Auf einem kleinen, schmucklosen Platz sorgt eine Gestalt mit Hosenträgern, einem winzigen Hut, übergroßen Schuhen und einer roten Nase für einen Farbtupfer. Es ist der Clown Adão, der das im Volksmund Cracolândia, Crack-Land, genannte Stadtviertel im Zentrum São Paulos besucht. Es ist bekannt dafür, dass hier viele Menschen von Crack, Alkohol und anderen Drogen abhängig sind.
Adão schneidet lustige Grimassen, rutscht ungeschickt in einem Einkaufswagen herum, stürzt und versucht, von einer Bank springend zu fliegen. Schließlich greift er zum Mikrofon, um einen Witz zu erzählen, alles begleitet von Trommelschlägen. Schon nach kurzer Zeit scharen sich Crack-Abhängige, Kinder und Anwohner des Viertels um ihn – Menschen, um die sich in der Metropole sonst kaum jemand kümmert.
Im Crack-Viertel öffnet sich ein Tor zu einem neuen Leben
Hier, wo Fantasie auf unmittelbare Not trifft, macht Adão keine großen Versprechen und drängt auch niemanden, von heute auf morgen von den Drogen zu lassen. Er und seine Truppe – drei treten wie er als Clowns auf, zehn spielen in der Trommelgruppe des Projekts – bieten vor allem Präsenz und Akzeptanz an. Die können Verbindung schaffen und manchmal das Tor zu einem neuen Leben sein.
Seit zwei Jahren tritt der Clown mit dem Verein für Unterkunft, Arbeit und Behandlung (Associação Teto, Trampo e Tratamento, TTT) immer wieder in Cracolândia auf. Einem Innenstadtviertel, in dessen Straßen nach Angaben der Stadtverwaltung von São Paulo im Jahr 2023 bis zu 527 Crack-, Alkohol- und andere Drogenkonsumenten lebten. Wegen des Drogenmarktes unter freiem Himmel, umgangssprachlich „Fluxo“, sind schon viele Menschen in andere Stadtteile gezogen.
TTT setzt sich für eine gemeindebasierte Versorgung von Abhängigen ein und vermittelt Wohnraum, bezahlte Arbeit und medizinische Behandlung im brasilianischen einheitlichen Gesundheitssystem (SUS), das auch Einrichtungen zur Behandlung von Drogensucht hat. Gemäß der Philosophie des Projekts sind Wohnraum und ein Gehalt keine Belohnungen für weniger Drogenkonsum, sondern wesentliche Voraussetzungen, um den Kreislauf des fortwährenden Substanzkonsums als Überlebensstrategie zu durchbrechen.
Humor, Fantasie und Freundschaft überwinden die Gewalt
Jeden Freitag geht das Trommelensemble auf die Straße, einmal im Monat kommen auch die Clowns dazu. „Ein Clown ist einfach, wer er ist – er lacht über seine eigenen Schwächen und bringt auch andere dazu, darüber zu lachen. Ob wir es akzeptieren oder nicht, die Wahrheit ist, dass in uns allen viel vom Clown steckt“, sagt Paulo Federal, der Schauspieler, der Adão verkörpert.
Autorin
Sarah Oliveira Fernandes
ist Journalistin und Geografin in Brasilien. Sie berichtet über Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen in Lateinamerika und Asien.Als Clown – eine Figur, die aus Misserfolgen Lachen macht – weiß er, dass es unmöglich ist, für sich selbst zu sorgen, wenn man auf der Straße lebt, ständig Gewalt ausgesetzt ist, kein Einkommen hat und polizeiliche Schikanen, Angst und Hunger ertragen muss. Deshalb ist auf seinem Kostüm eine Botschaft: eine Waffe, die mit einem roten Band durchgestrichen ist zum Zeichen dafür, dass in seiner Show Humor, Fantasie und Freundschaft die Gewalt überwinden.
„Die Menschen tragen meist alle möglichen sozialen Masken, aber der Clown trägt keine. Wer auf der Straße lebt und mit Drogenproblemen kämpft, hat seine Masken meist längst verloren, deshalb identifizieren sich die Leute hier so sehr mit dem Clown“, sagt Paulo – oder eher Adão, der ehrenamtlich als Clown auftritt. „Er schlägt Brücken.“
Aus der Obdachlosen wurde die kleine Hexe Bruxinha
Die neueste Clownin der TTT-Truppe mit dem Namen Bruxinha (kleine Hexe) trägt ein wallendes gelbes Kleid und Gesichtsbemalung. „Bruxinha war mein Spitzname, als ich noch auf der Straße lebte“, sagt die Schauspielerin Ana Maria Alves, die die Figur seit zwei Jahren darstellt.
Ana Maria hatte 30 Jahre lang mit Crack und anderen Drogen zu kämpfen, sieben Jahre davon auf den Straßen São Paulos, wo sie keinen Kontakt zu ihrer Familie hatte. Vor zwei Jahren erhielt sie die Chance, vom TTT-Projekt aufgenommen zu werden, die Straße zu verlassen und ein Zimmer in der Unterkunft der Organisation zu teilen, wo sie nun selbst für Ordnung und Sauberkeit verantwortlich ist. Zudem musste sie an allen Projektaktivitäten teilnehmen, darunter Therapie, Theater, Lernsitzungen und Diskussionsgruppen, und erhielt umgerechnet 320 Euro im Monat. Die gesamte Behandlung ist für sie kostenlos und wird unter anderem durch eine Partnerschaft mit der Stadtverwaltung von São Paulo finanziert.
„Clown zu sein, ist etwas Wunderbares“
„Ich hatte nichts; ich wusste nicht einmal mehr, wer ich war“, erinnert sich Ana Maria. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mit Kunst arbeiten, eine Figur erschaffen, Menschen zum Lachen bringen und anderen helfen könnte, die sich in derselben Lage befinden wie ich früher. Clown zu sein, ist etwas Wunderbares – es erfüllt mich und rettet mich.“ Während der TTT-Theaterkurse entstand „Bruxinha“, die Figur, die nun auf den Straßen von Cracolândia bekannt ist. In den ungewöhnlichsten Momenten schlägt sie ihre Zimbel und ergänzt auf ihre Weise die Trommelvorführung, wobei sie das Unbeholfene oder Unangenehme hervorhebt, um Lacher hervorzurufen.
Doch das Wichtigste, was die Clownin Bruxinha Ana Maria selbst gebracht hat, ist die Wiederannäherung an ihre Familie. Als Mutter von sieben Kindern hatte sie wegen ihrer Sucht und ihres Lebensstils ihre Kinder nicht aufwachsen sehen. Seit vergangenem Jahr hat sie aber wieder Kontakt zu zwei ihrer Töchter und baut diese Bindungen allmählich wieder auf. Ihre jüngste Tochter lebt nun mit ihr in der Wohnanlage des Projekts und unterstützt sie bei der Therapie.
„Ich bin so stolz auf sie, weil sie Menschen hilft und ihnen mit Kunst und Humor Trost spendet“, sagt Ana Marias Tochter, die 16-jährige Schülerin Ana Carolina Ferreira. „Ich hätte nie gedacht, dass sie so ein Talent als Clownin hat – Menschen zu unterhalten, sie glücklich zu machen und ihnen Hoffnung zu geben, ihre Probleme zu meistern.“
Der Psychiater nutzt das Clownskostüm
Der Verein TTT wurde 2021 gegründet, um Menschen, die auf den Straßen von São Paulo leben und drogenabhängig sind – die meisten von ihnen sind arm und schwarz –, eine gemeindenahe Behandlung anzubieten. Seit 2026 betreut das Projekt 25 Menschen. Es führt das Programm „De Braços Abertos“ der Kommune São Paulo fort, das von 2014 bis 2017 umgesetzt wurde. Inspiriert von einer Initiative in Vancouver, Kanada, bot das Programm Drogenabhängigen in Cracolândia Unterkunft, Beschäftigung und Behandlung an, um die soziale Wiedereingliederung zu fördern. Laut einem Bericht der Open Society Foundations aus dem Jahr 2017 haben mehr als die Hälfte der Teilnehmenden den Kontakt zu ihren Familien wieder hergestellt, fast drei Viertel in den angebotenen Diensten gearbeitet und zwei Drittel ihren Crack-Kokainkonsum reduziert, obwohl Abstinenz keine Voraussetzung war. Die Initiative betreute mehrere Hundert Begünstigte.
„Allein dadurch, dass man Süchtigen eine Unterkunft bietet, reduziert man deren Drogenkonsum“, sagt der Psychiater Flávio Falcone, der zum Team von De Braços Abertos gehörte und an der Gründung des Vereins TTT mitwirkte. „Dadurch wird sichergestellt, dass der Patient für weitere Behandlungen ausfindig gemacht werden kann – beispielsweise für HIV, das unter der Bevölkerung von Cracolândia weit verbreitet ist.“
Das Besondere an Flávios Sprechstunden war, dass er seine Cracolândia-Patienten auch als Clown verkleidet empfing. „2008 begann ich, an einem Zentrum für psychosoziale Betreuung zu arbeiten, wo ich Obdachlose behandeln sollte. Ich brauchte einen Monat, um eine erste Vertrauensbasis aufzubauen“, erinnert er sich. „Aber immer, wenn sie mich in meinem weißen Kittel sahen, wichen sie zurück, weil sie dachten, ich wolle sie gegen ihren Willen einweisen. Eines Tages ist mir die Idee gekommen, als Clown verkleidet hinzugehen. Das hat mein Leben verändert – und ihres. Die rote Nase war mein Stethoskop“, sagt er. Flávio arbeitete bis Oktober 2025 mit dem Verein TTT zusammen, doch nachdem er die Förderung von einer Bank verloren hatte, die seine Betreuung als Clown in Cracolândia finanzierte, kehrte er in die Privatpraxis zurück.
De Braços Abertos wurde 2017 unter politischem Streit von der neuen Stadtverwaltung eingestellt und durch ein anderes Programm ersetzt. Die derzeitige Stadtverwaltung bietet ein sogenanntes Betreuungszentrum für Crack und andere Drogen an, das Straßenarbeit mit stationärer Behandlung in Entzugskliniken kombiniert. Kritiker weisen jedoch auf einen Anstieg zwangsweise angeordneter Einweisungen hin.
Wohnraum, Arbeit, Behandlung – und Kunst
Wer sich entscheidet, mit dem Verein TTT neue Wege einzuschlagen, erhält auch Unterstützung bei der Beschaffung offizieller Dokumente, der Klärung von Rechtsfragen und der Arbeitssuche. Mit der Initiative „Teto“ (Wohnraum) werden Begünstigten Gemeinschaftsunterkünfte zur Verfügung gestellt, ganz im Sinne der „Housing First“-Strategie, die ein stabiles Zuhause als Grundlage für jeden Veränderungsprozess betrachtet. Mit der Initiative „Trampo“ (Arbeit) organisiert das Projekt Kurse und produktive Tätigkeiten, um Einkommen zu erzielen und Fähigkeiten zu entwickeln. Die Initiative „Tratamento“ (Behandlung) bietet therapeutische Unterstützung.
Doch die Kunst macht den einzigartigen Aspekt von TTT aus. Zwischen Witzen und Sketchen bringen die Künstler jeden Freitag eine Show auf die Straße, spielen Musik, die von den Trommelgruppen der Sambaschulen inspiriert ist, und geben Menschen, die mit einer Sucht zu kämpfen haben, das Mikrofon, damit sie singen, Gedichte vortragen, tanzen und sich ausdrücken können. „Das Rohmaterial des Clowns ist das Leiden. Wir lachen über den Clown, weil er stolpert, hinfällt und tollpatschig ist“, sagt Falcone. „Und wer sind die Obdachlosen, wenn nicht die Versager der kapitalistischen Gesellschaft? Da besteht eine direkte Verbindung.“
Die Mission des Clowns: Vertrauen aufbauen
Der Clown betritt Cracolândia nicht, um von der harten Wirklichkeit abzulenken, sondern um Vertrauen aufzubauen und das Selbstwertgefühl von Menschen wiederherzustellen – Menschen wie dem 47-jährigen Admilson Moura, der seit 28 Jahren crackabhängig ist und davon zwölf Jahre auf den Straßen von Cracolândia verbracht hat. „Als das Projekt mich aufnahm, hielt ich es keine 30 Minuten ohne die Droge aus. Heute vergehen Tage, an denen ich nicht zum ‚Flow‘, dem Treffpunkt der Konsumenten, gehe“, sagt er sichtlich bewegt. „Von meinem Lohn konnte ich meinen Führerschein verlängern und mir ein Fahrrad und ein Handy kaufen.“
Sein Traum ist es nun, eine eigene Wohnung zu mieten und sich ein Motorrad zu kaufen, um als Lieferdienstfahrer zu arbeiten. Er will auch die Bindung zu seiner Familie stärken. Und vor allem will er anderen Obdachlosen helfen, die mit einer Sucht zu kämpfen haben – so wie ihm selbst geholfen wurde. „Der Clown spielt in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Er vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Freude und erinnert uns an unsere Kindheit – daran, wer wir einmal waren und wovon wir einst geträumt haben. Der Clown zeigt uns, dass wir wieder glücklich sein können, so wie ich es heute bin.“
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
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