Sharon Slater, Präsidentin der konservativ-christlichen Organisation Family Watch International aus Arizona, hat im Dezember 2022 am Hauptsitz der Fiqh-Akademie in Dschidda, Saudi-Arabien, ein Kooperationsmemorandum zwischen beiden Organisationen unterzeichnet. Die internationale islamische Fiqh-Akademie ist im sunnitischen Islam eine der höchsten Instanzen der Rechtswissenschaft.
Slater ist Mormonin; das Southern Poverty Law Center, das sich in den USA gegen Rassismus und für Menschenrechte einsetzt, führt ihre Organisation als Hassgruppe. Auf der Website der Fiqh-Akademie erklärt Slater, die Mission von Family Watch International sei, „die Institution Familie im Einklang mit den Vorgaben aller göttlichen Gesetze“ zu schützen. Die Partnerschaft sei ein Mittel, über Glaubensgrenzen hinweg religiöse Institutionen für dieses Anliegen zu mobilisieren.
Im Juni hat Slaters Organisation die vierte afrikanische Interparlamentarische Konferenz zu Familie und Souveränität in Accra, Ghana, mitveranstaltet. Laut Menschenrechtsorganisationen diente die Zusammenkunft als Plattform, die Gesetzgebung gegen LGBTQ auf dem ganzen Kontinent voranzutreiben.
Konfessionsübergreifend gegen LGBTQ
Es überrascht also kaum, dass das ghanaische Parlament am 29. Mai 2026 in aller Eile ein Anti-LGBTQ-Gesetz verabschiedet hat. Es sieht Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren für die „Förderung“ von LGBTQ-Aktivitäten vor und enthält eine Auslieferungsklausel für queere Ghanaerinnen und Ghanaer im Ausland. Der Gesetzentwurf, der nun vom Präsidenten unterzeichnet werden muss, wird von der katholischen Bischofskonferenz von Ghana, dem Christlichen Rat von Ghana und dem Büro des National Chief Imam unterstützt.
Autor
Caleb Okereke
ist Gründer und Herausgeber von Minority Africa (https://minorityafrica.org) und promoviert zurzeit an der Northeastern University in Boston, USA.Der Einfluss des US-amerikanischen evangelikalen Christentums auf Gesetze gegen LGBTQ in Afrika ist bekannt. Deutlich weniger Aufmerksamkeit hat aber das konfessionsübergreifende Bündnis erhalten, das diese Entwicklungen überhaupt erst ermöglicht: das Zweckbündnis christlicher, muslimischer und sogar afrikanisch-traditioneller Religionsgruppen. Deren Theologien sind weitgehend unvereinbar, aber ihr Bündnis wird in Afrika mit dem bewusst säkular gehaltenen Begriff der „Familienwerte“ politisch wirksam gemacht. Die gleiche Rhetorik wird für einen damit verbundenen Gegenangriff auf Frauenrechte im Allgemeinen und auf die Rechte im Bereich sexueller und reproduktiver Gesundheit im Besonderen verwendet.
Die jüngste Konferenz zum Thema Familienwerte hat nicht zufällig in Ghana stattgefunden. Das Land ist in vieler Hinsicht ein afrikanisches Versuchslabor, in dem das interreligiöse Modell erstmals erprobt wurde: Im Jahr 2013 gründete der ghanaische Anwalt und Anti-LGBTQ-Aktivist Moses Foh-Amoaning die National Coalition for Proper Human Sexual Rights and Family Values. Der Interessenverband vereint den Christenrat, die katholische Bischofskonferenz, den Rat der Pfingstkirchen und charismatischen Kirchen, muslimische Organisationen und das Nationale Haus der Chiefs unter einem Dach.
Landesweite Gebetsveranstaltungen gegen Homosexualität
2019 bezeichnete Foh-Amoaning diese Konstellation auf einem Treffen des World Congress of Families in Accra, auf dem muslimische und traditionelle Führer als Redner auftraten, offen als „Heilige Dreifaltigkeit“. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Koalition zu einer der einflussreichsten Anti-LGBTQ-Kräfte in Ghana: Sie trug dazu bei, für die Schließung eines von der EU geförderten LGBTQ-Gemeindezentrums in Accra zu mobilisieren, organisierte landesweite Gebetsveranstaltungen gegen Homosexualität sowie „Heilungscamps“ für Homosexuelle und unterstützte schließlich das Gesetz, das Ende Mai verabschiedet wurde. Ghana ist damit ein frühes Beispiel dafür, wie christliche, muslimische und traditionelle Gremien mit der Rede von Familienwerten zu einer gemeinsamen politischen Kraft zusammengeführt werden können.
Es lohnt sich, diese Koalition genauer zu verstehen. Denn so lassen sich Zusammenhänge erkennen zwischen den Entwicklungen in Ghana und Uganda – beides mehrheitlich christliche Länder – und Staaten wie dem Senegal, der kürzlich ein neues Anti-LGBTQ-Gesetz verabschiedet hat, Burkina Faso, das solch ein Gesetz im vergangenen Jahr eingeführt hat, und Mali, das Homosexualität im Jahr 2024 unter Strafe gestellt hat – allesamt mehrheitlich muslimische Länder.
Laut einer Recherche von Reuters hat Mass Resistance, eine in den USA ansässige christlich-nationalistische Organisation, direkt zusammengearbeitet mit And Sàmm Jikko Yi, einem senegalesischen Netzwerk islamischer Organisationen, um das neue Gesetz im Senegal voranzutreiben. And Sàmm Jikko Yi ist auf Mass Resistance zugegangen, um über Strategie, Mobilisierung und die mögliche Gründung einer MassResistance-Ortsgruppe im Land zu sprechen. Mass Resistance hat auch nachweislich den Gesetzentwurf gegen LGBTQ in Ghana unterstützt.
Die Anfänge der interreligiösen Koalition reichen weit zrück
Auch wenn die Koalition verschiedener Religionen erst jetzt ihre Wirkung richtig entfaltet: Die Zusammenarbeit wurde über Jahre hinweg aufgebaut. Im Jahr 2010 hielt der ugandische charismatische Pastor Martin Ssempa eine wortreiche Tirade gegen Homosexualität – dabei flankiert von christlichen und muslimischen Geistlichen. Bereits im Jahr 2009 hatte Ssempa auf seinem Blog die Gründung einer nationalen Koalition zur Bekämpfung von Homosexualität angekündigt: Christen und Muslime vereint, wie er es formulierte, durch „gemeinsamen Willen … ungeachtet unserer religiösen und konfessionellen Unterschiede“.
Als Ugandas Interreligiöser Rat im Jahr 2023 auf einer Pressekonferenz die Wiederaufnahme des Gesetzentwurfs gegen Homosexualität forderte, saß dabei der Mufti von Uganda neben dem anglikanischen Erzbischof der Kirche von Uganda, einem katholischen Bischof sowie Führern der Born-Again- und der Seventh-Day-Adventist-Kirchen. Wochen später brachte der muslimische Abgeordnete Asuman Basalirwa den Gesetzentwurf ins Parlament ein. Er sieht für manche homosexuelle Handlungen die Todesstrafe vor und ist inzwischen in Kraft.
Dieser Vorgang zeigt nicht nur die offensichtliche Zusammenarbeit zwischen christlichen und muslimischen Institutionen gegen LGBTQ-Rechte. Diese Kooperationen markieren auch die Ausgangspunkte einer Bewegung, in der sich islamische Gremien in Afrika von passiven Instrumenten zu aktiven Mitgestaltern einer christlich-nationalistischen Strategie aus den USA entwickelt haben.
„Familienwerte“ verbinden, auch ohne theologische Übereinstimmung
Das Vehikel dieser Entwicklung ist das Konzept der Familienwerte. Der Begriff dient als Klammer, die es Gruppen mit unvereinbaren theologischen Ansichten ermöglicht, politisch zusammenzuarbeiten. Er eignet sich als verbindendes Element, weil das Konzept keine theologische Übereinstimmung erfordert. Christentum, Islam und traditionelle afrikanische Religionen können sich damit allesamt als Verteidiger der einheimischen Kultur gegen den säkularen liberalen Globalismus positionieren.
An der Interparlamentarischen Konferenz zu Familie und Souveränität in Accra zeigt sich das besonders deutlich. Es war die vierte Zusammenkunft dieser Art zum Thema Familienwerte; die erste fand im März 2023 in Uganda statt, einberufen von Family Watch International und der African Bar Association, zu der Anwälte und Juristenverbände gehören. Auf der Konferenz in Accra haben Delegationen aus 20 afrikanischen Staaten mit zwei Gegenstimmen die Afrikanische Charta zu Familienwerten und Souveränität verabschiedet. Sie ist ein kontinentales Rechtsinstrument, das einen einheitlichen Katalog „afrikanischer Familienwerte“ festschreiben und das den Staatschefs zur Annahme vorgelegt werden soll.
Die Grundlagen dafür wurden auf den vorherigen Konferenzen in Uganda gelegt. An der ersten 2023 nahmen Delegierte aus mehr als 22 afrikanischen Ländern teil. Auf der dritten Konferenz im Jahr 2025 waren 29 Länder vertreten, und Marokko hatte seine Unterstützung für die vorgeschlagene Charta zugesagt.
Die christliche Rechte muss andere Gruppen ins Boot holen
Als die christlichen Rechten der USA Mitte der 2000er Jahre ihre Kampagne gegen Homosexualität in mehrheitlich christlichen Ländern vorantrieben, wurde klar, dass allein das Christentum als moralischer Standpunkt gegen LGBTQ-Rechte nicht genügt, ganz Afrika zu erreichen. Um sich auf dem gesamten Kontinent auszubreiten, musste die Bewegung unabhängig von religiösen Überzeugungen Anklang finden. Dazu brauchte sie ein auf andere übertragbares Grundgerüst.
Der Begriff der „Familienwerte“ erfüllt diese integrierende Funktion gerade deshalb, weil er theologisch inhaltsleer ist. Er ist eine säkulare Hülle für ein Projekt der christlichen Rechten, das muslimische und andere Gruppen ins Boot holen muss, um kontinentale Legitimität zu beanspruchen.
Man kann nicht behaupten, für einen Kontinent mit über 50 Ländern, vielfältigen Rechtstraditionen und enormer religiöser Vielfalt zu sprechen, wenn man sich auf ein Rahmenwerk stützt, das auf eine einzige Theologie gründet. Doch genau so eine anmaßende Behauptung ist der Kern der Afrikanische Charta zu Familienwerten und Souveränität: Es gebe ein einheitliches Set afrikanischer Familienwerte, das gesetzlich festgeschrieben werden könne. Der Widerspruch springt ins Auge: Eine Bewegung, die sich als Widerstand gegen westlichen Kulturimperialismus darstellt, stützt sich auf eine Vision von Afrika, die selbst zutiefst kolonial geprägt ist.
In Afrika Bündnispartner, zu Hause zutiefst islamfeindlich
Und das ist nicht das einzige Paradox dieser religionsübergreifenden Koalition. Viele der westlichen Organisationen, die an ihrem Aufbau in Afrika mitgewirkt haben, stehen zu Hause zutiefst islamfeindlichen Bewegungen nahe.
Der World Congress of Families – der Ausrichter des Kongresses in Accra 2019, auf dem Foh-Amoaning das Modell der Heiligen Dreifaltigkeit vorstellte – unterhält nachweislich Verbindungen zu islamfeindlichen, rechtsextremen Bewegungen für weiße Vorherrschaft in Europa. Diese Verbündeten haben afrikanische Migranten als „Sklaven“ und „Gift“ bezeichnet. Der Widerspruch würde den muslimischen Partnern der Bewegung sofort auffallen, wenn sie genauer hinschauten. Sie würden dann erkennen, wer ihre Verbündeten sind, sobald die nicht in Afrika auftreten.
Religionsübergreifende Homophobie: Afrika hat die USA überholt
Die jüngste Konferenz in Accra sollte also nicht bloß als eine weitere Veranstaltung für den Export der Homophobie aus den USA verstanden werden, wie es schon viele gegeben hat. Sie markiert vielmehr einen Höhepunkt auf dem Weg zu einem Modell interreligiöser Bündnisse, das in Afrika bemerkenswerterweise weiter vorangekommen ist als irgendwo sonst auf der Welt, einschließlich der USA.
Die Charta der afrikanischen Werte könnte der bislang deutlichste Hinweis darauf sein, dass diese Bestrebungen gerade erst begonnen haben. Wir müssen dieses konfessionsübergreifende Modell als das erkennen, was es ist, und uns fragen, wohin es als Nächstes führen kann.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
Der Artikel ist zuerst auf Englisch bei "The New Humanitarian" erschienen.

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