Aus Nigeria auf den Wiener Straßenstrich

Laut Schätzungen gibt es rund 100.000 Prostituierte aus Nigeria in Europa. In Österreich sind es mehrere tausend. Viele von ihnen werden von Schmugglern nach Europa gebracht und in die Prostitution gezwungen. Das Problem ist seit langem bekannt, doch eine 2004 vom Außenministerium in Wien eingerichtete Arbeitsgruppe zur Bekämpfung des Menschenhandels hat bisher kaum Erfolge erzielt.

Die Frauen kommen vor allem aus dem Süden von Nigeria. „Sie werden von Agenten vermittelt, die ihnen üppige Weiden versprechen“, sagt Grace Osakue, Gründerin der feministischen Organisation Girls’ Power International (GPI) in Benin-Stadt, Nigeria. „Stattdessen finden sie dann Lohnknechtschaft“, so die Aktivistin auf einer Veranstaltung zum Thema Sex-Sklaverei Mitte November in Wien.

Autor

Ralf Leonhard

ist freier Journalist in Wien und ständiger Korrespondent von "welt-sichten".

Die meist jugendlichen Nigerianerinnen haben bereits horrende Schulden bei Schleppern und Agenten angehäuft, wenn sie in Europa ankommen. Die „Madame“, die sie dann unter ihre Fittiche nimmt, kassiert ihre Papiere und praktisch die gesamten Einnahmen, die sie auf der Straße erwirtschaften. Girls’ Power International bemühe sich in erster Linie um Prävention, so Osakue. Die Organisation versucht, die Mädchen und Frauen in Nigeria vor den falschen Versprechungen der Menschenhändlern zu warnen. In der Stadt gebe es nur noch wenige, die die Geschichten der Agenten glaubten, doch auf dem Land ließen sich noch immer viele Mädchen – aber auch deren Eltern – das Märchen vom profitablen Job in Europa aufschwatzen. Es gebe aber auch Eltern, die ihre halbwüchsigen Töchter bewusst in die Prostitution schickten. „Früher bekam man zur Pensionierung etwas Geld, um ein Haus zu bauen“, sagt Grace Osakue. Heute müssten oft die Kinder für die Alterssicherung sorgen.

Der Opferschutz wurde verbessert, aber nicht genug

In Österreich hat die Regierung 2004 eine Task Force zur Bekämpfung des Menschenhandels eingerichtet, in der alle befassten Ministerien sowie einschlägige nichtstaatliche Organisationen vertreten sind. Elisabeth Tichy-Fisslberger, die Koordinatorin der Task Force, räumt ein, dass die Erfolge bisher bescheiden sind. Eine Hotline, über die man auch anonym Informationen liefern kann, erleichtert es sowohl den Frauen, die sich illegal im Land aufhalten, als auch Freiern, ihre Beobachtungen mitzuteilen. Allerdings seien bisher kaum Menschenhändler verurteilt worden.

Evelyn Probst von der Organisation LEFÖ, die Mitte der 1990er Jahre zur Unterstützung lateinamerikanischer Migrantinnen gegründet wurde, begrüßte die Verbesserung des Opferschutzes in der österreichischen Gesetzgebung. Frauen, die als Zeuginnen gegen Menschenhändler aussagen wollen, bekommen seit einigen Jahren humanitären Aufenthalt, doch meist nur für 30 Tage. Dann werden sie abgeschoben. Das sei viel zu wenig, sagt Probst.

Helga Konrad, ehemalige Beauftragte zur Bekämpfung des Menschenhandels der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), forderte als Beweis für den politischen Willen der Regierung ausreichende finanzielle Mittel. Mit Arbeitsgruppen, in denen nur Erfahrungen ausgetauscht würden, könne man den Frauenhandel nicht eindämmen. Ein bilaterales Abkommen mit Nigeria, das Österreich anstrebt, befasse sich in erster Linie mit den Rahmenbedingungen für Abschiebungen. Damit werde man den Händlern nicht das Handwerk legen, sagte Konrad.

Prostitution gehört in Österreich zu den wenigen Beschäftigungen, denen Asylbewerberinnen ohne Arbeitsgenehmigung nachgehen können. Allerdings verbietet ein seit November geltendes Gesetz in Wien die Straßenprostitution in bewohnten Gebieten, abgesehen von wenigen genau festgelegten „Erlaubniszonen“. Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) argumentiert: „Die Prostitution soll sich in Richtung Indoor verlagern.“ Statt auf der Straße soll der Kontakt vornehmlich in Bars stattfinden. Kritiker wenden ein, damit würden Sexarbeiterinnen in städtische Randgebiete gezwungen, wo sie weniger geschützt sind.

Österreich ist sowohl Transit- als auch Zielland von Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung. Nur vier Prozent der aktuell 2200 in Wien registrierten Sexarbeiterinnen sind Einheimische. Die meisten kommen aus Rumänien (29 Prozent), gefolgt von Ungarn, Bulgarien, der Slowakei und Nigeria. Man kann davon ausgehen, dass auf dem etwa doppelt so großen illegalen Strich ausschließlich Ausländerinnen arbeiten.

erschienen in Ausgabe 12 / 2011: Bodenschätze: Reiche Minen, arme Länder

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