Die Bürger spenden, die Regierung knausert

Wenn die Regierung sich knausrig zeigt, wollen die einfachen Bürgerinnen und Bürger sich umso spendabler erweisen. Nach diesem Motto scheinen die Österreicher dem Aufruf der Aktion „Nachbar in Not“ zu folgen. Trotz ihres Erfolgs ist die Aktion aber nicht unumstritten.

Die vom ORF und mehreren Hilfswerken gegründete Initiative brachte allein an einem Abend 3,5 Millionen Euro an Spenden für die Menschen in den Hungergebieten am Horn von Afrika ein. Insgesamt hat „Nachbar in Not“ seit Anfang August mehr als sechs Millionen Euro mobilisieren können. Aus öffentlichen Mitteln wurden hingegen bisher bescheidene 1,5 Millionen Euro zugesagt, eine Million davon aus dem Auslandskatastrophenfonds des Bundes.

Autor

Ralf Leonhard

ist freier Journalist in Wien und ständiger Korrespondent von "welt-sichten".

Petra Navara-Unterluggauer, Geschäftsführerin der NGO-Plattform AG Globale Verantwortung, hat errechnet, dass das einem Betrag von 0,17 Euro pro Einwohner entspricht. In Großbritannien liege diese Quote mit 2,61 Euro mehr als 15 mal höher. Dänemark und Schweden mit 3,94 beziehungsweise 5,32 Euro öffentliche Mittel pro Einwohner stellen alle anderen Länder in den Schatten. Navara-Unterluggauer kritisiert, die Regierung in Wien wälze ihre völkerrechtliche Verantwortung, humanitäre und Entwicklungshilfe zu leisten, auf die Bürger ab.

„Nachbar in Not“ wirbt damit, es gebe keine Verwaltungskosten

„Nachbar in Not“ wurde in den 1990er Jahren als Spontanaktion für die Opfer des Bosnienkrieges gegründet und immer wieder für besondere humanitäre Notfälle aktiviert. Die Kooperationspartner des ORF sind dabei die größten Nothilfeorganisationen Caritas und Rotes Kreuz; das Hilfswerk und Volkshilfe, die der Österreichischen Volkspartei ÖVP beziehungsweise der Sozialdemokratischen Partei SPÖ nahe stehen; sowie die evangelische Diakonie, der Malteser Hospitaldienst, der Samariterbund und Care. Der ORF mobilisiert jedesmal mit einer Sondersendung. Soldaten und Prominente nehmen am Telefon Anrufe von Spendenwilligen entgegen. 14.000 Spender nahmen diese Gelegenheit am 25. August wahr. „Nachbar in Not“ versucht, die Hilfe so anschaulich wie möglich zu machen: „Mit 15 Euro ermöglichen Sie den Kauf eines Küchensets, mit 22 Euro können wir zwei Säcke Saatgut erwerben“, heißt es etwa.

Die Aktion wirbt mit der Behauptung, dass alle Spenden eins zu eins zu den Begünstigten gelangen. Weder der ORF zieht etwas für seinen Werbeaufwand ab noch die beteiligten Hilfswerke.Die Mitglieder des Stiftungsrates wirken ehrenamtlich, andere Kosten werden auf den Normalbetrieb der Organisationen abgewälzt, die die Spenden verwalten. Organisationen, die bei „Nachbar in Not“ Mittel für ihre Projekte beantragen, sind angehalten, im Inland keinerlei Kosten zu verrechnen, so Michael Opriesnig vom Roten Kreuz. Nur Caritas und Rotes Kreuz mit ihren gigantischen Apparaten können sich das leisten.

Der Verwaltungsaufwand schlägt bei den meisten Organisationen mit deutlich über 10 Prozent zu Buche. Deshalb ist „Nachbar in Not“ wegen seiner Werbestrategie in der NGO-Gemeinschaft nicht unumstritten. Das ÖKRK weist für den Bereich Internationale Hilfe im Jahr 2009 niedrige 10,6 Prozent Overhead-Kosten aus. Pressesprecherin Andrea Winter sagt, man habe sich mit maximal 15 Prozent intern eine Grenze gesetzt. In manchen Jahren sei man deutlich unter 10 Prozent gelegen.

Österreicherinnen und Österreicher spenden jedes Jahr achtstellige Beträge für humanitäre und entwicklungspolitische Zwecke. Allein die kirchlichen Hilfswerke meldeten Anfang September für das Jahr 2010 eine Rekord-Spendensumme von 98,4 Millionen Euro für entwicklungspolitische Arbeit. Das ist mehr, als Österreich an bilateraler staatlicher Hilfe leistet. „Die staatlichen Hilfsmittel Österreichs sind im Vergleich zur Hilfsbereitschaft der Menschen beschämend gering“, kritisiert Heinz Hödl, der Geschäftsführer der Koordinationsstelle der Bischofskonferenz. „Viele wirksame Hilfsprojekte sind daher massiv gefährdet. Spenden können die staatlichen Verpflichtungen nicht ersetzen, sie können sie nur sinnvoll ergänzen.“ Christof Schweifer, der Chef der Caritas-Auslandshilfe, betrachtet die bisher zugesagten 1,5 Millionen Euro an öffentlichen Geldern für Ostafrika nur als ersten Schritt: „Eine Erhöhung auf zehn Millionen Euro wäre dem Ausmaß und der Dramatik der Katastrophe angemessen.“

erschienen in Ausgabe 10 / 2011: Globalisierung: Auf dem Weg zur Einheitskultur?

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