Die Lebensader wird abgeschnürt

Millionen Menschen in Südostasien leben vom Anbau auf dem fruchtbaren Schwemmland des Mekong und von dessen reichen Fischbeständen. Die Regierungen der Anrainerstaaten wollen nun verstärkt die Wasserkraft des Flusses zur Stromerzeugung nutzen. Experten befürchten verheerende Folgen für die Umwelt und die Wirtschaft sowie soziale Konflikte.

Der Mekong mit seiner Länge von mehr als 4800 Kilometer verbindet sechs Länder in Südostasien: China, Kambodscha, Laos, Myanmar, Thailand und Vietnam. Bislang zählte er zu den am wenigsten industriell entwickelten Fluss-Systemen der Welt. Doch das ändert sich gerade dramatisch. Am Mekong spielt sich ein von Menschen verantwortetes Drama ab, das die reiche Artenvielfalt des Stromes sowie den Lebensunterhalt und die Ernährungssicherheit von Millionen Fischern und Bauern bedroht. Das Mekong-Becken, das in der Vergangenheit von Kriegen verwüstet wurde, ist jetzt durch unaufhaltsames Wirtschaftswachstum und die Globalisierung gefährdet.

Autor

Richard P. Cronin

leitet die Südostasien-Abteilung am Stimson Center, einem unabhängigen und gemeinnützigen Forschungsinstitut für internationale Politik in Washington DC. Sein Text gibt seine persönliche Einschätzung und nicht notwendigerweise die Position des Instituts wieder.

Am Oberlauf des Mekong entstehen in der chinesischen Provinz Yunnan acht große Talsperren. Von ihnen geht die größte Gefahr für den Fluss und für die mehr als 60 Millionen Menschen aus, deren Lebensgrundlage er ist. Die chinesischen Staudämme werden das jährliche Hochwasser und dessen zeitlichen Ablauf beeinflussen und damit ein Ökosystem zerstören, das sich über Jahrtausende an saisonale Schwankungen zwischen Überflutungen und Trockenzeiten angepasst hat. Sie werden den wertvollen Schlamm zurückhalten, der die Fruchtbarkeit der von Natur aus nährstoffarmen Böden verbessert und die Flussablagerungen erhält, die das Delta vor dem Eindringen des Meerwassers schützen. Und während China die Erschließung der Wasserkraft im Oberlauf des Flusses vorantreibt, beabsichtigen Laos und Kambodscha am unteren Mekong bis zu zwölf weitere Staudämme zu bauen. Die in Laos erzeugte Energie ist vor allem für Thailand bestimmt, während die in Kambodscha geplanten Dämme Elektrizität sowohl für den inländischen Bedarf wie für den Export nach Vietnam und Thailand liefern sollen. Aufgrund des Grenzverlaufs und geographisch bedingter lokaler Überschüsse und Engpässe in der Stromversorgung kaufen und verkaufen Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam bereits untereinander Energie. Die neuen Dämme würden der weltweit produktivsten Binnenfischerei und einem großen Teil der globalen Reisversorgung den Todesstoß versetzen. Denn sie werden die Fließgeschwindigkeit des Mekong weiter verringern und dazu beitragen, dass er weniger biologisch aktive Sedimente mitführen kann. Außerdem werden sie verhindern, dass hunderte Fischarten, mit denen die Anwohner ihren Lebensunterhalt bestreiten, zu ihren Laichgründen gelangen.

1995 haben Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam das Mekong-Abkommen geschlossen und die Mekong River Commission (MRC) gegründet. Ihr erklärtes Ziel ist es, die einvernehmliche, gerechte und ökologisch nachhaltige Entwicklung von einer der wichtigsten gemeinsam genutzten Ressourcen der Welt zu gewährleisten. Laos will mit hunderten von Staudämmen an den Nebenflüssen des Mekong, die bereits im Betrieb sind, gebaut oder geplant werden, das Energiezentrum Südostasiens werden. Darüber hinaus plant die Regierung zehn Staudämme am Hauptstrom des Flusses, die zwischen der Nordgrenze zur chinesischen Provinz Yunnan und den berühmten Khone-Fällen an der Südgrenze zu Kambodscha entstehen sollen. Vertragsgemäß informierte sie Ende 2010 die stromabwärts gelegenen Nachbarländer über ihre Absicht, in der nördlich gelegenen Provinz Xayaburi mit dem Bau des ersten, 32 Meter hohen Dammes zu beginnen.

Damit werden die Richtlinien des Mekong-Abkommens (Procedures for Notification, Prior Consultation and Agreement – PNPCA) einem ersten Test unterworfen. Sein Ausgang könnte für die Zukunft des Flusses entscheidend sein. Bislang verlief die Planung jedoch alles andere als transparent. Zwei Monate vor dem Abschluss des PNPCA-Verfahrens hatte Laos noch nicht einmal das von einer Beraterfirma erstellte Gutachten über die Umweltverträglichkeit der Dämme veröffentlicht. Trotz der gegenteiligen Ergebnisse eines anderen Gutachtens, das von einem Expertenteam für die Mekong River Commission erstellt worden ist und sich auf das gesamte Fluss-System bezieht, beschränkte Laos sich darauf, seinen stromabwärts gelegenen Nachbarn zu versichern, dass der Damm keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt haben werde. Er soll von einer großen thailändischen Baufirma errichtet werden. 90 Prozent der gewonnenen Energie soll an Thailands staatliche Energiegesellschaft geliefert werden.

Vietnam lehnt das Projekt ab. Es fürchtet Schäden für seine dicht besiedelte „Reiskammer“ im Mekong-Delta und für das Zentrum seiner Aquakulturen für den Export von Fisch und Garnelen. Das Land hat keinen Flussabschnitt, der gestaut werden könnte, und bekommt deshalb nur die Nachteile der Dämme zu spüren. So hat das vietnamesische Landwirtschaftsministerium errechnet, dass die Ablagerung von Flussschlamm im Mekong-Delta von derzeit durchschnittlich 26 Millionen Tonnen auf 19 Millionen Tonnen zurückgehen würde, wenn alle zwölf in Laos und Kambodscha geplanten Staudämme gebaut würden. Weil dann mehr chemischer Dünger verwendet werden muss, wird das Wasser verschmutzt, das die Aquakulturen speist. Sie sind eine der bedeutendsten Wachstumsbranchen der Region. Die Dämme am unteren Mekong werden also der wirtschaftlichen Basis der Region großen Schaden zufügen, obwohl sie nur sechs Prozent ihres für 2030 zu erwartenden Strombedarfs decken werden.

Staudämme wirken sich immer schädlich auf das Fließverhalten und das ökologische Gleichgewicht von Flüssen aus. Dennoch kann eine Abwägung der ökologischen Nachteile gegen die wirtschaftlichen Vorteile bei der Stromgewinnung und Schiffbarkeit gerechtfertigt sein, wenn unparteiische Experten eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse vorlegen. Kleinere und kleinste Wasserkraftwerke und selbst größere Staudämme an Nebenflüssen können einen vernünftigen Kompromiss darstellen.

Dämme am Hauptstrom hingegen gehören in eine ganz andere Kategorie, vor allem wenn sechs Länder von einem Fluss abhängen. Ein großes Fluss-System ist einem Baum vergleichbar: Es schadet ihm nicht, wenn kleinere und auch größere Äste abgesägt werden. Doch wenn der Stamm durchgetrennt wird, stirbt der Baum. Diese Analogie trifft besonders dann zu, wenn Fische zum Laichen in die Nebenflüsse hinauf schwimmen. Das Leben der Menschen in den ländlichen Regionen am Mekong, die auf Reisanbau und Fischfang angewiesen sind, ist hart. Sie sind stets von Katastrophen bedroht, die sie selbst, ihre Familie oder ihre Dörfer ruinieren können. Nun werden sie auch noch die Nachteile der chinesischen Staudämme in Yunnan und der geplanten Dämme am unteren Mekong zu spüren bekommen, während die Vorteile hauptsächlich den weit entfernten größeren Städten zugute kommen.

Hinzu kommt, dass der Mekong zwar insgesamt ein Gefälle von über 5000 Metern aufweist, jedoch zu etwa 90 Prozent in Tibet und Yunnan. Da das Energiepotenzial eines Flusses in erster Linie vom Gefälle abhängt, bringen Staudämme am unteren Mekong prinzipiell eher wenig. Auch wenn der Bau aller zwölf in Laos und Kambodscha vorgesehenen Dämme genehmigt würde, läge ihr Beitrag zur gesamten Energiegewinnung nur im einstelligen Bereich. Aufgrund ihrer hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten sind Staudämme am Hauptstrom keine Lösung für den zunehmenden Energiebedarf.

Der mühsam errungene Friede und die Stabilität des ganzen Mekong-Beckens stehen auf dem Spiel, wenn die flussaufwärts gelegenen Länder das Wasser dort für sich beanspruchen. Vor allem die schädlichen Auswirkungen auf das Mekong-Delta in Vietnam sind konfliktträchtig. Dort und auch in Kambodscha werden sich die Einkommenssituation und die Nahrungsmittelsicherheit verschlechtern, und das könnte ihre innenpolitische Stabilität gefährden.

Außerdem können die Dämme in Laos und Kambodscha nur dann funktionieren, wenn die Chinesen das während der Regenzeit gespeicherte Wasser in den trockenen Wintermonaten, in denen der Fluss vierzig Mal weniger Wasser führt als im Sommer, in der richtigen Menge und zur richtigen Zeit abfließen lassen. Doch auch wenn China seinen Nachbarn keinen Schaden zufügen will, wird es seine Dämme für seine eigenen Interessen nutzen: Es muss die Stromversorgung während der Hauptverbrauchszeiten sicherstellen, Wasser speichern, Überschwemmungen verhindern, für Bewässerung sorgen, und möglicherweise wird es sogar Mekong-Wasser in andere, wasserarme Regionen des Landes umleiten wollen.

Theoretisch ist die „Mekong River Commission“ dafür zuständig, die konstruktive Zusammenarbeit der vier Länder am unteren Mekong zu gewährleisten, doch ihre Möglichkeiten wurden absichtlich beschnitten. Kein Land war bereit, einen Teil seiner Souveränität aufzugeben, der die Verfügungsmöglichkeiten über den Fluss und damit über nationale Ressourcen betraf. Die Kommission kann Gutachten in Auftrag geben und auf Anfrage Ratschläge erteilen, doch ihr Sekretariat ist dem Gemeinsamen Komitee unterstellt, das sich aus den Vorsitzenden der vier nationalen Mekong-Komitees zusammensetzt.

Bisher fehlt es bei den planerischen und bautechnischen Vorarbeiten und Untersuchungen für die in Laos und Kambodscha vorgesehenen Dammprojekte an Koordinierung und Transparenz. Die Initiative geht überwiegend von privaten Unternehmen aus. Konsultationen mit den Anwohnern, bei denen ihre Auffassungen und Interessen zum Tragen gekommen wären, besonders wo grenzüberschreitende Auswirkungen zu erwarten sind, haben so gut wie gar nicht stattgefunden. Weil die Regierungen bereits fest hinter den Dammprojekten stehen und fast nur hinter verschlossenen Türen diskutieren und entscheiden, konnte die Zivilgesellschaft bislang keinen Druck ausüben.

Die Bauträger aus Thailand, China und anderen Ländern ebenso wie ihre Geldgeber verwahren sich bislang strikt dagegen, für die langfristigen Kosten der Entwaldung, der Zerstörung der natürlichen Fischgründe und des Verlusts von Anbauflächen die Verantwortung zu übernehmen. Denn die Projekte wären wirtschaftlich nicht mehr attraktiv, wenn Entschädigungen für Umweltzerstörung, entgangenes Einkommen und Umsiedelungen gezahlt werden müssten. Die Regierungen der Anrainerstaaten scheinen nicht zu erkennen oder zu bedenken, in welchem Umfang sie auf diesen Kosten sitzen bleiben werden und welche nationalen und regionalen Konflikte möglicherweise auf sie zukommen.

Vielleicht sehen sie sogar ein, dass sie die Projekte nur genehmigen können, wenn die Bauträger für Entschädigungen und Umsiedlungen aufkommen müssen. Die viel umfangreicheren sekundären und tertiären Auswirkungen der geplanten Dämme scheinen ihnen aber gleichgültig zu sein. Bei dem rund 3,5 Milliarden US-Dollar teuren Xayaburi-Projekt in Laos müssen zum Beispiel rund 2100 Menschen umgesiedelt werden. Experten rechnen aber damit, dass mehr als 200.000 Menschen in der Umgebung des Damms ihre Verdienstmöglichkeiten aus dem Fischfang und dem Anbau und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten verlieren werden.

Das Gefährlichste an dem Projekt in Xayaburi ist jedoch, dass man sich damit auf einen abschüssigen Weg begibt. Ist der erste Damm gebaut, werden an die nächsten immer weniger strenge Maßstäbe angelegt. Je mehr Dämme entstehen, desto großzügiger werden ihre Auswirkungen bewertet, bis ein Punkt erreicht wird, an dem die Gesamtwirkung der bereits vorhandenen Dämme so groß ist, dass die schädlichen Folgen neuer Projekte keine große Rolle mehr spielen.

Die „Mekong River Commission“ hat ihren offiziellen Auftrag, die gemeinsame, nachhaltige und gerechte Entwicklung am unteren Mekong zu fördern, bisher nicht erfüllt. Das mag unter anderem an dem Misstrauen gegenüber den Ratschlägen der meist aus dem Westen stammenden Experten liegen. Dabei ist klar, was gegen Dämme am Hauptfluss spricht. Das geht auch aus Untersuchungen hervor, die die Mekong-Kommission selbst durchgeführt oder in Auftrag gegeben hat. Doch es fehlen die Bereitschaft und der politische Wille der Regierenden und anderer mächtiger Interessenvertreter, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und entsprechend zu handeln.

Aus dem Englischen von Anna Latz.

 

Kommentare

Ich sage NEIN zum Klimawandel ! Man sieht ja an Beispielen wie dem Mekong, dass sowas nie gut endet !

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