Der Priesteraktivist

Moritz Osswald
"Bleibt standhaft." Wenn Arturo Carrasco in der Kirche La Sagrada Familia in Mexiko-Stadt predigt, macht das den Gläubigen Mut.
Menschenrechte in Mexiko
Auf der Kanzel findet Arturo Carrasco die richtigen Worte, um Menschen Trost zuzusprechen, die in Mexikos Krieg gegen die Drogen Angehörige verloren haben. Doch Worte allein genügen dem katholischen Priester nicht in seinem Engagement für Recht und Gerechtigkeit.

Zwei Worte genügen Arturo Carrasco, um das Credo einer ganzen Nation zusammenzufassen: „Bleibt standhaft“, sagt er in seinem hellgrünen Gewand und hebt die Hand. Das wird der Priester während seiner Predigt heute noch häufiger tun. Nicht mahnend, nicht belehrend, nicht anklagend, sondern als Aufforderung. Den Zeigefinger Richtung Decke gerichtet, lässt Carrasco die Worte in der Kirche La Sagrada Familia einige Sekunden verhallen. Rund 15 Gläubige haben in dem kleinen Gotteshaus im Bezirk Gustavo A. Madero in Mexiko City unweit des internationalen Flughafens zusammengefunden. Der Geruch der Holzbänke, etwas abgeblättert, erfüllt den Raum. Die Tür bleibt offen. Eine der riesigen Müllabfuhren rauscht auf der Straße vorbei, niemand stört sich daran. Die Kirchenbesucherinnen und Kirchenbesucher fixieren Priester Carrasco. Eher kleine Statur, volles, tiefschwarzes Haar, charismatisch samt Radiostimme. „Bleibt standhaft“, wiederholt der 56-Jährige.

Er tritt etwas näher an die Zuhörenden heran, schreitet zwischen den Kirchenbänken hin und her. Und sagt: Endzeitpropheten hätten Konjunktur, Jesus habe in den biblischen Schriften bereits vor ihnen gewarnt. Die ungleiche Verteilung globalen Reichtums sei ein Problem. Ein großes Problem. Zustimmendes Nicken. Er richtet den Zeigefinger wieder nach oben. Dann greift er einen in Mexiko populären Mythos auf: Son pobres porque quieren – die Armen sind arm, weil sie es so wollen. Das sei unwahr, sagt Carrasco. Und es sei ungerecht. Denn das Stadtviertel, in dem man geboren werde, bestimme maßgeblich, welche Chancen und Möglichkeiten man später habe. Er spricht die angespannte Sicherheitslage auch hier im Bezirk rund um die Kirche an. Carrasco ist hier aufgewachsen, wie die meisten der Gläubigen, die seinen Gottesdienst besuchen. 

In Mexiko verschwinden täglich 40 Menschen

Standhaft bleiben: Das ist Durchhalteparole und zugleich alternativlos. In Mexiko verschwinden täglich rund 40 Menschen. Seit der damalige Präsident Felipe Calderón im Dezember 2006 den sogenannten Krieg gegen die Drogen ausrief, ist die Zahl der Verschwundenen von Regierung zu Regierung gestiegen. Die Gewalt hat ein unvorstellbares Ausmaß erreicht: In nur einem Jahrzehnt, von 2015 bis 2025, wurden in dem Konflikt nach offiziellen Zahlen mehr als 319.000 Menschen getötet. Ständig, sagt Carrasco, stellten betroffene Angehörige ihm die Theodizee-Frage: Wie kann Gott, wenn er denn existiert, so viel Leid zulassen? „Viele wollen überhaupt nichts mehr von Religion, Kirche oder Glauben wissen“, sagt Carrasco. De facto befinde sich Mexiko nicht im Krieg. „Doch historisch gesehen sind in keinem Land, das nicht im Krieg ist, so viele Menschen verschwunden wie in Mexiko“, sagt der Priester. 

Kontraste gab es schon am Küchentisch im Elternhaus von Arturo Carrasco. Seine Mutter ist Christin, anglikanisch, ein Onkel Bischof im Norden Mexikos. Der Vater hingegen, leninistisch-marxistisch geprägt, hielt nichts von Religion: Das sei Opium fürs Volk. Auch Carrasco wollte zunächst nichts vom geistlichen Amt wissen und studierte Kommunikationswissenschaft. Als er dann aber während des Studiums bei einem Lehrgang eine ältere Frau beim Abwasch unterstützte und sah, wie sie sich abmühte, kam der erste Impuls. Die Frau fragte ihn, ob er sich nicht vorstellen könne, zum Priesterseminar zu gehen. Seit 15 Jahren trägt Carrasco nun das Priestergewand und predigt – über Hoffnung, über Moral, über die Geschichte und die Gegenwart Mexikos. 

Doch Priester Arturo, wie er häufig genannt wird, predigt nicht nur: „Es ist einfach, von der Bequemlichkeit des eigenen Schreibtischs aus zu erklären“, sagt der anglikanische Geistliche. Er wolle für die Menschen da sein, ihnen mithilfe des Evangeliums eine Stütze im Alltag und im Kampf gegen Ungerechtigkeit sein. Dafür begleitet Carrasco Angehörige regelmäßig auf der Suche nach Leichen und oder Spuren ihrer Angehörigen. Er watet durch dreckige Abwasserkanäle an der Peripherie der Millionenstadt, koordiniert den Kontakt mit Behörden, die bei offiziellen Suchaktionen anwesend sein müssen – aber oft mehr behindern als helfen. Suchenden Angehörigen steht er in emotionalen Ausnahmesituationen bei. 

Priester wie Arturo Carrasco übernehmen Aufgaben des Staates

In Mexiko machen lokale Behörden häufig mit Verbrechersyndikaten gemeinsame Sache. Das erschwert die Aufklärung und behindert den Zugang zu Gerechtigkeit. Suchkollektive, Angehörige, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Priester wie Arturo Carrasco übernehmen in Mexiko Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen. 

Warum tut er das? Arturo Carrasco muss nicht lang überlegen: „Um, soweit es geht, in Übereinstimmung mit dem Evangelium zu leben“, führt er aus, „darum mache ich das.“ Ihm gebe der Glauben Halt und eine Richtung im Leben. Carrasco ist Geistlicher und zugleich Aktivist – ein riskanter Spagat hier in Mexiko, denn solches Engagement ist sowohl staatlichen Behörden als auch kriminellen Gruppen ein Dorn im Auge. In den vergangenen Jahren wurden viele Geistliche gezielt getötet.

Nach der Predigt in der Kirche La Sagrada Familia verteilt Carrasco Oblaten, spricht einigen Gläubigen den Segen aus. Alicia Trejo Trejo und ihr Mann Francisco Ramón Castillo bleiben noch, als sich die Kirche nach und nach leert. Ihr Sohn Francisco, IT-Student, verschwand am 26. März 2012. „Am Anfang glaubst du, verrückt zu werden“, sagt die Mutter. „Du vergisst alles um dich herum: Familie, Freunde. Die, die noch da sind.“ So geht es vielen, die nach ihren verschwundenen Liebsten suchen. Die völlige Selbstaufgabe, die nagende Ungewissheit, dass da nichts ist, kein Körper – und dass damit auch kein Schlussstrich gezogen werden kann. Das macht das gewaltsame Verschwindenlassen zu einer derart grausamen Tat. Es geht über das Opfer hinaus und quält die Angehörigen.

Die Gottesdienste sind eine Zuflucht

Das letzte Lebenszeichen ihres Sohnes ist die Aufnahme einer Überwachungskamera der Metro in Mexiko City. Dort sieht man ihn gegen 6:30 Uhr morgens, wie er umsteigt. Danach: Stille. Als hätte es Francisco nie gegeben. In den Gottesdiensten von Arturo Carrasco finden Alicia Trejo Trejo und Francisco Ramón Beistand. Sie sind eine Zuflucht für das Paar. Wie macht Carrasco das? „Er findet die richtigen Worte“, antworten sie. Das ist wichtig, denn die Sinnlosigkeit und Brutalität des Verlusts, den sie nicht begreifen können, begleiten sie täglich. 

Wenn Arturo Carrasco mal auf eine Frage nicht gleich eine Antwort hat, streift er bedächtig die grauen Haare seines Bartes – als wäre die Antwort dort zu finden. Was tun? Wo ansetzen? „Ein Teil der Antwort findet sich wohl in den forensischen Instituten“, sagt er. Denn in Mexikos Leichenschauhäusern liegen mehr als 72.000 nicht identifizierte Körper. Da anzusetzen, den Staat an seine Verantwortung erinnern und ihn zum Handeln zwingen, die Angehörigen würdig zu unterstützen – dafür setzt sich Arturo Carrasco ein. Und ruft dazu auf: Bleibt standhaft.

Moritz Osswald ist Journalist und Autor mit Schwerpunkt Zentralamerika. Er befasst sich unter anderem mit Menschenrechten, Migration und organisierter Kriminalität.

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