Giftiger Nachbar

Der deutsche Konzern Thyssen-Krupp hat in der Bucht von Sepetiba in der Nähe von Rio de Janeiro das nach eigenen Angaben modernste Stahlwerk der Welt errichtet. Die Anwohner klagen über Gesundheitsbeschwerden, Verdienstausfall und das Ausbleiben von Entschädigungen. Ihre Zerstrittenheit macht es dem Unternehmen leicht, sie gegeneinander auszuspielen.
Isabeth Evangelista Costa legt die Finger ihrer linken Hand in den drei Meter hohen Maschendrahtzaun, der ihren Garten vom Werksgelände von Thyssen-Krupp trennt. Dahinter wuchsen früher Bananenstauden, Avocados und Mangobäume, warfen Schatten auf die Kaffeesträucher, den Maniok und die Pfefferschoten, und am Boden gediehen Zwiebeln, Salat und Petersilie. Es war ein dichtes, ertragreiches Gestrüpp, das Costa einst gepflanzt hatte, um die Früchte auf dem Markt zu verkaufen. Davon und von der Rente ihres 80 Jahre alten Ehemannes Manoel Moura Costa konnten die beiden gut leben.

Bis 2006 die Arbeiter kamen. Sie rammten Betonpfeiler in den Boden und zurrten den Zaun fest. So steckten sie ein neun Quadratkilometer großes Grundstück ab. Es erstreckt sich, von zwei Flüssen begrenzt, von den Mangrovenwäldern am Atlantikufer bis zu sechseinhalb Kilometer ins Festland – und zehn Meter an Costas Haustür vorbei. Was sie früher zu ihrem Garten rechnete, ist zum Werksgelände geworden, nur noch ihre Hühner haben dort Auslauf. Costas Blick geht zum benachbarten Stahlwerk. „Nos pensamos o futuro de aço“ steht dort auf einem weißen Plakat, auf Deutsch: „Wir denken die Zukunft des Stahls“. Isabeth Evangelista Costa denkt an ihre Früchte und an ihren Stand auf dem Markt.

Autor

Andreas Unger

ist Sozialjournalist und lebt in München. Er arbeitet für Zeitschriften, das Fernsehen und für nichtstaatliche Organisationen.

Ein paar Meter hinter dem Zaun verlaufen Gleise. Über sie rollt das Eisenerz heran, das zu Stahl verarbeitet wird. Meistens komme eine Fuhre gegen Mitternacht und eine gegen 5 Uhr früh, erzählt Costa und führt in das Haus, in dem sie seit 25 Jahren lebt. „Die Züge vibrieren. Die Wände haben Risse. Hier das Glas ist aus den Fenstern und aus der Haustür gesprungen.“ Jetzt sind die Rahmen mit Pappe gefüllt, das Haus ist dunkler seitdem.

Keine Entschädigung

Der Duisburger Konzern Thyssen-Krupp hingegen zeigt sich stolz auf „modernste Stahlwerk der Welt mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen Rohstahl jährlich“, das er in Santa Cruz im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro errichtet hat. Und: Thyssen-Krupp Companhia Siderúrgica do Atlântico (CSA) unterstützte die Bevölkerung „beim Aufbau und bei der Renovierung kommunaler Infrastruktur mit 3,5 Millionen Euro“

„Nunca, nada“, sagt Costa, bei ihr sei nichts angekommen. Vor etwa vier Monaten seien Männer von Thyssen-Krupp da gewesen und hätten die Risse inspiziert. Sie will das Haus verkaufen, das sie und ihr Mann vor 19 Jahren gebaut haben und wegziehen, falls sie doch noch eine Entschädigung bekommt. Drei Wochen nach unserem Besuch haben nochmals Mitarbeiter vorbeigeschaut, um sich nach ihren Forderungen zu erkundigen – das Hoffen geht weiter.

Das Stahlwerk in der Bucht von Sepetiba, an dem der brasilianische Rohstoffgigant Vale do Rio Doce mit 26 Prozent beteiligt ist, ist laut Thyssen die größte Investition eines Unternehmens in Südamerika und einer von 28 Standorten des Stahlkonzerns in Brasilien. Zu ihm gehören auch ein Hafen und ein Kraftwerk. Die endgültige Betriebserlaubnis für die Fabrik, die im Juni 2010 ihre Arbeit aufgenommen hat, lässt allerdings noch auf sich warten – und die vorläufige ist Ende September ausgelaufen. Der Grund: Die Umweltbehörden des Bundesstaates Rio haben CSA-Geschäftsführer Luiz Claudio Castro laut Thyssen-Krupp die Ergebnisse der aktuellen Betriebsprüfung nicht abgenommen.

Um die Bauten im schlammigen Untergrund zu verankern, dringen Pfähle bis zu 60 Meter tief in die Erde. 5500 Beschäftigte arbeiten laut Thyssen-Krupp an dem Standort, dazu kommen mehr als 10.000 indirekte Arbeitsplätze etwa auf dem Bau oder in der Gastronomie durch die Ansiedelung weiterer Mitarbeiter. Allerdings wird der Rohstahl exportiert – veredelt wird er in Deutschland und den USA.

Der 2006 begonnene Bau hat von Anfang an Schwierigkeiten gemacht: Ende 2007 verhängt die brasilianische Umweltbehörde IBAMA einen vorläufigen Baustopp, weil die für den Bau gerodete Waldfläche mehr als doppelt so groß ist als genehmigt. Man einigt sich schließlich auf etwa 1,2 Millionen Euro teure Wiederaufforstungsprojekte, die das Unternehmen prompt in eine Liste seiner sozialen Projekte aufnimmt. In einer Thyssen-Publikation heißt es: „Die Mangroven bleiben weitgehend unangetastet.“ Wenig später stellt die Staatsanwaltschaft Mängel bei der Sicherheit der Arbeiter fest, und im August 2008 werden 120 illegal beschäftigte Chinesen entdeckt, angeheuert von einem Subunternehmer. Im August und Dezember 2010 schließlich stoßen die Schlote der Fabrik plötzlich große Mengen silbrigen Staubes aus. Viele Anwohner klagen über Atembeschwerden, Allergien und Ausschlag. Das Unternehmen versichert, es habe sich um Graphitstaub gehandelt – und der sei nicht gesundheitsschädlich.

Maria Sueli Barreto glaubt davon kein Wort. Sie steigt die Stufen ihres Hauses hinauf, um zu zeigen, dass die Schlote nicht nur harmloses Graphit ausstoßen. Das Beweisstück ist grün und glitzert: Ein Staudenblatt, mit silbrig-grauem Staub überzogen. Graphit ist nicht magnetisch. Als wir jedoch mit einem Magneten darüber fahren, bleiben kleine Metallpartikel daran hängen – Eisenstaub. Barreto wohnt seit 44 Jahren in ihrem Haus, das gleichzeitig eine Art Kirche ist, deren Gemeinde sie vorsteht. Von ihrem Balkon aus sieht sie die Schlote rauchen. „Wir sind nicht gegen die Industrie, nur gegen die Art, wie man mit uns umgeht. Keiner kümmert sich darum, wie es uns geht“, sagt sie, ihre Stimme wird lauter. „Manchmal bete ich zu Gott, die Herzen der Männer von drüben zu öffnen, dass sie zu uns kommen und sich unsere Klagen anhören.“ Sie würde ihnen von ihrer behinderten Tochter erzählen, der es schwer fällt zu atmen. Sie würde sie fragen, woher sie das Geld nehmen soll, um sich ein neues Haus zu kaufen, weit weg von der Fabrik. Und von den Fischern in der Umgebung würde sie erzählen, die immer weniger Fische fangen.

Dabei gibt Thyssen-Krupp durchaus Geld für die Anwohner aus. Das Unternehmen hat unter anderem Spielplätze renoviert, einen Kanal ausgebaut, ein Krankenhaus finanziert. Es bezahlt Alphabetisierungsprogramme und fördert Schulen, unterstützt eine Bibliothek und zwei Chöre. Auch für seine Mitarbeiter und deren Familien hat Thyssen-Krupp Angebote aufgelegt – es gibt Freizeiten für Kinder und für Ehefrauen Vorträge über Gesundheit und Familie. Vier Millionen Euro investiere das Unternehmen in Maßnahmen, „um die Lebensumstände der Region zu verbessern“, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht von 2009.

Fabrik zerstört Arbeitsplätze

Das sind knapp 0,07 Prozent des Investitionsvolumens, das laut Handelsblatt 5,96 Milliarden Euro beträgt. Einige Projekte, mit denen sich das Unternehmen schmückt, bezahlt es außerdem mit dem Geld, zu dessen Zahlung es von der Regierung des Bundesstaates verurteilt wurde, etwa die Erweiterung eines Kanals, die Asphaltierung von Straßen und den Bau eines Krankenhauses – so steht es auf der Website der Landesregierung von Rio.

Im Haus von Maria Sueli Barreto haben sich ein paar Fischer und Anwohner eingefunden und erzählen: Von den Atembeschwerden der Tochter, die schlimmer geworden seien, seit die Fabrik angelaufen sei; von Hautausschlägen; vom Wertverfall ihrer Häuser und vom brasilianischen Staat, den sie anklagen: Was habe Brasilien von der Fabrik? Und was von den Arbeitsplätzen, die Thyssen-Krupp versprochen hat? Der Konzern beschäftige vor allem auswärtige Mitarbeiter, behaupten sie, und: „Davon muss man die Arbeitsplätze abziehen, die von der Fabrik zerstört worden sind.“

Der das sagt, heißt Isac Alves de Oliveira und ist Fischer. Wir gehen mit ihm nach Hause. Der Weg führt vorbei an Autowerkstätten, kleinen Läden, Supermärkten, Restaurants, Bars mit Billardtischen davor und vielen evangelikalen Kirchen, die um die Seelen der Anwohner werben. Der hagere Mann mit der festen Stimme wohnt seit der Trennung von seiner Frau allein auf etwa 15 Quadratmetern. Im kaputten Kühlschrank liegen ein Schuh, eine Lederschürze und Motorenöl. Daneben steht ein Einkaufswagen, in dem er seine Netze lagert. „Junggesellenhaushalt“, sagt er lakonisch. Abends kommen seine beiden Söhne vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und Playstation zu spielen.

Seit 30 Jahren zieht er Fische und Shrimps aus der Bucht von Sepetiba. Seit dem Bau des Stahlwerkes, verdiene er nur noch ein Zehntel seines früheren Einkommens. Aus zwei Gründen: Zum einen sei durch den Bau einer Brücke viel kontaminierter Schlamm aufgewirbelt worden, der die Fische vergifte. Zum anderen seien die Mangrovenwälder zerstört worden, die Kinderstube vieler Fischarten. Zwar habe sich die Zahl der Fische in der Bucht insgesamt wieder erhöht, das könne die Schädigung der Wälder aber nicht kompensieren. „Fischer haben in den meisten Fällen keine weiteren Qualifikationen, sie müssen dann für jemand anderen arbeiten, als Aushilfe, als Untergebener. Thyssen-Krupp hat uns nicht nur unsere Arbeit genommen, sondern auch unsere Würde“, sagt Isac Alves de Oliveira.
Auch die Fischer haben gelernt, für ihre Sache zu trommeln. Dabei sind sie keineswegs zimperlich: In einem Flugblatt, das sie verteilen, ist die Vergangenheit von Krupp als Rüstungsschmiede der Nationalsozialisten beschrieben – neben dem Logo des Unternehmens ist ein Hakenkreuz abgebildet. Mit der Fabrik hat das zwar nichts zu tun, wohl aber mit der Stimmung in der Bevölkerung. Vielleicht gelänge es den Fischern besser, ihre Ansprüche durchzusetzen, wenn sie etwas geschickter auftreten würden. Einige von ihnen sind unrealistisch genug, die Schließung der Fabrik zu fordern – „Ich will einfach wieder fischen können“, sagt Isac Alves de Oliveira. Andere wollen Entschädigungszahlungen, nennen aber keine Summe. Außerdem sind sie heillos zerstritten und aufgeteilt auf Vereine, Gewerkschaften, Interessen- und Dachverbände, die sich gegenseitig der Bestechlichkeit bezichtigen.

Kampf der Interessen

Einer der Funktionäre ist Ubiranjara dos Passos Dias, der Vorsitzende der „Colonia dos Pescadores“, einer großen Fischervereinigung. Er behauptet, 760 Fischer zu vertreten. Der stämmige Mann sitzt in seinem Büro inmitten von Akten. Fragen ignoriert er, stattdessen hebt er zu einem lauten und wortgewaltigen Monolog an, in dem er Abweichler beschimpft: Wer Thyssen-Krupp kritisiere, säe Streit, um sich auf Kosten des Unternehmens zu bereichern. Diese Leute seien in Wahrheit gar keine Fischer. In Deutschland werde viel Unsinn verbreitet. Thyssen-Krupp zeige sich sehr umsichtig und kümmere sich um die Bedürfnisse der Anwohner. Die von Thyssen bezahlte Eisfabrik habe den Preis des Eises, das den Fischern zum Kühlen der Fische dient, halbiert. Die Bestände hätten sich längst erholt; seit das Stahlwerk fertig sei, gebe es dank Thyssen-Krupp sogar mehr Fisch, man müsse höchstens ein wenig weiter aufs Meer hinausfahren.

Sogar dem Ascheregen, der vor einiger Zeit über der Bucht niederging, kann Ubiranjara dos Passos Dias eine positive Seite abgewinnen. Er sei gut für die Fischer, denn längst sei die Umweltbehörde vor Ort gewesen und habe Kompensationszahlungen veranlasst, meint er. Seine Vereinigung kümmere sich darum, das Geld im Sinne der Fischer zu verwenden. Viele Fischer fühlen sich durch eine solche Haltung allerdings nicht angemessen vertreten und haben eigene Interessengemeinschaften gegründet. Sie argwöhnen, dos Passos Dias habe wohl einen „Mundverschließer“ kassiert

Isac Alves de Oliveira sagt verächtlich: „So einen wie Ubiranjara sucht sich Thyssen-Krupp aus, um Geschäfte zu machen. Die sind eben kooperativ.“ Dass die Fischer so zerstritten sind, macht es ihnen nicht leichter, ihre Interessen durchzusetzen – und für Thyssen-Krupp ist es einfacher, sie gegeneinander auszuspielen. Oder schwerer, alle Beteiligten angemessen und gerecht zu entschädigen. Inzwischen hat Thyssen-Krupp CSA die Zahlung von weiteren zwei Millionen Euro zugesagt, die in zehn Fischereiprojekte fließen sollen. Isac Alves de Oliveira glaubt nicht, dass er davon profitieren wird – unklar sei, wohin das Geld fließe, und vor allem: wann. „Ich kann noch maximal zwei Jahre durchhalten.“

erschienen in Ausgabe 10 / 2011: Globalisierung: Auf dem Weg zur Einheitskultur?

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