Der Krieg zerreißt viele Familien

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Schwarz gekleidete jemenitische Gemüseverkäuferin mit einem Sack auf dem Kopf in Rückansicht vor dörflicher Kulisse.
Nasser Al-Sakkaf
Mona Sorour läuft jeden Tag durch die Dörfer und verkauft Gemüse. So bringt die 34-Jährige, die nicht erkannt werden will, sich und ihre drei Töchter durch, seit ihr Mann in Kriegsgefangenschaft ist.
Jemen
Im Jemen sitzen Tausende Kämpfer in Gefängnissen der Regierung oder auch der Huthi-Rebellen. Viele Frauen hoffen auf die Rückkehr ihrer Männer, andere lassen sich scheiden – was für die Kinder besonders schlimm ist.

Sobald die Sonne aufgeht, steht die 34-jährige Mona Sorour auf und macht in ihrem abgelegenen Dorf südlich der Stadt Taiz im Jemen Frühstück für ihre drei Töchter im Alter zwischen 7 und 13 Jahren. Dann geht sie auf den Markt, um Brunnenkresse, Koriander und Lauch zu kaufen. Mit dem frischen Grünzeug in der Tasche macht sie sich auf den Weg durch die Dörfer, um es dort von Tür zu Tür an Familien zu verkaufen. Manche brauchen das Gemüse tatsächlich, andere kaufen es einfach aus Mitgefühl, wieder andere behandelten sie wie eine Bettlerin, sagt sie.

„Es ist nicht leicht, jeden Tag durch mindestens zehn Dörfer zu laufen, etwa zwanzig Kilometer, acht Stunden lang, nur um den Inhalt meiner Tasche feilzubieten, damit ich Essen für meine Töchter kaufen kann“, sagt Mona. Sie verdient umgerechnet etwa drei Euro am Tag, manchmal sogar noch weniger. Das reicht kaum, um sich und ihre Kinder mit dem Nötigsten zu versorgen. An Tagen, an denen sie zu müde ist oder krank wird, müssen sie mit nur einer Mahlzeit am Tag auskommen, finanziert aus den wenigen Ersparnissen, die ihr geblieben sind. 

Mona verrichtet diese kräftezehrende Arbeit seit fünf Jahren. Damals wurde ihr Ehemann Abdulrahman Sabri während Kämpfen von Huthi-Kräften festgenommen. Vorher hatten die Regierungstruppen den heute 38-Jährigen als Kämpfer gegen die Huthis rekrutiert.

Kein Sold mehr nach der Gefangennahme

„Mein Mann ist kein Kämpfer, aber er konnte keine Arbeit finden. Schließlich beschloss er 2020, an die Front zu gehen, um für uns zu sorgen“, sagt Mona. Ein Jahr lang habe er dafür ein gutes Gehalt bekommen und sie hätten ein stabiles Leben geführt. „Doch dann wurde er festgenommen, und zwei Jahre lang hörten wir gar nichts von ihm.“

Autor

Nasser Al-Sakkaf

schreibt als freier Journalist im Jemen für mehrere internationale Zeitungen, Zeitschriften und Websites wie "Middle East Eye", "The New Humanitarian" und "Al Jazeera English".

Nachdem er gefangen genommen worden sei, sei auch das Gehalt ihres Mannes nicht mehr ausbezahlt worden, sagt sie. Deshalb müsse sie nun die Familie ernähren. Und darüber hinaus ihrem Mann Geld schicken, erklärt sie. „Denn inzwischen wissen wir endlich, in welchem Gefängnis er festgehalten wird. Er braucht dort Geld, um Medikamente und Lebensmittel zu kaufen, da seine Rationen dort nicht ausreichen. Er ist mein Mann und der Vater meiner Töchter. Ich muss ihm in dieser schwierigen Situation zur Seite stehen.“

Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Männer die kriegführenden Parteien im Jemen gefangen halten, doch es dürften Tausende sein. Im Mai 2026 unterzeichneten die international anerkannte jemenitische Regierung und die Huthi-Gruppe in Jordanien ein von den Vereinten Nationen gefördertes Abkommen zum Austausch von über 1600 Gefangenen. Noch nie wurden im Krieg im Jemen auf einen Schlag so viele Männer freigelassen.

Mushtaqs Frau heiratete einen anderen, um versorgt zu sein

Mushtaq, 45 Jahre, ist ein weiterer Kämpfer, der 2020 von den Huthi-Kräften festgenommen wurde. Obwohl seine Familie seinen Aufenthaltsort ausfindig machen konnte, hat ihn bisher niemand besucht: Die Reise ist einfach zu teuer. Auch Mushtaq ist weiterhin dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Seine Frau, die 38-jährige Islah, wartete drei Jahre lang auf ihn und arbeitete in dieser Zeit in der Nachbarschaft als Wäscherin und Putzhilfe, um ihre beiden Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahren zu versorgen. Dann entschied sie sich, sich von Mushtaq scheiden zu lassen, um mit einem anderen Mann, der für sie sorgen kann, einen Neuanfang zu wagen. Dafür ließ sie ihren Ehemann und ihre Kinder bei Verwandten zurück. „Es war unglaublich schwer, aber ich habe es drei Jahre lang ausgehalten, in der Hoffnung, dass Mushtaq zurückkehrt, doch es war vergeblich.“

Islah reichte bei einem örtlichen Gericht die Scheidung ein. Nach etwa vier Monaten gab das Gericht ihrem Anliegen statt mit der Begründung, ihr Mann könne nicht zurückkehren und ihr fehle finanzielle Unterstützung. Sechs Monate später heiratete sie einen anderen Mann. Sie sagt: „Ich genieße jetzt ein friedliches Leben mit einem Mann, der für mich sorgen kann. Ich muss nicht mehr arbeiten. Wenn ein Ehemann nicht für seine Frau sorgen kann, ist es besser für sie, geschieden zu sein, als zu harter Arbeit gezwungen zu werden.“

Von der Mutter im Stich gelassen

Während Islah sich ein neues Leben aufgebaut hat und ihr Mann in Haft sitzt, sind die Kinder sich selbst überlassen. Da ihnen sowohl Mutter als auch Vater fehlen, haben sie die Schule abgebrochen und leben nun abwechselnd bei ihrer Tante und bei einer Nachbarin, die ihnen gelegentlich hilft. Laut Gesetz ist der Vater für die Kinder verantwortlich, und die Mutter kann sie ihrem neuen Ehemann nicht aufzwingen, wenn der sie nicht akzeptiert. Islah ist sich der schlechten Lage ihrer Kinder bewusst, besucht sie aber nur einmal im Monat. „Die Kinder werden alles vergessen, sobald sie erwachsen sind“, sagt sie. 

Hani, ein Kämpfer in den Dreißigern, wurde 2019 inhaftiert und schließlich im November 2025 freigelassen. Einerseits war er wie jeder andere Gefangene überglücklich, seine Freiheit wiederzuerlangen. Andererseits musste er einen schweren Schock verarbeiten: „Meine Frau hatte einen anderen Mann geheiratet, und meine einzige Tochter lebte bei meiner Mutter“, erzählt er. Die Bedingungen im Gefängnis seien zwar schrecklich gewesen, doch die Realität, der er nach seiner Freilassung gegenüberstand, sei weitaus schlimmer. „Ich versuche nun, mein Leben neu aufzubauen, indem ich eine neue Frau heirate, und wir werden gemeinsam mit meiner Tochter leben.“

Laut dem Gesetz kann eine Ehefrau die Scheidung beantragen, wenn der Ehemann nicht bei seiner Familie ist und nicht für deren Unterhalt sorgt. Das gilt etwa, wenn der Mann ins Ausland gereist ist und seine Familie länger als ein Jahr nicht versorgt hat. Der Soziologe Naif NourAddin erklärt, auch Frauen, deren Ehemänner im Gefängnis sitzen, hätten das Recht, die Scheidung zu beantragen. Er ist jedoch der Ansicht, dass diese Praxis destabilisierend auf die Gemeinschaft und die Zukunft der betroffenen Kinder wirken kann. „Wenn ein Vater inhaftiert ist, bedeutet das, dass seine Kinder zusätzliche Fürsorge und Stabilität von ihrer Mutter brauchen. Wenn auch die Mutter sie im Stich lässt, führt das zu einer Kata­strophe.“ 

Viele Kinder leiden am Krieg und an der Scheidung der Eltern

NourAddin warnt, dass diese Kinder in der Gesellschaft oft orientierungslos sind, was Groll und ein Gefühl von Entfremdung hervorrufen kann, da sie sich von allen verlassen fühlen. Eltern hätten unter den derzeitigen Umständen im Krieg ohnehin große Schwierigkeiten bei der Kindererziehung: „Man stelle sich also vor, welche Belastung es für Kinder bedeutet, die ganz ohne Eltern zurückbleiben.“

NourAddin findet, dass die Ehefrauen von Häftlingen die Zukunft ihrer Kinder sorgfältig abwägen müssen, bevor sie beim Gericht die Scheidung beantragen, da die Jugendlichen die eigentliche Last dieser Entscheidungen tragen. „Auch wenn die Ehefrauen Opfer des Krieges und der Inhaftierung ihrer Ehemänner sind, sollten sie nicht auch noch ihre Kinder zu Opfern einer anschließenden Scheidung machen.“ 

Zurück in ihrem Dorf stimmt Mona Sorour, die Gemüsehändlerin, der Ansicht des Soziologen zu und betont, dass die Ehefrauen von Gefangenen zu ihren Ehemännern stehen müssen, um ihre Familien zusammenzuhalten. „Die Haft wird nicht ewig dauern“, sagt sie. „Unsere Männer werden freigelassen, und wir werden wieder glückliche Familien sein. Im Moment müssen wir sie einfach nur unterstützen, damit sie im Gefängnis das Nötigste zum Leben haben, bis sie endlich nach Hause kommen.“

Aus dem Englischen von Tillmann Elliesen.

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erschienen in Ausgabe 4 / 2026: ... wenn man trotzdem lacht
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