Wann immer Abdullah Mohammed Bauchschmerzen verspürt, eilt er zur Zisterne einer Moschee in der Nähe seines Dorfes Al-Hadharem. Dort befindet sich das Grab eines Wali – das ist im Sufismus eine Person, die als Freund Gottes oder als heilig gilt. „Schon unsere Väter haben diese wahre Medizin genutzt“, sagt der 35-Jährige: „Sie haben Wasser aus dieser Zisterne geholt und darin gebadet. Auch ich mache das seit meiner Kindheit, als ich mit meiner Großmutter hierherkam. Danach fühle ich mich immer gut.“
Diejenigen, die zu dieser und anderen Zisternen kommen, tun das in der Regel nicht, weil ihnen das Geld für einen Arztbesuch fehlt – manche kommen von weit her und sind wohlhabend –, sondern weil sie glauben, dass ihnen dieses Wasser besser hilft als ein Mediziner. Es sind auch nicht nur ältere Menschen, sondern durchaus auch Jugendliche.
Aus dem Inneren der Zisterne sind Frösche zu hören
Autor
Nasser Al-Sakkaf
schreibt als freier Journalist im Jemen für mehrere internationale Zeitungen, Zeitschriften und Websites wie Middle East Eye, The New Humanitarian und Al Jazeera English.Abdullah Mohammed kennt die medizinische Ursache seiner wiederkehrenden Bauchschmerzen bis heute nicht. Meist verschwinden sie nach ein oder zwei Tagen wieder, berichtet er, doch er glaubt, dass ihm vor allem das Wasser dabei hilft, sich zu erholen. „Ich habe auch schon mehrere Ärzte aufgesucht, um herauszufinden, was mit meinem Magen nicht stimmt. Das hat mich viel Geld gekostet, aber sie konnten mir auch nicht helfen“, fügt er hinzu.
Er bemerkt, dass viele Besucher aus verschiedenen Gegenden anreisen, um das Wasser zu holen, um es zu trinken oder auch, um darin zu baden. Und das, obwohl aus dem Inneren der Zisterne Frösche zu hören sind und das das Wasser nicht sauber aussieht. „Wenn du an den Wali und das Wasser glaubst, wirst du geheilt“, ist sich Abdullah sicher. „Wenn du nicht glaubst, passiert nichts. Es hängt alles von deinem Glauben ab.“ Seine Bauchschmerzen kehren allerdings immer wieder zurück, da das Wasser nur für kurze Zeit helfe. Sobald die Schmerzen zurückkehrten, hole er sich wieder etwas Wasser.
Der Imam glaubt nicht an die Heilkraft nicht trinkbaren Wassers
Die Wasserzisterne mit einem Becken befindet sich in einer Ecke der Moschee, neben dem Grab des Wali, der vor rund 500 Jahren gestorben ist. Der Imam der Moschee, Yasser Mutahar, betont indes, dass ein solches Verhalten dem Islam widerspreche. „Unser Glaube lehrt uns, zu Allah um Heilung zu beten und Ärzte aufzusuchen, nicht aber, auf die Heilkraft nicht trinkbaren Wassers zu vertrauen. Das ist eine Form des Polytheismus.“ Diejenigen, die auf diese Weise an den Wali glaubten, sollten auf den wahren Weg Allahs zurückkehren.
Yasser versuche immer wieder, Besucher abzuhalten, das Wasser zu holen, aber ohne Erfolg. „Solange einige Menschen in Machtpositionen in der Moscheegemeinde hinter diesen Traditionen stehen, kann ich die Menschen nicht aufhalten. Aber ich rate ihnen weiterhin davon ab und hoffe, dass bald mehr Menschen medizinische Hilfe eher in Krankenhäusern suchen anstatt am Grab eines Wali.“
Die Haltung des gut ausgebildeten Imams, der auch Mathematik studiert und mit dem dem Bachelor abgeschlossen hat, ist für die örtliche Moscheegemeinde neu. Zudem wird erzählt, dass einige Leute das Wasser an andere verkaufen und so daran verdienen. Abdullah sagt, er selbst zahle nichts, habe aber gehört, dass andere dafür bezahlten. Yasser berichtet, dass vor allem Frauen kommen, meist mit dem Bus oder auch im eigenen Auto und aus bis zu 80 Kilometern Entfernung. „Bildung spielt dabei eine große Rolle“, fügt der Imam hinzu. „Mir ist aufgefallen, dass viele, die kommen, von der modernen Welt abgeschnitten sind.“
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
Neuen Kommentar hinzufügen