Vormarsch der radikalen Rechten

Abelardo de la Espriella mit emporgereckter Faust bei der Präsidentschaftswahl im Juni in Kolumbien.
Leonardo Castaneda/Getty Images
Siegesgewiss: Abelardo de la Espriella nach der Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl im Juni in Kolumbien. Der stramm konservative Jurist hat knapp gewonnen und will nun gegen alles irgendwie „Linke“ und „Woke“ vor­gehen.
Lateinamerika
In Lateinamerika hat eine ganze Reihe linker Regierungen zuletzt Wahlen gegen stramm rechte Kandidaten verloren. Die wollen hart erkämpfte soziale Fortschritte wieder zurückdrehen. Sie gehen aber von Land zu Land unterschiedlich vor, ein gemeinsames Erfolgsrezept haben sie nicht.

Lateinamerika erlebt derzeit einen Rechtsruck, daran ist spätestens mit den knappen Wahlsiegen von Abelardo de la Espriella in Kolumbien und Keiko Fujimori in Peru im Juni 2026 nicht mehr zu rütteln. Seit 2023 haben rechte Kandidatinnen und Kandidaten 13 der insgesamt 17 Präsidentschaftswahlen auf dem Subkontinent gewonnen. Lediglich in Guatemala (2023), Mexiko (2024) und Uruguay (2024) setzten sich mit Bernardo Arévalo, Claudia Sheinbaum und Yamandú Orsi Vertreter des Mitte-links-Spektrums durch. Hinzu kommt als Sonderfall Venezuela, wo Nicolás Maduro 2024 eine Niederlage nur durch offene Wahlfälschung verhindern konnte. Das Schicksal der Regierung von Präsident Lula in Brasilien entscheidet sich in diesen Tagen.

Rund zwei Jahrzehnte nach einem Linksruck in Lateinamerika, auch als rosa Welle tituliert, ist heute die politische Landkarte der Region weitgehend konservativ bis rechtsradikal geprägt. Die Erinnerung an schillernde Figuren wie Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien verblasst; die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf Figuren wie den rechtslibertären argentinischen Präsidenten Javier Milei mit seiner Kettensäge, auf den selbst ernannten „coolsten Diktator“ Nayib Bukele in El Salvador sowie auf rechtsradikale Kräfte um den brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro oder den neuen Staatschef Chiles, José Antonio Kast. Und US-Präsident Donald Trump, der sich ohne jegliche Skrupel für ihm genehme Kandidaten und Kandidatinnen einsetzt, ist zur zentralen Referenz der neuen lateinamerikanischen Rechten geworden.

Nicht zufällig präsentierte sich de la Espriella im Wahlkampf in Kolumbien als Mischung aus Milei, Bukele und Trump: Er versprach einen radikalen Staatsabbau à la Argentinien, einen harten, militärischen Kurs gegen das organisierte Verbrechen à la El Salvador und einen bedingungslosen Kampf gegen alles irgendwie „Linke“ und „Woke“ nach dem Muster des US-Präsidenten. 

Der Rechtsruck: Mehr als nur eine Pendelbewegung

Der aktuelle Rechtsruck in der Region folgt zunächst einer Pendelbewegung, wie sie nicht nur aus Lateinamerika gut bekannt ist. Gerade in Zeiten hoher Unzufriedenheit wählen die Menschen amtierende Regierungen tendenziell ab – und wenn diese zuvor eher links waren, entscheiden sie sich eben für rechte. Der Eindruck einer normalen Pendelbewegung wird dadurch bestärkt, dass es bisher noch kaum einer rechten Regierung gelungen ist, sich über mehr als eine Legislaturperiode an der Macht zu halten. Dort, wo rechte Regierungschefs bereits früh linke Vorgänger abgelöst hatten – so Mauricio Macri in Argentinien (2015–2019), Jair Bolsonaro in Brasilien (2018–2023) und Sebastián Piñera in Chile (2018–2022) –, entschied sich die Bevölkerung in der Folge wieder für linke Alternativen. El Salvadors Bukele, der seit 2019 amtiert, bildet hier die Ausnahme, die bisher noch die Regel bestätigt. 

Damit ist allerdings keineswegs gesagt, dass der jetzige Rechtsruck eine bloße Episode bleiben wird. Denn es geht nicht um eine übliche Bewegung von links nach rechts. Vielmehr beobachten wir den Aufschwung einer neuen, mitunter offen radikalen Rechten, die den Anspruch erhebt, die Gesellschaften der Region grundlegend umzugestalten. Die aktuelle politische Rechte in der Region zielt bei aller Diversität im Kern darauf, gesellschaftliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und Inklusion marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen rückgängig zu machen. 

Angehörige von Opfern staatlicher Gewalt waschen am 28. Juli 2026 in Perus Hauptstadt Lima symbolisch die peruanische Nationalflagge rein. Am selben Tag tritt die neue rechtsgerichtete Präsidentin Keiko Fujimori ihr Amt an.

Hinzu kommt ihre auf gewaltsame Repression fixierte Sicherheitspolitik, die nach dem Vorbild Bukeles und Trumps ohne jede Rücksicht auf Menschenrechte gegen vorgebliche wie tatsächliche kriminelle Gruppen vorgeht. Der Kulturkampf, den die neuen rechten Kräfte bewusst vorantreiben, unterminiert dabei auch zentrale Elemente des ohnehin stets prekären Grundkonsenses lateinamerikanischer Demokratien, die die Militärdiktaturen aus der Zeit des Kalten Krieges abgelöst hatten: Ausgerechnet in Argentinien, Brasilien und Chile werden die Militärputsche und -regime früherer Dekaden wieder offiziell verteidigt und droht die gesellschaftliche Aufarbeitung dieser dunklen Jahre rückabgewickelt zu werden. 

Gesellschaftlich baut die lateinamerikanische Rechte heute einerseits auf ihre traditionellen Stützen wie etablierte rechte Parteien, Wirtschaftseliten, Militär und katholische Kirche, andererseits auf ein breites Spektrum von Akteuren aus Thinktanks, evangelikalen Kirchen und aus der digitalen Sphäre. Hinzu kommen transnationale Netzwerke, die rechte Kräfte der Region mit Gleichgesinnten in den USA und Europa verbinden.

Ursachen des Rechtstrends

Wenn es sich also um mehr als bloße Wechselstimmung handelt: Was sind die Ursachen des Rechts­trends? Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung verweist darauf, dass die mittelfristig wenig überzeugende Bilanz der Linksregierungen früherer Jahre und Jahrzehnte ihren Anteil am Aufschwung der Rechten hat. Zwar ist die heutige Lage auch auf äußere Schocks wie die Corona-Pandemie und die globalen Verwerfungen infolge internationaler Kriege zurückzuführen. Aber es ist den linken Regierungen der 2000er und 2010er Jahre auch nicht gelungen, das einseitig auf Rohstoffausbeutung ausgerichtete, „extraktivistische“ Entwicklungsmodell der Region grundlegend umzugestalten und die dramatischen sozialen Ungleichheiten nachhaltig abzubauen. Hinzu kamen ein mitunter reichlich autoritärer Regierungsstil und große Korruptionsskandale.

Autor

Jonas Wolff

ist Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Transformationsforschung und Fokus Lateinamerika an der Goethe-Universität Frankfurt sowie Vorstandsmitglied und Programmbereichsleiter am PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Kontakt: wolff@prif.org

Paradoxerweise profitiert die Rechte aber zugleich von den Erfolgen linker Regierungen und insbesondere der gesellschaftlichen und politischen Kräfte um soziale, indigene, kleinbäuerliche und feministische Bewegungen, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften: Sie haben quer durch die Region seit Jahrzehnten wichtige Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung, politischen Teilhabe und sozioökonomischen Inklusion benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen erkämpft. 

Gegen diese gesellschaftlichen Veränderungen und gegen „Genderideologie“ mobilisieren nun rechte Kräfte im Namen von Religion und traditionellem Familienbild und mit einem mitunter unverhohlen rassistischen Diskurs gegen indigene und afrolateinamerikanische Bevölkerungsgruppen sowie Migranten. Es geht mithin – wie auch hierzulande – um einen gesellschaftlichen Rückschlag, der die Wiederherstellung einer imaginierten guten alten Ordnung verspricht. 

Ein weiterer Treiber des Rechtsrucks ist die Krise der inneren Sicherheit, die einerseits real ist (wenn auch von Ort zu Ort sehr unterschiedlich), andererseits medial und politisch dramatisiert wird. Bei der Wiederwahl Bukeles in El Salvador (2024) und Daniel Noboas in Ecuador (2025) wie bei den jüngsten Wahlsiegen von Kast und de la Espriella in Chile und Kolumbien waren Kriminalität, kriminelle Gewalt und das Versprechen einer Sicherheitspolitik der „harten Hand“ (Mano-dura) das zentrale Thema. In Argentinien und Bolivien mobilisiert die Rechte hingegen primär mit dem Versprechen, einen überbordenden und korrupten Staatsapparat mit wirtschaftsliberalen Reformen zurückzustutzen und so neue ökonomische Wachstumspotenziale freizusetzen.

Kein universales politisches Erfolgsrezept

Es gibt insofern weder eine einheitliche lateinamerikanische Rechte, noch haben ihre Vertreter ein universales politisches Erfolgsrezept. Vielmehr verbinden die unterschiedlichen rechten Kräfte sozialen Konservatismus, mano dura-Politik und wirtschaftspolitischen Neoliberalismus in je länderspezifischer Form. Während in El Salvador und Ecuador innere Sicherheit im Zentrum stehen, drehen sich der Diskurs und die Politik Mileis in Argentinien um ökonomische Reformen. Im Unterschied zu Kast in Chile, der sozialen Konservatismus und neoliberale Wirtschaftsorientierung verbindet, präsentieren sich Noboa in Ecuador oder Boliviens neu gewählter Präsident Rodrigo Paz als gesellschaftspolitisch moderne Zentristen und versprechen wirtschaftliche Reformen ohne allzu harte Einschnitte.

Was heißt hier „rechts“?

Mit dem italienischen politischen Philosophen Norberto Bobbio lassen sich politisch Rechte und Linke anhand ihrer Haltung zur Ungleichheit unterscheiden. Während Linke Ungleichheit als primär gesellschaftlich ansehen und ...

Bei all dem profitieren rechte Kräfte, insbesondere ihre radikaleren Vertreter, schließlich vom laufenden Strukturwandel der Öffentlichkeit und namentlich vom Aufschwung digitaler Kommunikation. Sie wissen diese besonders effektiv für ihre Zwecke zu nutzen und beteiligen sich mitunter aktiv an Desinformationskampagnen und Hassrede. 

Auch der Verlauf des Rechtsrucks ist von Land zu Land unterschiedlich. So verweisen in Kolumbien der äußerst knappe Wahlsieg de la Espriellas und das bemerkenswert starke Abschneiden seines linken Konkurrenten Iván Cepeda weniger auf einen gesamtgesellschaftlichen Trend nach rechts als auf eine scharfe politische Polarisierung. Der Rechtsruck spielt sich hier vor allem innerhalb des Lagers der politischen Rechten ab: von der konventionellen, aber bereits recht radikalen Rechten um den früheren Präsidenten Álvaro Uribe (2002–2010) zum offen rechtsradikalen Außenseiter de la Espriella. 

In Bolivien hingegen setzte sich im November 2025 mit Rodrigo Paz der moderate Kandidat gegen einen deutlich rechteren Konkurrenten durch und wandelte sich erst nach der Wahl zum bekennenden Rechten. Auch Noboa in Ecuador präsentierte sich ursprünglich als Mitte-links-Kandidat und schwenkte erst im Präsidentschaftspalast auf einen klaren Rechtskurs ein. 

Putschstrategien sind keineswegs ausgeschlossen

Die Folgen des politischen Erfolgs der Rechten für die Demokratie sind ambivalent. Die Einbindung rechter Kräfte in Parlamente und Regierungen leitet ihre Forderungen und Mobilisierungsdynamiken in institutionelle Bahnen.    

Dies verringert das Risiko einer Destabilisierung der Demokratie von außerhalb der Institutionen, etwa nach dem Modell der Militärputsche der 1950er, 1960er und 1970er Jahre. Der gut dokumentierte Versuch Bolsonaros, in Brasilien im Januar 2023 die Amtsübergabe an den Wahlsieger Lula da Silva mit allen Mitteln zu verhindern, zeigt allerdings, dass Putschstrategien keineswegs ausgeschlossen sind, wenn radikale rechte Kräfte mit Machtverlust konfrontiert sind.

Bisher stellen die regierenden Rechten die Demokratie aber nicht offen in Frage und meiden den Bruch mit der verfassungsmäßigen Ordnung. Stattdessen zeigt sich eine schrittweise Unterminierung der Demokratie und auch des innergesellschaftlichen Friedens, mit mitunter weitreichenden Folgen. So hat El Salvador in bisher rund sieben Jahren der Regierung Bukele einen klaren Prozess der Autokratisierung durchlaufen: Die demokratischen Institutionen wurden bis zur Unkenntlichkeit unterminiert, und das ging mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher. Ecuador ist auf einem ähnlichen Weg, seit Präsident Noboa Anfang 2024 den kriminellen Gruppen des Landes den Krieg erklärt hat, seit Anfang 2026 noch verschärft durch gemeinsame Militäroperationen mit den USA. Die politische Lage in dem südamerikanischen Andenstaat bleibt gleichwohl deutlich offener und volatiler als die in El Salvador. 

Polarisierung wird bewusst vertieft

Beide Länder zeigen jedoch klar: Eine einseitig militärische Kriminalitätsbekämpfung, die zugleich als Rechtfertigung für Einschränkungen der Zivilgesellschaft und demokratischer Kontrollinstanzen dient, gefährdet Demokratie und Menschenrechte. Auch in Argentinien versucht die Regierung Milei, mit gesetzlichen Restriktionen und politischer Repression die Möglichkeiten für gesellschaftlichen Widerstand zu untergraben.

Zudem arbeitet das Gros der gegenwärtigen rechten Regierungen auf den Abbau gruppenspezifischer Rechte hin. Das Ziel ist, herkömmliche Privilegien und Hierarchien zulasten historisch benachteiligter Gruppen abzusichern oder wiederherzustellen. Das geht gegen die Teilhabe indigener und afrolateinamerikanischer Gruppen, von Frauen sowie von Minderheiten mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, bei denen die Region in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte zu verzeichnen hatte. In einer für Lateinamerika neuen Wendung, aber ganz im Sinne der Agenda von Donald Trump, richtet sich die Politik der neuen Regierungen Chiles und Kolumbiens auch explizit gegen Migrantinnen und Migranten. Hinzu kommt eine allgemeine Tendenz zur Entgrenzung des öffentlichen Diskurses und zur Konstruktion von Feindbildern. Polarisierung wird so bewusst vertieft, grundlegende Normen eines friedlichen Konfliktaustrags werden unterminiert. 

All diese Politiken treffen quer durch die Region auf teils starken Widerstand. Sollte sich der aktuelle Rechtsruck festigen, so dürften die Zeichen insofern kaum auf Stabilität stehen. Zumal die rechten Regierungen bisher nicht erkennen lassen, dass sie plausible Strategien haben, wie sie das Versprechen einer neuen wirtschaftlichen Dynamik erfüllen wollen – von einem sozial inklusiven und ökologisch nachhaltigen Entwicklungspfad ganz zu schweigen. 

ZUM WEITERLESEN

Nadja Ahmad, Hans-Jürgen Burchardt, Kristina Dietz, Hannes Warnecke-Berger und Jonas Wolff (Hg.):
Die politische Rechte in Lateinamerika Nomos-Verlag 2026
Open Access 

Leigh Payne, Julia Zulver und Simón Escoffier (Hg.):
The Right against Rights in Latin America
Oxford University Press 2023

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erschienen in Ausgabe 5 / 2026: Weltpolitik wohin?
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