlagen erforderlich. Bei extremer Hitze heizen sich bereits heute Landebahnen auf und können das Gewicht von Flugzeugen nicht mehr tragen. Der Anstieg des Meeresspiegels und häufigere Seestürme setzen Hafenanlagen zu. 2018 hat das US-amerikanische Verteidigungsministerium eine Studie veröffentlicht, nach der bereits damals ein Teil der inländischen US-amerikanischen Militärbasen vom Klimawandel erheblich betroffen war.

Katastrophenschutz: Immer wichtiger durch immer mehr Extremwetter

Auf der strategischen Ebene wird unter anderem festgelegt, welche politischen Ziele ein Militäreinsatz verfolgt. In rechtsstaatlichen Demokratien tun das vor allem gewählte Entscheidungsträger. Solange das funktioniert, werden in demokratischen Staaten Extremwetter immer stärker die an die Streitkräfte gestellten Anforderungen prägen. So ist es traditionell eine wichtige Funktion von Armeen, bei großen Notlagen den zivilen Katastrophenschutz zu unterstützen. 

Diese Rolle nimmt mit häufigeren Extremwetterlagen erheblich an Bedeutung zu. Schon 2018 bezeichnete der Chef des kanadischen Generalstabs den Einsatz militärischer Einheiten zur Waldbrandbekämpfung als „fast Routine“. 2021 waren über 2000 Bundeswehrsoldaten nach der Flut im Ahrtal im Einsatz. Und 2024 entsandte Polen, wie erwähnt, bis zu 26.000 Soldaten in Flutgebiete.

Aufräumen nach einem ­großen Erdrutsch – ein indonesischer Soldat trägt die Leiche eines Kindes, das dabei im Februar 2018 in Westjava ums Leben gekommen ist.

Militärs aller Seiten reagieren auf das schmelzende arktische Eis

Darüber hinaus entstehen infolge des Klimawandels auch neue militärische Aufgabengebiete. Das wird besonders deutlich in der Arktis. Infolge des Klimawandels erwärmen sich die Weltmeere, und das arktische Meereis schmilzt stärker ab. Eine saisonal oder weitgehend eisfreie Arktis ist zunächst ein ökologisches Desaster, weil weiße Flächen verschwinden und dunklere Flächen zusätzliche Hitze im Erdsystem speichern, was die Erderwärmung weiter beschleunigt.

Aber eine eisfreie Arktis führt auch dazu, dass die Nordwestpassage nördlich von Kanada und Alaska sowie die Nordostpassage um das russische Sibirien herum schiffbar werden. Betrachtet man einen Globus von oben, wird deutlich, weshalb dies in Zeiten großer Spannungen zwischen Russland und der Nato geostrategisch bedeutsam ist: Durch die Nordpolarregion führt der kürzeste Weg zwischen Nordamerika und Russland. Sofern nicht ein Kollaps des Golfstroms zu einer erheblichen Abkühlung führt, wird der Klimawandel diese Region aufwärmen und dadurch für amphibische und maritime Operationen zugänglicher machen. Auch geoökonomisch ist die Region wichtig. Eine eisfreie Arktis verkürzt Schiffstransporte zwischen Ostasien und dem Atlantikraum, die bislang durch die Straße von Malakka, an den jemenitischen Huthis und somalischen al-Shabaab vorbei und durch den Suezkanal passieren müssen.

Militärs reagieren auf diese Veränderungen. Sowohl Russland als auch Nato-Staaten verfügen über Dutzende Eisbrecher und haben weitere bestellt. Russland hat mehrfach den norwegischen Luftraum verletzt und stört regelmäßig die GPS-Signale in norwegischen Gebieten. Im November 2022 hat Kanada angekündigt, über die nächsten zwanzig Jahre umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro in die nordamerikanische Luftraumüberwachung zu investieren; umfangreiche Teile dieses Pakets entfallen auf eine Stärkung der Präsenz des kanadischen Militärs im hohen Norden. 

Gegenwärtig prüfen Großbritannien und Norwegen die gemeinsame Beschaffung von bis zu 30 in arktischen Gewässern einsetzbaren Landungsbooten für Spezialkräfte. Die Teilnehmerzahl der zweijährig in Norwegen stattfindenden Nato-Übung Nordic Response, früher Cold Response, hat sich nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine auf über 30.000 Soldaten und Soldatinnen verdoppelt.

Sicherheitspolitische Klimaanpassung

Militärs tragen also erheblich zum Klimawandel bei, dessen Auswirkungen beeinflussen ihre Operationen, und er stellt Streitkräfte vor neue Aufgaben. Zwar würde Abrüstung die militärischen Emissionen senken und Mittel für den Klimaschutz freisetzen. Aber Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine hat diese Option in Europa auf längere Sicht verstellt. Die Bereitschaft anderer Staaten, nicht zuletzt der USA unter Präsident Trump, ihre Interessen mit militärischen Interventionen durchzusetzen, verschlimmert diese Situation.

In diesem Dilemma muss es darum gehen, sicherheitspolitische Reaktionen so kompatibel mit dem Klimaschutz zu gestalten wie möglich. Dazu gehört eine gute Vorbereitung der Streitkräfte im Sinne der Klimaanpassung: Sie müssen in die Lage versetzt werden, Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung trotz der Folgen des Klimawandels zu erfüllen. Zudem wird sich zunehmend die Frage stellen, wann und wie Staaten ihr Militär für die Bewältigung von Klimafolgen oder auch zur Vorbeugung einsetzen wollen, beispielsweise in der Aufforstung oder der Verstärkung von Hochwasserschutzanlagen.

Zur sicherheitspolitischen Anpassung gehört aber auch eine Verringerung militärischer Emissionen. Wer sich mit den technischen Innovationen der Gegenwart und den Veränderungen der Kriegsführung befasst, erkennt, dass eine weitgehende militärische Dekarbonisierung zwar herausfordernd, aber keineswegs unmöglich ist. Eine öffentlich verfügbare Studie der US-Armee berichtet, dass die sogenannte chinesische Volksbefreiungsarmee gegenwärtig dieselhybridbetriebene Kampfpanzer erprobt. Nach chinesischen Angaben sind diese im vollständig elektrischen Modus leiser, haben eine geringere Hitzesignatur und verfügen über einen größeren Energiespeicher an Bord, der für die elektronische Kampfführung und Hochenergiewaffensysteme genutzt werden kann.

Mangelnde Klimatransformation: Strategisch ein Nachteil

Es ist also ein Missverständnis, dass die Klima­transformation des Militärs bloß Ergebnis einer angeblich ökologisch-antimilitaristischen Kampagne wäre. Nichts könnte falscher sein. Wie gezeigt, betrifft der Klimawandel den militärischen Alltag auf taktischer, operativer und strategischer Ebene. Wer sich nicht darauf vorbereitet, gerät strategisch in Nachteil. Klug wäre, Synergien zu nutzen, wo sie entstehen. Mit erneuerbaren Energien kann man energieautarke Militärstützpunkte schaffen und Nachschublinien reduzieren. Dies senkt die Abhängigkeit von Energieimporten, deren Verfügbarkeit bereits heute von der politischen Lage am Persischen Golf und vom erratischen US-amerikanischen Präsidenten abhängen.

Ebenso ist es wünschenswert, die berechtigte Kritik an militärischen Treibhausgasemissionen nicht nur auf die der westlichen Armeen zu konzentrieren. Es stimmt, dass diese umfangreich sind. Die Militäremissionen der USA gelten als die weltweit größten. Aber andere Staaten unterhalten ebenfalls große oder sehr große Streitkräfte, nicht zuletzt Russland, Pakistan, Nordkorea und der Iran. Diese Staaten äußern sich nicht oder kaum zur Dekarbonisierung ihrer Militärs und rufen damit weniger mediale Aufmerksamkeit hervor. Die Abwesenheit von Meldungen sollte aber nicht mit der Abwesenheit des Problems verwechselt werden. Zuletzt: Ohne den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wäre in Europa die gegenwärtige umfangreiche Aufrüstung politisch nicht durchsetzbar gewesen und unsere militärischen Emissionen wären vermutlich weitaus geringer.

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erschienen in Ausgabe 3 / 2026: Extremes Wetter, mehr Gewalt?
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