Mexiko-Stadt - „La pelota vuelve a casa“ - der Ball kehrt nach Hause zurück. So lautet das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2026, die Mexiko zum dritten Mal als Gastgeber erlebt - zum ersten Mal zusammen mit den USA und Kanada. Der Slogan ist in Mexiko-Stadt allgegenwärtig: auf U-Bahn-Zügen, Werbetafeln und Mauern.
Doch auf dem Asphalt rund um die „Glorieta de los Desaparecidos“ - dem Platz der Verschwundenen im Herzen der Hauptstadt - stand noch vor einigen Wochen ein anderer Satz: „La pelota vuelve a casa, y ellos? Cuándo?“ Der Ball kehrt zurück - und sie? Wann? Die Schrift wurde längst entfernt. Die Frage bleibt.
Behörden entfernen Fotos von Verschwundenen
Rund um den Platz hängen Hunderte Fotos von Vermissten. Hier hat sich Genoveva Domínguez mit weiteren Angehörigen getroffen. Sie trägt ein grünes Nationaltrikot, wie sie in diesen Tagen überall zu sehen sind. Auf ihrem Rücken steht allerdings kein Spielername, sondern eine Zahl: 133.000. So viele Menschen gelten in Mexiko offiziell als vermisst. Die meisten von ihnen sind mutmaßlich Opfer des organisierten Verbrechens.
Domínguez engagiert sich in einem von über 200 Suchkollektiven. „Sie sind keine Zahlen, keine Akten“, sagt die Mutter. „Unsere Kinder dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“ Seit einem Jahr sucht sie ihre Tochter. Die Angehörigen der Vermissten wollen die Weltmeisterschaft nutzen, um internationale Aufmerksamkeit zu erhalten. An Laternen rund um das Aztekenstadion klebten zeitweise Fotos von Verschwundenen. Viele wurden kurz darauf wieder entfernt.
Lehrer drohen mit Protesten
Die Suchkollektive gehören zu den Gruppen, die die Weltmeisterschaft nicht nur als Sportereignis sehen. Mit den Kamerateams, Touristen und Journalisten aus aller Welt wird das Turnier für viele auch zu einer seltenen Gelegenheit, auf Probleme aufmerksam zu machen, die im Alltag oft wenig Beachtung finden.
So verschärfte auch die Gewerkschaft der Lehrerinnen und Lehrer zuletzt ihre Proteste für höhere Löhne und gegen eine umstrittene Rentenreform. Demonstranten beschädigten WM-Figuren auf der Prachtstraße Reforma und rammten das Eingangsportal des Bildungsministeriums. Die Polizei setzte Tränengas ein. Die Gewerkschaft droht mit weiteren Protesten während des Turniers.
Weniger Wasser für Anwohner
Das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika findet am 11. Juni im Aztekenstadion statt. Für das Turnier wurde es modernisiert und die Umgebung aufgewertet. Zwar freuen sich viele über sanierte Straßen und neu angelegte Grünflächen. Doch die Anwohner fragen sich, wer von den Investitionen profitiert. So äußern Anwohner laut der Nachbarschaftsorganisation „Acción Comunitaria Pedregales“ Sorge um die Wasserversorgung. Es werde Wasser für das Stadion umgeleitet, und die Versorgung im Viertel leide.
Auch müssen die Geschäfte unmittelbar am Stadion während des Turniers schließen - nach Angaben der Betreiber ohne Entschädigung. Manche haben sich zwar Strategien überlegt, um das Verbot zu umgehen. So glaubt der Betreiber von „Tortas Estadio“, einem kleinen Sandwich-Laden, dennoch, dass er Wege finden wird, weiterzuverkaufen. Er habe einen Plan A, B und C, sagt er grinsend. Näheres verraten möchte er allerdings nicht.
Eintrittskarten zu teuer für viele
Die Weltmeisterschaft soll Mexiko als modernes Gastgeberland präsentieren. Doch je näher der Anpfiff rückt, desto sichtbarer werden auch die Konflikte, die das Land seit Jahren begleiten.
Von einem Stadionbesuch sind zugleich Millionen von Mexikanerinnen und Mexikanern ausgeschlossen. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 470 Euro im Monat bleiben selbst die günstigsten Eintrittskarten für viele unerreichbar. Für das Eröffnungsspiel kosten Tickets mehrere Hundert bis über 2.000 Euro.
Genoveva Domínguez wird sich das Spiel nicht im Stadion anschauen. Stattdessen wird sie davor mit vielen weiteren Familienangehörigen protestieren und die Frage stellen: Dónde están, wo sind sie?
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