Trauern und trotzdem lachen an Gai Jatra

Beim traditionellen Gai-Jatra-Fest in Nepal posiert eine Gruppe Feiernder in bunten Kostümen vor einem Gebäude.
Shrestha/NurPhoto/picture alliance
Schrille Verkleidungen gehören dazu – Feiernde posieren 2024 in Kathmandu für ein Foto.
Nepal
Das traditionelle Gai-Jatra-Fest erinnert in Nepal an diejenigen, die im vergangenen Jahr gestorben sind – mit teils karnevalesken Zügen. Und es bietet auch Raum für politische Satire und Parodie.

Am ersten Tag nach dem Vollmond im zehnten Monat des Nepal-Sambat-Kalenders feiert die indigene Newa-Gemeinschaft in Nepal das Gai-Jatra-Fest. Es erinnert an jene, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Das Fest findet seit Jahrhunderten je nach Mondstand im August oder September statt und bietet den Hinterbliebenen die Möglichkeit, ihre Toten in öffentlichen Umzügen zu ehren. Es ist weit mehr als ein Trauerritual: eine Zeit, in der Familien ihrem Verlust mit Humor begegnen. Durch komische Straßenaufführungen und karnevalsähnliche Paraden verwandeln sie private Trauer in ein gemeinschaftliches, öffentliches Erlebnis.

„Es mag wie ein Tag voller Umzüge wirken, an dem die Menschen lachen und scherzen, aber das ist Katharsis“, sagt Rajan Lal Joshi. Der Kulturexperte erforscht die Newa-Folklore und lehrt am Patan Multiple Campus im Kathmandu-Tal. „Humor ist ein integraler Bestandteil des Rituals und macht deutlich, dass das Leben trotz persönlicher Verluste weitergeht und Freude bereiten kann.“

Forschungen führen die Entstehung von Gai Jatra – in der Newa-Sprache „Saa Paru“, wörtlich „Kuhprozession“ – auf die Regierungszeiten von Pratap Malla und Jagat Prakash Malla zurück. Die beiden Könige der Malla-Dynastie herrschten im 17. Jahrhundert über zwei damals unabhängige Reiche im Tal von Kathmandu, der heutigen Hauptstadt, und der nahe gelegenen historischen Königsstadt Bhaktapur. Pratap Malla, der achte König von Kantipur, wie Kathmandu früher hieß, gilt als Begründer der gemeinschaftlichen Tradition des Gai Jatra. Um seine Königin nach dem Tod ihres Sohnes zu trösten, ließ er einen Umzug veranstalten und ergänzte ihn um humoristische Elemente. Jagat Prakash Malla, der achte Herrscher von Bhaktapur, soll wiederum Musik und Tanz in die Rituale eingeführt haben. Beide Traditionen prägen das Fest bis heute.

Umzug mit religiösen Wurzeln

Experten wie Joshi sind jedoch überzeugt, dass Gai Jatra noch ältere Wurzeln hat und auf die Licchavi-Dynastie zurückgeht, die das Kathmandu-Tal zwischen dem vierten und achten Jahrhundert beherrschte. Die Annalen erwähnen eine Kuhprozession in Limatigrama, dem heutigen Lele nahe Kathmandu. Kühe spielten eine zentrale Rolle, weil sie im Hinduismus heilig sind. Man glaubt, dass sie, wenn sie durch die Straßen ziehen, den verstorbenen Angehörigen den Zugang zum Himmel öffnen.

Überliefert ist zudem der Glaube, dass göttliche Gestalten an der Prozession teilnehmen. Hinduistische Texte schildern laut Joshi, wie die Hauptgottheiten Brahma, Vishnu und Shiva während des Umzugs tanzen und singen, gefolgt von Nandi, dem heiligen Stier, und dem Weisen Bhringi.

Das Fest trägt Züge des ­Straßenkarnevals: Eine Gruppe von Trommlern zieht am Gai-Jatra-Fest 2024 durch die Straßen von Bhaktapur im Kathmandu-Tal.

Inzwischen, so betonen Fachleute, sind zu diesen religiösen Figuren in den Gai-Jatra-Aufführungen Elemente von Parodie und Satire hinzugekommen, um das Publikum zum Lachen zu bringen. In Bhaktapur hat sich insbesondere „Ghintang Kisi“ als fester Bestandteil etabliert: Zwei Reihen von Teilnehmenden stehen sich gegenüber, schlagen Holzstäbe rhythmisch aneinander und führen im Takt traditioneller Instrumente synchron Tanzschritte aus.

Mit der Inszenierung die Trauer bewältigen

Für Jiva Lamsal, Dozent an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Sydney, der die politische und poetische Dimension von Gai Jatra untersucht hat, bewältigen trauernde Familien mit Hilfe der theatralischen Inszenierung ihr Trauma. „In der nepalesischen Kulturkosmologie gilt der Tod weniger als Bruch denn als Übergang, und genau das verkörpert dieses Fest – man trauert und lacht zugleich, und beides widerspricht sich nicht“, sagt er. „Das ist eine ausgefeilte emotionale Grammatik.“

An Gai Jatra verwandeln sich die Straßen Kathmandus in einen pulsierenden Karneval. Am Morgen ziehen Jungen aus Familien, die einen Angehörigen verloren haben, in farbenfrohen Kostümen und mit Kopfbedeckungen, die Kühe darstellen, durch die Stadtviertel. Im Laufe des Tages wird die Atmosphäre zunehmend ausgelassen, während immer mehr Menschen mit bemalten Gesichtern, Masken und spielerischen Verkleidungen dazustoßen.

Autor

Bibek Bhandari

hat in Indien und China gelebt und ist freier Journalist in Kathmandu, Nepal.

Gregory Grieve, Professor für Religionswissenschaft an der University of North Carolina in Greensboro und Autor einer Abhandlung über Gai Jatra, betont die zentrale soziale Bedeutung, die die Straßenaufführungen, Kostüme und Parodien auf Politik und Gesellschaft dem Fest verleihen. Politische Karikaturen, das Imitieren und Verspotten öffentlicher Figuren sowie Lieder, die soziale Missstände aufs Korn nehmen, schaffen einen karnevalesken Raum – „eine vorübergehende Welt, in der gewohnte Hierarchien und Identitäten verschwimmen“, sagt Grieve.

Gai Jatra erinnere an das, was der russische Philosoph Michail Bachtin als „Volkshumor“ bezeichnete: ein karnevaleskes Lachen, das als Gegenkraft zu Angst, Hierarchie, Zensur und starrer Autorität wirkt. „Das Fest lockert vorübergehend die üblichen sozialen Strukturen und ermöglicht es so trauernden Familien, sich dem Lachen anzuschließen“, sagt Grieve. Satire und Komik würden zu Bestandteilen der kollektiven Bewältigung von Verlust.

Männer in Frauenkleidung und eine Pride-Parade

Manche Gemeinden feiern Gai Jatra nur einen Tag lang, andere dehnen es laut dem Kulturexperten Joshi auf bis zu acht Tage aus. Einer dieser Tage ist als „Ropai Jatra“ bekannt, das „Reispflanzfest“. An diesem Tag verkleiden sich Männer zum Spaß als Frauen. Das Gelächter, das sie damit hervorrufen, soll emotionale Anspannung lösen. Joshi zufolge entstand diese Tradition in einer Zeit, in der Frauen das Haus nicht verlassen durften, um öffentlich aufzutreten – weshalb Männer die weiblichen Rollen übernahmen. 

Das Tragen von Kleidung, die dem anderen Geschlecht zugeordnet wird, und früher der Ausschluss von Frauen verweisen auf eine Genderdimension des Festes. Seit 2001 organisiert die nepalesische Organisation für LGBTQ-Rechte, die Blue Diamond Society, während des Gai-Jatra-Festes in Kathmandu auch eine Pride-Parade. Ursprünglich wurde die Parade zum Gedenken an Transgenderpersonen veranstaltet, die an Aids gestorben waren und denen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oft ein würdiges Begräbnis verwehrt blieb. 

Die Parade entstand in einer Zeit, in der polizeiliche Übergriffe und Diskriminierung weit verbreitet waren und die gesellschaftliche Akzeptanz für LGBTQ gering war. Sie wurde zu einem Zeichen von Sichtbarkeit und Widerstandskraft. Ihre Bedeutung wuchs nach dem wegweisenden Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2007, das die LGBTQ-Rechte bestätigte – Grundsätze, die später in der nepalesischen Verfassung verankert wurden.

Ein wichtiges Datum für politische Satire

In Nepal gilt es traditionell als unangemessen, während der Trauer um verstorbene Familienmitglieder zu lachen oder Freude zu zeigen. Familien, die einen Verlust erlitten haben, feiern ein Jahr lang keine Feste und verzichten auf Vergnügungen. „Gai Jatra legt nahe, dass öffentlicher Humor eine – wenn auch kulturell sanktionierte – Form des Umgangs mit Autorität, Trauer und sozialen Spannungen ist“, sagt Grieve.

Neben seiner religiösen und kulturellen Bedeutung hat sich Gai Jatra auch zu einem wichtigen Datum für Satire entwickelt: Humor als Mittel gesellschaftlicher Stellungnahme, politischer Kritik und der Auseinandersetzung mit dem Alltag strömt in den Tagen des Festivals mit ungewöhnlicher Offenheit auf die Straßen und in die Theater.

Dieser Trend wurde Ende der 1970er Jahre durch Nepals berühmtes Comedyduo Madan Krishna Shrestha und Hari Bansha Acharya – gemeinsam bekannt als MaHa – popularisiert. Ihre jährlichen Shows verbanden Humor mit pointierten sozialen und politischen Kommentaren. Während der parteilosen Panchayat-Monarchie von 1961 bis 1990, in der Kritik an Politikern strafrechtliche Folgen haben konnte, bot Gai Jatra einen geschützten Raum für solches Handeln. Die MaHa-Vorstellungen – meist in der Nepal Academy Hall – waren regelmäßig ausverkauft; das Publikum wartete jedes Jahr begierig auf seine Dosis befreienden Lachens.

Mit dem Beginn der Mehrparteiendemokratie 1990 gewannen die Theatershows im Rahmen des Gai Jatra weiter an Bedeutung. Denn mit der Demokratie wurde auch Korruption sichtbarer – ebenso wie der Machtmissbrauch durch Politiker. Die Gai-Jatra-Satire entwickelte sich zu einem Instrument, um Politiker zu tadeln und sie zu mahnen, ihr Handeln zu reflektieren und sich verantwortlich zu verhalten. Eine neue Generation von Komikern brachte mehr Vielfalt in die jährlichen Aufführungen.

Manoj Gajurel parodiert gerne prominente Staatschefs

Manoj Gajurel begann seine Karriere als politischer Satiriker während des Gai Jatra 1995 und tritt seither regelmäßig auf. Häufig verkörpert er politische Persönlichkeiten und beleuchtet gesellschaftliche Themen. Für ihn ist satirischer Humor eine „gesellschaftliche Verantwortung“. Politische Satire und Humor seien heute besonders bei der Diaspora beliebt. „Viele von ihnen gewinnen ein Verständnis der Politik des Landes eher durch Comedyshows als durch Nachrichten.“

Das Interesse an der satirischen Comedy des Gai Jatra hat sich laut Gajurel weiterentwickelt. Während das Publikum früher die Ausdauer für stundenlange Vorstellungen aufbrachte, bevorzugt es heute kürzere, bissigere Inhalte. Zudem erwartet es, dass Satire Themen direkt anspricht, statt sie nur zu umkreisen. Gajurels Team hat sein Repertoire erweitert und bezieht inzwischen nicht nur nationale, sondern auch internationale Ereignisse und Debatten ein. Häufig parodiert er prominente Staatschefs wie den indischen Premierminister Narendra Modi oder den US-Präsidenten Donald Trump.

Gleichzeitig kritisieren einige Beobachter, dass sich satirischer Humor zunehmend auf Imitation reduziere. Comedians setzten verstärkt darauf, Politiker und öffentliche Persönlichkeiten nachzuahmen, um Lacher zu erzielen – ein Trend, der in den vergangenen Jahren zugenommen habe.

Gai Jatra hat an ritueller Tiefe verloren, sein Wesen jedoch behalten

Experten wie der Sozialwissenschaftler Jiva Lamsal weisen zudem darauf hin, dass der sakrale Rahmen des Gai Jatra zwar traditionell politische Kritik ermögliche, diese Freiheit jedoch zunehmend still und leise eingeschränkt werde – nicht durch offene Verbote, sondern durch Selbstzensur, Überwachung und eine allgemeine Verengung dessen, was im aktuellen politischen Klima Nepals als akzeptable Meinungsäußerung gilt. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Stand-up-Comedians und Youtuber wegen abfälliger Äußerungen über Politiker oder bestimmte Gemeinschaften festgenommen – allerdings nicht im Zusammenhang mit Gai Jatra. „Ob Satire nun politisierter oder bedeutungsloser geworden ist – ich würde paradoxerweise sagen: beides“, so Lamsal. „Inhaltlich ist sie expliziter politisch, aber die rituelle Tiefe, die ihr einst Bedeutung verlieh, ist abgeflacht.“

Trotz aller Veränderungen erhält sich das Wesen von Gai Jatra. Hinterbliebene nehmen weiterhin an rituellen Darbietungen teil, während karnevalsähnliche Umzüge und Gelächter im Zentrum der Feierlichkeiten stehen. „Gai Jatra zeigt, dass Religion und Tradition kein statisches Erbe sind, sondern lebendige kulturelle Ressourcen, mit denen Trauer und soziale Spannungen bewältigt werden können“, betont Grieve. „Ich liebe dieses Fest, weil es etwas zutiefst Menschliches offenbart: dass Gemeinschaften selbst angesichts des Todes gemeinsam Freude, Kreativität und Lachen hervorbringen.“

Aus dem Englischen von Anja Ruf.

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erschienen in Ausgabe 4 / 2026: ... wenn man trotzdem lacht
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