Lateinamerikanische Staaten weisen weltweit mit die höchsten Mordraten auf; vor allem Mexiko, Ecuador, Brasilien und Haiti zählen wegen Drogenhandels und organisierter Kriminalität zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Massive Repression und Militarisierung können das Problem, wie sich zeigt, nicht lösen, denn sie öffnen Tür und Tor für Missbrauch, Willkür und Menschenrechtsverletzungen. So haben die Tötung von Bandenchefs und der Einsatz von Truppen in der Regel nur weitere Gewalt zur Folge – wie jüngst beim Tod des mexikanischen Drogenbosses „El Mencho“ und den nachfolgenden Unruhen. Vor allem gilt es, die Kapazitäten des Staates wieder aufzubauen, die Bevölkerung zu versorgen und den Rechtsstaat in Gebieten durchzusetzen, die von kriminellen Banden kontrolliert werden.
Anfang 2026 haben die Regierungen von Ecuador, Honduras und El Salvador den Ausnahmezustand in ihren Ländern verlängert. Erstmals wurde er in Ecuador im Januar 2024 von Präsident Daniel Noboa verhängt, in Honduras 2022 von Präsidentin Xiomara Castro und in El Salvador ebenfalls 2022 von Präsident Nayib Bukele. Damit setzen diese Regierungen weiterhin Rechte wie die Unverletzlichkeit der Wohnung, die Bewegungsfreiheit, die Korrespondenz- und Versammlungsfreiheit außer Kraft. Gleichzeitig unterstützt das Militär die Polizei bei der Bekämpfung der Kriminalität oder ist sogar komplett dafür verantwortlich.
Den Ausnahmezustand auszurufen, lässt manche Regierungen Lateinamerikas zwar durchsetzungsstark erscheinen, bringt aber keineswegs durchgängig die versprochenen Ergebnisse. Das Risiko eines längeren Ausnahmezustands liegt auf der Hand: Er ermöglicht zwar, die Opposition zum Schweigen zu bringen und vordergründig die Bevölkerung zufriedenzustellen. Auch bringt der Einsatz der Armee eine größere Entscheidungsmacht bei der Exekutive. Aber es gelingt nur wenigen Ländern wie El Salvador, so die Kriminalitätsrate dauerhaft zu senken. Und es geht mit zunehmenden Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitsorgane einher.
Bislang sollen zum Beispiel in El Salvador unter dem Ausnahmezustand rund 91.000 Personen festgenommen worden sein, ohne richterliche Anordnung und über längere Zeit. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat wiederholt seine Besorgnis über die kontinuierliche Anwendung von Notstandsbefugnissen zum Ausdruck gebracht.
Das „Modell Bukele“ macht Schule in Lateinamerika
Das kleine zentralamerikanische Land El Salvador hat unter seinem Präsidenten Nayib Bukele mit seiner Politik der Kriminalitätsbekämpfung inzwischen Modellcharakter in Lateinamerika gewonnen. Etliche politische Gruppen und führende Politiker in Argentinien, Kolumbien, Ecuador, Costa Rica, Guatemala, Chile und Peru haben ihre Unterstützung für Bukeles harten Ansatz zur Verbrechensbekämpfung bekundet und fordern, wo sie regieren, den Einsatz ähnlicher Methoden.
Autor
Günther Maihold
ist Honorarprofessor am Lateinamerika-Institut der FU Berlin und Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.Bukeles Modell hat in El Salvador scheinbar Erfolg: Es soll die von Jugendbanden begangenen Morde seit März 2022 stark reduziert haben. Zwar hat El Salvador es tatsächlich geschafft, die Banden zu kontrollieren und die Mordrate drastisch von 36 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2019 auf 1,3 im Jahr 2025 zu senken. Aber Menschenrechtler verzeichnen gleichzeitig Fälle von Folter, willkürliche Massenverhaftungen, Verschleppungen, Misshandlungen in der Haft und schwere Verstöße gegen den Grundsatz eines ordnungsgemäßen Verfahrens.
Bukele hat dies das Image eines „harten Politikers“ eingebracht in einer Gesellschaft, die sich nach Jahren der Unsicherheit infolge von Bandenkriminalität einfach nur sicher fühlen will, „egal wie“. Genau dieses „egal wie“, das die Bevölkerung El Salvadors mit dem überwältigenden Wahlerfolg des Präsidenten im Februar 2024 unterstützt hat, ist für viele Regierungen der Region interessant. Es bahnt den Weg in eine autoritäre Regierungsführung; Bukele etwa hat die Macht stark in seinem Präsidialamt konzentriert, die Opposition dezimiert und die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt.
Ecuador: 8847 Morde im Jahr 2025
Anders sieht es im Flächenstaat Ecuador aus, wo es der Regierung bislang nicht gelungen ist, die Lage zu kontrollieren, geschweige denn zu verbessern. Vielmehr entwickeln sich immer weitere Teile des Landes zum Epizentrum organisierter Kriminalität mit mehr als 50 unterschiedlichen gewalttätigen Banden. Der Einsatz des Militärs hat hier eher zur Verbreitung als zur Eindämmung von Gewalt beigetragen, da die kriminellen Akteure erfolgreich Widerstand leisten und immer neue Territorien für ihre Geschäfte erschließen. Das Land, das über Jahrzehnte als „Insel des Friedens” galt, leidet seit einigen Jahren unter einer Gewaltspirale, weil es Teil der Transitrouten des internationalen Kokainhandels geworden ist. Das Jahr 2025 endete in Ecuador mit einem neuen Rekord an gewaltsamen Todesfällen: Bis zum 19. Dezember 2025 wurden nach Polizeiangaben 8847 Morde registriert.
Wie auch in anderen Ländern der Region muss eine wirksame Bekämpfung des Drogenhandels auch die staatlichen Strukturen mit einbeziehen. Hierfür erweist sich der Ausnahmezustand als Hindernis, weil damit die notwendige Transparenz in der Amtsführung und im Einsatz staatlicher Gewalt weitgehend aufgehoben ist. Die Unterwanderung von Sicherheits- und Justizorganen sowie die grassierende Korruption, die vom schnellen Geld der Drogengeschäfte befördert wird, erschweren erfolgreiche Strategien gegen die kriminelle Unterwanderung von Staat und Justiz.
Das organisierte Verbrechen kann in vielen Ländern staatliche Instanzen und ihre Repräsentanten durch Einschüchterung kontrollieren, Strafen vereiteln und vertrauliche Informationen erlangen. So wurden bei den Wahlen 2024 in Mexiko 130 Kandidaten mutmaßlich von organisierten kriminellen Gruppen angegriffen. 34 von ihnen wurden ermordet, 40 überlebten Anschläge, 32 haben nach Drohungen ihre Kandidatur zurückgezogen. Zehn Kandidaten wurden entführt, und bei 14 bewaffneten Angriffen überlebte zwar die Kandidatin oder der Kandidat, aber Unbeteiligte verloren ihr Leben. Weniger sichtbar ist Einflussnahme mittels Finanzierung von Wahlkämpfen aus illegalen Quellen.
„Mano Dura“ als politische Strategie
Die „Politik der harten Hand“ oder „Mano Dura“ bezeichnet nicht nur das harte Durchgreifen gegen Gesetzesbrecher, sondern sie muss auch als politische Strategie verstanden werden. Mit dem „Null-Toleranz“-Ansatz gegenüber Kriminalität kann man in großen Teilen Lateinamerikas die Unterstützung der Bevölkerung mobilisieren und Wahlen gewinnen. Auch das zeigt sich am Fall El Salvador: Unter Präsident Francisco Flores Pérez (1999–2004) und seinem Nachfolger Antonio Saca (2004–2009) wurden Initiativen mit den Namen „Mano Dura” und „Super Mano Dura” ins Leben gerufen, deren Ziel es war, die Polizeipräsenz drastisch zu verstärken und mehr Bandenmitglieder zu inhaftieren. Diese Maßnahmen führten zwar kurzzeitig zu einem Rückgang der Gewalt, konnten jedoch letztlich weder das Wachstum dieser Organisationen eindämmen noch ihre illegalen Geschäfte unterbinden. Sie sind als „punitiver Populismus“ bekannt geworden: Straftäter werden als Staatsfeinde behandelt, Repression wird legitimiert als einzig möglicher Weg zur Verringerung der Gewalt.
Zur Politik der Mano Dura gehören nicht nur Gesetzesreformen wie die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters, die Strafverschärfung und die Ausweitung der Definition von kriminellem Verhalten. Neue Spezialeinheiten bei Polizei und Militär sowie Sondergerichte mit „anonymen Richtern“, deren Identität geheim gehalten wird, um sie vor Vergeltungsmaßnahmen durch organisierte Kriminelle oder Drogenkartelle zu schützen, sollen nach Vorstellungen des neuen Präsidenten von Chile José Antonio Kast den kriminellen Strukturen entgegenwirken. Die Unterwanderung von Justiz und Politik ist damit aber kaum zu kontrollieren. Und auch informelle Maßnahmen wie außergerichtliche Inhaftierungen und Hinrichtungen, Polizeiwillkür oder Racial Profiling sind Teil von Mano Dura.
Dass bei Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung von der Polizei, der Militärpolizei oder dem Militär selbst unrechtmäßige Gewalt eingesetzt wird, ist bei der im Oktober 2025 durchgeführten Operation in zwei Favelas von Rio de Janeiro sichtbar geworden, mit der die territoriale Expansion des Comando Vermelho, einer bekannten kriminellen Bande Brasiliens, bekämpft und deren kriminelle Anführer gefasst werden sollten. Bei der größten Operation, die jemals von den Sicherheitskräften in Rio durchgeführt wurde, waren 2.500 Beamte in den Stadtvierteln Alemão und Penha eingesetzt, dabei kamen mehr als 120 Personen ums Leben. Die Einwohner berichteten von einer extremen Brutalität im Vorgehen der Polizeikräfte.
Unwirksam gegen die Strukturen der organisierten Kriminalität
Obwohl das Mano-Dura-Modell gegenwärtig von vielen Regierungen als wirksame Verbrechensbekämpfung propagiert wird, ist dessen langfristige Wirkung fraglich. Kurzzeitig verzeichneten Staaten wie Guatemala, Kolumbien und Mexiko so zwar einen Rückgang von Morden und Erpressungen, die Strukturen der organisierten Kriminalität konnten sie aber nicht bekämpfen. Denn während bei der Alltagskriminalität der schnelle Ermittlungserfolg und die sichtbare Präsenz von Polizeikräften im Vordergrund stehen, ist die Bekämpfung der organisierten Kriminalität auf die Zerschlagung von Strukturen und das Abschöpfen von Gewinnen ausgerichtet. Es geht darum, den kriminellen Netzwerken ihre finanziellen Grundlagen aus illegalen Geschäften zu entziehen. Dabei ist der Ermittlungsaufwand deutlich höher und politische sowie wirtschaftliche Interessen stehen oftmals einem Erfolg im Wege.
Um die Rekrutierung neuer Bandenmitglieder zu verhindern und die Resozialisierung von Inhaftierten zu fördern, müssen zudem langfristige sozioökonomische Probleme angegangen werden. Doch diese Perspektive wird von vielen Politikern abgelehnt, sie vertrauen eher auf den Ausbau der Haftanstalten und die konsequente Abschottung der Insassen von der Außenwelt.
Aber Haftanstalten werden zu Brutstätten der Gewalt. Ihre Überbelegung und unzureichende Sicherheitsvorkehrungen ermöglichten es vielen Bandenmitgliedern, ihre Netzwerke vom Gefängnis aus weiter zu stärken. So hat das brasilianische Kartell Primeiro Comando da Capital, kurz PCC, aus einem Gefängnis heraus eine straffe Organisation aufgebaut. Auch in Ecuador kontrolliert das Kartell Los Choneros, das größte Drogenkartell des Landes, wichtige Gefängnisse.
Rufe nach Todesstrafe statt Resozialisierung
Angesichts von solchem Staatsversagen im Strafvollzug sind Forderungen nach der „Todesstrafe für Kriminelle“ und nach dem Bau von neuen Hochsicherheitsgefängnissen oder Strafanstalten auf Inseln und in abgelegenen Gebieten alltäglich geworden. In Costa Rica, Ecuador, Honduras, Kolumbien und Peru sind entsprechende Projekte im Bau, in Argentinien hat das Hochsicherheitsgefängnis bezeichnenderweise den Namen „El Infierno“ (die Hölle) erhalten. Auch diese Idee ist von Erfahrungen in El Salvador angeleitet: Im Juni 2022 kündigte Staatschef Bukele den Bau eines Mega-Gefängnisses an, des Zentrums für die Inhaftierung von Terroristen (CECOT), das für etwa 40.000 Bandenmitglieder ausgelegt ist. Inzwischen ist es zum Modell für populistische Regierungen geworden, mit drakonischer Härte und unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen mutmaßliche Delinquenten dauerhaft „wegzusperren“.
An Resozialisierung ist dabei nicht zu denken, dieser Gedanke wird heute grundsätzlich ausgeschlossen. Dauerhaft wird man an dieser Frage jedoch nicht vorbeikommen und dann wird erneut zu entscheiden sein, wie die lateinamerikanischen Gesellschaften das Verhältnis von Verbrechen und Strafe bestimmen werden – ob sie der gegenwärtigen Präferenz für Strafe folgen oder doch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Chance geben wollen.
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