Indien hat bereits verschiedene ökumenische Foren wie den All-India Christian Council, der sich seit 1998 insbesondere um die Menschenrechte von Christen in Indien kümmert. Daneben gibt es den National Council of Churches in India, der bereits zu Kolonialzeiten 1914 gegründet wurde und in dem protestantische und orthodoxe Kirchen unter anderem zur Lage von Frauen und der Jugend und zu den Rechten der kastenlosen Dalits und Adivasis arbeiten. Jetzt hat die katholische Kirche alle Konfessionen an einen Tisch gebracht, um eine neue Plattform zu schaffen, mit der alle Kirchenoberhäupter gemeinsam für die 28 Millionen Christinnen und Christen in Indien sprechen.
Die National Federation of Churches in India (NFCI) soll als „geeinte Front auf die vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten reagieren, mit welchen Christen und andere Minderheiten in Indien derzeit konfrontiert sind“, hieß es bei der Gründung der Föderation Mitte Mai in Bangalore. Gemeint sind Angriffe auf Geistliche und Gläubige, strenge Anti-Konversionsgesetze in einigen Bundesstaaten und Versuche staatlicher Behörden, kirchliches Eigentum zu konfiszieren.
Zum Vorsitzenden der Föderation haben die 45 evangelischen, katholischen, orthodoxen und evangelikal-pfingstlerischen Kirchenführer den Erzbischof von Hyderabad gewählt, Kardinal Anthony Poola, der auch Vorsitzender der indischen Bischofskonferenz ist. Poola verfügt über sehr gute Verbindungen in den Vatikan und gilt aufgrund seiner Abstammung aus der kastenlosen Gruppe der Dalit über Konfessionsgrenzen hinweg als Symbolfigur für alle Christen in Indien. Auch auf der operativen und administrativen Ebene wird die NFCI stark von katholischer Seite geprägt sein. Zum Generalsekretär wurde Anthonyraj Thumma bestimmt, der auch in der Bischofskonferenz das Generalsekretariat führt.
Schwierige Situation für Christen in Indien
Lange Zeit ist die katholische Kirche – mit 18 Millionen Mitgliedern die größte in Indien – aus theologischen Gründen immer wieder auf Abstand zu den Pfingstkirchen und den evangelikalen Kirchen gegangen. Dass sie jetzt bewusst auf sie zugegangen ist, kann als Ausdruck einer theologischen Öffnung angesichts der zunehmend schwierigen Situation der Christen in Indien verstanden werden.
Als religiöse Minderheit, die nur gut zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht, stehen Christen in Indien seit 2014 verstärkt unter gesellschaftlichem und politischem Druck. Seit dem Amtsantritt von Premierminister Narendra Modi vor zwölf Jahren ist der Hindunationalismus im Aufschwung, der die hinduistischen Anteile in der Kultur und der Gesellschaft Indiens über andere Traditionen und Identitäten stellt.
Tausende christliche NGOs haben Lizenzen verloren
So haben mittlerweile 13 indische Bundesstaaten sogenannte Anti-Konversionsgesetze verabschiedet, unter die alles fällt, was als Missionsversuch ausgelegt werden kann. Die Gesetze werden laut Kirchenvertretern benutzt, um pastorale Arbeit und Sozialdienst zu kriminalisieren. Infolge von Verschärfungen des Foreign Contribution Regulation Act (FCRA), der die ausländische Finanzierung für nichtstaatliche Organisationen regelt, haben Tausende christliche NGOs ihre Lizenzen verloren, Geld aus dem Ausland einzuwerben. Zudem gibt es in manchen Bundesstaaten Pläne, die Verwaltung von Kirchenbesitz staatlicher Kontrolle zu unterstellen. Nach Angaben des United Christian Forum, das sich für die Rechte der christlichen und anderer Minderheiten in Indien einsetzt, haben Vorfälle gegen Christen wie zum Beispiel Diskriminierung, Gewalt oder Versuche der Zwangsbekehrung zwischen 2014 und 2024 um 500 Prozent zugenommen.
Erzbischof Joseph D’Souza, Oberhaupt der Evangelischen Kirche zum Guten Hirten sowie Präsident des All-India Christian Council, sagte bei der Gründung des Dachverbands, es sei höchste Zeit, dass die indischen Kirchen mit einer Stimme sprechen: „Wir können nicht einfach nur rumsitzen und beten.“ Die Föderation sei das erste ökumenische Forum dieser Art in Indien, um der zunehmenden Verfolgung von Christen entgegenzuwirken.
Die indische Zentralregierung hat auf die Gründung des NFCI bisher nicht offiziell reagiert. In Kirchenkreisen wird das als Ausdruck des bewussten Ignorierens gedeutet.
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