Mit Panzerfahrzeugen und schwer bewaffneten Militäreinheiten umzingeln mexikanische Sicherheitskräfte im Oktober 2025 ein unscheinbares ummauertes Grundstück in der Ortschaft San Lorenzo Teotipilco im zentralmexikanischen Bundesstaat Puebla. Was die Einheiten dort sicherstellen, sind weder Drogen noch Waffen, sondern eine nicht autorisierte Wasserpumpstation, die mutmaßlich von Kriminellen betrieben wird.
Die Anzeige ist von Nachbarn gekommen, deren Wasserleitungen plötzlich nichts mehr hergaben. San Lorenzo Teotipilco liegt in der Mixteca, einer ärmlichen, staubtrockenen Wüstenregion. Wasser ist dort ein wertvoller Schatz, und das Geschäft mit Zisternenwagen, die bis zu 10.000 Liter transportieren, ist lukrativ. Bis zu 4000 Pesos (umgerechnet knapp 200 Euro) kann so eine Lieferung in der Trockenzeit kosten – mehr als das Dreifache des üblichen Preises. 116 illegale Brunnen hat die staatliche Wasserbehörde Conagua alleine in Puebla entdeckt, sagt Beatriz Torres Trucios, die örtliche Delegierte der Behörde.
Betrieben werden sie oft von örtlichen Unternehmern oder Einzelpersonen mit guten politischen Verbindungen, die sich mit Schmiergeldzahlungen Pumpgenehmigungen besorgen oder dafür sorgen, dass illegale Wasserentnahme straffrei bleibt. Seit 2013 hätten Regionalregierungen rücksichtslos Konzessionen verteilt, die den Haushalt und die Interessen der Bevölkerung schädigten, sagte der Kabinettschef der Regionalregierung von Puebla, José Luis García Parra. „Sie haben das Gesetz verdreht, um die Plünderung durch private Investitionsmodelle zu legalisieren.“ García Parra spricht von einem „Konzessionskartell“.
Große Regionen Mexikos sind von Dürren betroffen
Wasser wird zunehmend knapp in Mexiko. In den letzten fünf Jahren waren mehr als 80 Prozent des Staatsgebiets von Dürren betroffen. Das Land besteht zur Hälfte aus Wüsten und Halbwüsten mit weniger als 400 mm Niederschlag im Jahresmittel. 70 Prozent des Territoriums leiden unter dauerhaftem Wassermangel oder Übernutzung von Wasser. Der Weltklimarat schätzt, dass die Klimakrise bis 2050 in Teilen Mexikos die Wasserverfügbarkeit um 10 bis 20 Prozent verringern wird.
Wer über so eine knappe und zudem lebenswichtige Ressource verfügt, kann damit enorm Profit machen. Das weckt nicht mehr nur die Gier rücksichtsloser Unternehmer und korrupter Politiker, sondern auch der organisierten Kriminalität. 600 Kilometer nordwestlich von Puebla liegt der Pátzcuaro-See im Bundesstaat Michoacán. Er hat inzwischen über die Hälfte seines Volumens verloren – infolge von Dürren und illegalen Pumpstationen, die Wasser für die durstigen Avocado- und Beerenplantagen für den Export abziehen. Im April 2024 beschlagnahmte das Militär dort sechs Grundstücke am Ufer, in denen illegal bis zu 600.000 Liter Wasser täglich abgepumpt wurden. Behörden vermuten Verbindungen zur organisierten Kriminalität, insbesondere zum Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG): Mit dem Wasser, so die Ermittler, bewässerte das Kartell seine eigenen, von Strohmännern betriebenen Avocado- und Obstplantagen.
75 Prozent des Wasserverbrauchs entfällt auf die Landwirtschaft
Auf die Landwirtschaft, deren Produkte vor allem in die USA exportiert werden, entfallen 75 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs Mexikos, gefolgt von der Industrie (14 Prozent) und den privaten Haushalten (8 Prozent). „Die landwirtschaftliche Bewässerung in Mexiko ist dabei extrem ineffizient“, sagt der Ökologieprofessor und Wasserexperte von der staatlichen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) Luis Zambrano. „Die veraltete Flutbewässerung verschlingt unsere Grundwasserressourcen.“ Unter diesem traditionellen System wird Flusswasser durch Kanäle umschichtig auf Felder geleitet; Tropfenbewässerung mit perforierten Schläuchen wäre wesentlich effizienter. Die erzeugten Früchte werden großteils exportiert – Erd- und Blaubeeren, Zitrusfrüchte, Tomaten, Avocados. Allein der Anbau von einem Kilogramm Avocados verbraucht rund tausend Liter Wasser.
Dass die Kartelle ein Auge auf die Wasserversorgung werfen, ist relativ neu. Erstmals öffentlich bekannt wurde es im Jahr 2022. Während einer historischen Dürre im Norden Mexikos musste damals die Industriestadt Monterrey das Trinkwasser rationieren. Bis zu zwölf Stunden täglich blieben die Leitungen trocken, manche Armenviertel bekamen tagelang kein Wasser. Kriminelle verlangten daraufhin Schutzgelder von den privaten Firmen, die Wasser in Zisternenwagen auslieferten. Wer nicht bezahlte, dessen Lkw wurde von Bewaffneten entführt.
Kartelle kontrollieren das Wasser und erpressen die Bevölkerung
Im Bundesstaat Chihuahua sicherte sich das Sinaloa-Kartell im selben Jahr den Zugang zu Seen, Flüssen und Quellen. Dort hat es permanent Wachposten eingerichtet, Rohrleitungen und Pumpstationen installiert. Ortsansässige Bauern berichteten den Medien von ganzen Flotten von Zisternenwagen, die das Wasser durch die Gegend karrten, während auf ihren eigenen Feldern Mais und Bohnen vertrockneten. Mit dem Wasser bewässerte das Kartell zum einen die eigenen Marihuana- und Mohnfelder. Zum anderen wurden Hotels und andere örtliche Unternehmen kostenpflichtig mit Wasser versorgt.
In Sinaloa kontrolliert das Kartell die einst von der Bevölkerung in Gemeinschaftsarbeit gebauten Bewässerungskanäle. Mittlerweile müssen Bewohner für deren Nutzung Schutzgeld bezahlen. Die Kontrolle von Wasser ist eine mindestens so effiziente Erpressungsstrategie wie der Drogenhandel, da jeder Bauer unvermeidlich Wasser braucht und damit komplett abhängig ist von den Kartellen. „Wasser ist für uns mittlerweile ein wertvolles Gut, und je knapper es wird, desto mehr werden wir darum kämpfen“, sagte ein Kartellmitglied alias „El Señor“ Reportern des Portals „Vice“. Experten schätzen, dass mittlerweile 15 Prozent des Wassers in Mexiko durch die Hände der Kartelle gehen.
In Schlüsselregionen wie Michoacán, Sinaloa und Puebla ist Wasser ein Machtmittel: Es ermöglicht den Anbau illegaler Kulturen, die Versorgung von Agrarindustrien, die von den Kartellen betrieben oder geschützt werden, und in vielen Fällen die Erpressung von Gemeinden oder lokalen Regierungen. Die illegale Entnahme aus Brunnen, die Umleitung von Flüssen oder die illegale Ausbeutung von Konzessionen werden getarnt oder durch gefälschte Dokumente gedeckt. In einigen Fällen handeln die Kartelle sogar unter dem Deckmantel scheinbar legaler Unternehmen mit Verbindungen zu Kommunal- oder Landesregierungen. Der Wasserdiebstahl ist diskret, wird statistisch nur lückenhaft erfasst und nicht juristisch verfolgt von der Regierung, die in den vergangenen sieben Jahren den Haushalt für Infrastruktur und Umwelt drastisch gekürzt hat.
Wasserdiebstahl verschärft die nationale Wasserkrise
Doch die staatliche Untätigkeit droht eine Zeitbombe zu schaffen. Wasserdiebstahl bringt nicht nur dem organisierten Verbrechen Gewinne ein: Er verschärft auch die nationale Wasserkrise, vertreibt Gemeinschaften, verschmutzt natürliche Wasserquellen und schädigt Ökosysteme, die aufgrund des Klimawandels und der maßlosen Ausweitung der Landwirtschaft ohnehin schon unter Wasserknappheit leiden.
Immer häufiger kommt es in Mexiko zu Konflikten um Wasser. Das Observatorium für Umweltkonflikte der Iberoamerikanischen Universität zählte im Jahr 2025 insgesamt 51 Streitfälle rund ums Wasser. Darunter den Streit um die Ansiedelung einer Bierfabrik in der Wüstenstadt Mexicali und die Blockade der Abfüllanlage von Bonafont, einer Danone-Tochter, in Puebla, die von den indigenen Anwohnern der Region beschuldigt wird, übermäßig Wasser zu entnehmen. Ihnen zufolge trocknen Brunnen aus, der Grundwasserpegel sinkt, und 2023 hat sich deshalb auf einem Acker in der Nähe des Flughafens sogar ein riesiger, 30 Meter tiefer Krater von 100 Metern Durchmesser aufgetan.
Die Wasserknappheit könnte sich durch KI-Datenzentren noch zuspitzen
Konflikte ums Wasser enden oft in Gewalt. Mexiko gehört ohnehin zu den gefährlichsten Ländern für Umweltschützer. In den vergangenen zehn Jahren wurden laut der Umweltorganisation CEMDA 199 Aktivisten ermordet; oft ging es dabei darum, dass Gemeinschaften ihre Wasserrechte schützen wollten. Nach Recherchen des Journalisten Jesús Lemus verkaufen einige kriminelle Gruppen bereits ihre Dienste an Konzerne, insbesondere im Bergbau, um soziale Bewegungen und Wasseraktivisten einzuschüchtern. Mit der Ansiedelung von KI-Datenzentren, die einen hohen Wasserbedarf haben – etwa 150 sind in Betrieb, weitere geplant –, könnte sich dies noch zuspitzen.
Der Übergriff der Kartelle auf das Wasser und die Landwirtschaft ist auch ein Preistreiber für Nahrungsmittel. Immer wieder kommt es zu heftigen temporären Inflationsschüben bei Grundnahrungsmitteln wie Avocados, Tomaten, Mais, Koriander und Limetten. Leidtragende sind vor allem die Armen. Für eine linke Regierung, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, ist dies brandgefährlich.
Präsidentin Sheinbaum hat ein neues Wassergesetz vorgestellt
Autorin
Sandra Weiss
ist Politologin und freie Journalistin in Mexiko-Stadt. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Rundfunksender aus Lateinamerika.Hinzu kommen Spannungen mit den USA ums Wasser. Laut einem Vertrag aus dem Jahr 1944, der die Wassernutzung der Grenzflüsse Rio Bravo, Rio Grande, Colorado und Tijuana regelt, muss Mexiko jährlich 430 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rio Bravo über Nebenflüsse wie den Conchos an Texas abgeben, während die USA mexikanische Städte wie Tijuana und Mexicali mit 1,75 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Colorado versorgen. Das wird aufgrund der Klimakrise immer schwieriger. 2023 bis 2024 lieferte Mexiko nur 40 Prozent der vereinbarten Menge, worauf US-Präsident Donald Trump mit Strafzöllen drohte und den Rio-Colorado-Zufluss sperrte. Mexiko versprach, mehr Wasser aus dem Rio Conchos, der in den Rio Grande fließt, zu liefern, konnte das aber bislang wegen Protesten der eigenen Bauern, Dürre und der Kontrolle von Kartellen über Bewässerungssysteme nicht einhalten.
Deshalb hat Präsidentin Claudia Sheinbaum im Dezember 2025 ein neues Wassergesetz vorgestellt, das das geltende aus dem Jahr 1992 grundlegend reformiert. Es stärkt das Recht auf Wasser als grundlegendes Menschenrecht und räumt der persönlichen Nutzung Vorrang vor der gewerblichen ein. Wasserkonzessionen dürfen nicht mehr zwischen Privatpersonen, sondern nur noch von der nationalen Wasserbehörde Conagua übertragen werden. Das Verfahren dafür ist zentralisiert und digitalisiert. Die ursprünglich festgelegte Nutzung darf nicht geändert werden.
Außerdem sollen Wasserpegel permanent überwacht werden, um im Falle von Missbrauch schneller reagieren zu können. Die Strafen für illegale Wasserentnahme werden von sechs auf bis zu neun Jahre Haft erhöht. Landesweit sind zudem 17 Großprojekte sowie die Sanierung der total verschmutzten drei Flüsse Lerma-Santiago, Atoyac und Tula geplant. Vor allem Regionen mit großer Wasserknappheit in zentralen Teilen und im Norden Mexikos sollen zusätzliche Wasserspeicher, Trinkwasseraufbereitungsanlagen und neue Leitungen bekommen.
Die Justiz hängt bei der Strafverfolgung hinterher
NGOs wie die Coordinadora Nacional Agua para Todos begrüßen die Initiative: „Digitale Kontrolle verhindert Korruption bei der Lizenzvergabe“, erklärte die Organisation. Kritik kam hingegen von Bauern und Indigenen: Die Asamblea Nacional por el Agua protestiert gegen Zentralisierung, die ihrer Ansicht nach kommunale Wasserverteilungssysteme ignoriere und indigene Rechte beschneide. Die konservative Oppositionspartei PAN warnt, das Gesetz behindere die Exportlandwirtschaft.
Das wirkliche Problem des Gesetzes liegt aber möglicherweise woanders. Beatriz Torres Trucios von der Conagua Puebla brachte es auf den Punkt, als sie Anfang 2026 klagte: „Wir machen ständig Inspektionen und haben 116 illegale Pumpstationen geschlossen, aber die Justiz hinkt nach.“
Nur 52 Fälle seien sanktioniert worden. Straffreiheit als Folge von Korruption, Ineffizienz und schlechter Ausstattung und Koordination der Strafverfolgungsbehörden liegt in Mexiko laut dem World Justice Project bei 92 Prozent – neun von zehn aller Verbrechen, von Einbruch über Mord bis Umweltkriminalität, werden nicht bestraft. Solange sich daran nichts ändert, dürfte die Mafia ihren Griff nach dem Wasser kaum lockern. Und Mexikos Bevölkerung dürstet weiter, zerrieben zwischen den Interessen der Wirtschaft, der Kriminalität und binationalen Verträgen.
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