Indien: Heilsames Gelächter

Ein Inder und eine Inderin mit Narrenmütze und komischen Brillen, beide lachend, bei einer Lachyoga-Stunde.
Maroosha Muzaffar
Der „Lachdoktor“ Harish Rawat, in der Mitte mit Narrenmütze, fordert die ganze Gesellschaft auf, einfach zu lachen.
Lachyoga
In Indien wurde das Lachyoga erfunden. Vor allem ältere Inderinnen und Inder praktizieren es, weil sie sonst nicht mehr viel zu lachen haben – und weil auch künstliches Lachen gesund ist. Und darüber machen sich jüngere Inder lustig.

An einem sonnigen Mainachmittag in der Defence Colony, einem der wohlhabendsten Viertel Delhis, plauschen um die 20 ältere Damen in einem geschmackvoll eingerichteten Salon miteinander. Mit einem Mal steht ein Mann mit einem bunten Narrenhut auf, hebt die Arme und fordert alle auf, zu lachen. „Ha, ha, ha!“, ruft er. Die Damen, alle in den Siebzigern und Achtzigern, fallen sofort ein und füllen den Raum mit lautem Gelächter. Sie umarmen sich, neigen die Köpfe nach hinten, ihre Schultern zittern. Noch einmal ruft der Mann mit der Narrenmütze „HA, HA, HA!“, diesmal etwas lauter. 

Zunächst fühle ich mich etwas unbehaglich. Weder hat jemand einen Witz erzählt, noch ist etwas besonders Lustiges passiert. Auf mich wirkt das alles ein wenig gezwungen. Doch dann breitet das Lachen sich aus, es ist ansteckend, es ergreift alle Anwesenden. Ein Assistent des Mannes mit der Narrenmütze filmt währenddessen das Geschehen. 

Die Mission des „Lachdoktors“: eine Welt ohne Depressionen

Ich nehme an einer Lachyogastunde teil, die von Harish Rawat geleitet wird, dem Mann mit der Narrenmütze. Er hat die LOL Yoga Foundation gegründet und beschreibt seine Mission, eine „depressionsfreie Welt“ zu schaffen und den „Weltfrieden durch Lachen“ zu erreichen. Manchmal nennen ihn die Leute deshalb den „Lachdoktor“. Rawat, der einen Guinness-Weltrekord für die längste Marathon-Lachtherapiesitzung hält, gehört zu den bekanntesten Lachyogalehrern Indiens. 

In der folgenden Stunde machen wir eine Reihe von Atemübungen, dann fordert er zwei Teilnehmerinnen auf, entweder einen bunten Hut oder eine sonnenblumenförmige Sonnenbrille aufzusetzen – vermutlich, um Lachen hervorzurufen. Sein folgendes „Ha, Ha, Ha. Ho, Ho, Ho“ müssen alle nachmachen. „Das Gehirn erkennt keinen Unterschied zwischen echtem und vorgetäuschtem Lachen“, erklärt mir Rawat nach der Sitzung. Das absichtliche Lachen helfe deshalb, Stress abzubauen, und sei gut für die Gesundheit. 

Forschungsergebnisse belegen tatsächlich, dass Lachen positiv auf die Gesundheit wirken kann. Lachen trägt dazu bei, die Blutgefäße zu entspannen, den Blutdruck zu senken und das Risiko der Bildung von Blutgerinnseln zu verringern. Studien haben zudem ergeben, dass Menschen, die häufiger lachen, seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. 

In der Popkultur ist Lachyoga eher ein Stoff für Parodien

Autorin

Maroosha Muzaffar

ist Journalistin in Neu-Delhi und schreibt für „The Independent“ und andere Zeitungen wie „The New York Times“, „The New Republic“ und „The Atlantic“ über Indien und Südostasien.

Die heutige Lachyogasitzung mit dem Lachdoktor Rawat hat Manjari Jain, 72, bei sich zu Hause organisiert. Sie habe unbedingt einmal an einer Lachyogastunde teilnehmen wollen, erzählt sie mir, weil viele Menschen in ihrem Alter still und leise aufgehört hätten zu lachen. 

In den indischen sozialen Medien werden ältere Menschen in Online-Videos oft lächerlich gemacht und verspottet, Lachyoga ist in der Popkultur eher ein Stoff für Parodien und Memes. Jain erklärt, warum es bei älteren Menschen trotzdem Anklang findet: „Die Älteren haben emotionale Probleme kennengelernt und gesundheitliche. Wir haben Trauerphasen durchlebt, wir haben gelernt, das Leben und den Verlust von Leben zu akzeptieren – aber das Geschehene hat uns doch geprägt.“

Natürlich könne Lachyoga künstlich und erzwungen wirken. „Aber auch wenn es sich anfangs ein wenig künstlich anfühlt, reagiert der Körper dennoch darauf. Das hilft uns, uns zu entspannen, und hebt unsere Stimmung.“

Lachtherapie: „Wenn wir lachen, fühlen wir uns gut“

Lachyoga entstand in den 1990er Jahren in Indien und beruht auf der Idee, dass bewusstes Lachen viele der physiologischen und psychologischen Vorteile bieten kann wie spontanes Lachen. Begründet wurde die Methode im Jahr 1995 von Madan Kataria. Dem Arzt aus Mumbai zufolge hat Lach­yoga mittlerweile über 120 Länder erreicht. Die Sitzungen, die in der Regel Lachübungen mit Atemtechniken kombinieren, finden in Parks ebenso wie in Büros, in Seniorenheimen oder auch in Krankenhäusern statt.

Auch die Frauen im Salon der Defence Colony berichten nach der Sitzung von den psychologischen Vorteilen. Eine Teilnehmerin, die sich nur mit ihrem Vornamen Vandana vorstellt, erzählt mir: „Wenn wir lachen, fühlen wir uns gut.“ Rawat ergänzt: „Warum ist das so? Weil Lachen die Ausschüttung von Endorphinen auslöst – den natürlichen ‚Wohlfühlchemikalien‘ unseres Körpers.“ Lachen sei einfach „eine einfache Möglichkeit, etwas von der Anspannung, die wir in uns tragen, abzubauen“.

Für viele der Anwesenden sind die Vorteile des Lachyogas weniger wissenschaftlicher als vielmehr persönlicher Natur. Eine Frau erzählt: „Es hilft uns auch dabei, anderen Freude zu bereiten. Ich finde, jeder sollte es praktizieren.“ Eine andere sagt: „Das Leben ist sehr schnell geworden, und alle sind extrem beschäftigt. Lachyoga zu lernen und zu praktizieren kann das Leben verbessern.“ 

Rawat braucht den Kick durch Alkohol und Drogen nicht mehr

Rawats Reise zum Lachyoga begann indes mit einer persönlichen Tragödie, erzählt der 46-Jährige. „Während meiner Studienzeit habe ich zu viel geraucht, Alkohol getrunken und Drogen genommen. Das tat meiner körperlichen und geistigen Gesundheit nicht gut. Jemand schlug mir vor, Lach­yoga und Klangtherapie auszuprobieren. Als ich es versuchte, wurde das zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Das Gefühl der Erleichterung und der Positivität, das ich durch diese Praktiken erlebte, ersetzte nach und nach den ‚Kick‘, den ich zuvor anderswo gesucht hatte.“

Inzwischen arbeitet er mit Organisationen wie der Polizei von Delhi, der Polizei von Haryana, der indischen Armee und Krebskliniken zusammen. „Krebskliniken sind besonders bedeutsam, weil man dort nicht nur Patienten, sondern auch deren Familien trifft und versteht, welche emotionale Last sie tragen.“ Auch wenn man die Lebensumstände eines Menschen nicht ändern könne, könne man „ihm dennoch Momente der Freude schenken“.

Gespött im Internet kümmert Anhänger des Lachyogas nicht

Nach der Sitzung in der Defence Colony essen die Frauen zusammen zu Mittag. Rawat erklärt dazu, dass Depressionen und Einsamkeit inzwischen globale Probleme geworden seien. „Die Welt ist voller Konflikte, Stress und Negativität. Aber wenn wir jeden Tag auch nur fünfzehn oder zwanzig Minuten damit verbringen können, gemeinsam zu lachen, können wir Momente des Friedens, der Verbundenheit und der Heilung schaffen.“ Man kann Lachyoga auch allein praktizieren, sagt er, aber in einer Gruppe gebe es noch mehr Energie. 

Trotz der Bedeutung, die Rawat und alle Teilnehmerinnen dem Lachyoga beimessen, sind in der indischen Popkultur Videos von Lachyogagruppen zu einer beliebten Quelle für Internethumor geworden, insbesondere beim jüngeren Publikum. Denn gerade auf viele jüngere Menschen, die online auf derlei Videos stoßen, wirkt die Praxis unbeholfen oder absurd.

Diejenigen aber, die an den Sitzungen teilnehmen, sehen die Dinge oft anders. Die Frauen in Rawats Kurs scheinen sich nicht um die Witze und Memes im Internet zu scheren. Auch Rawat erklärt, der Zweck der Praxis sei es, das Wohlbefinden zu verbessern und nicht, irgendjemanden zu beeindrucken. Für die Praktizierenden des Lachyogas geht es bei den Sitzungen weniger um Komik als vielmehr darum, ein Gefühl zurückzugewinnen, das mit zunehmendem Alter allmählich verblasst ist.

Aus dem Englischen von Barbara Erbe.

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das Roller aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
erschienen in Ausgabe 4 / 2026: ... wenn man trotzdem lacht
Dies ist keine Paywall.
Aber Geld brauchen wir schon:
Unseren Journalismus, der vernachlässigte Themen und Sichtweisen aus dem globalen Süden aufgreift, gibt es nicht für lau. Wir brauchen dafür Ihre Unterstützung – schon 3 Euro im Monat helfen!
Ja, ich unterstütze die Arbeit von welt-sichten mit einem freiwilligen Beitrag.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!